Enrico Urbanek

Intendanz, Regie, Ausstattung

Nach seiner Ausbildung als Vollmatrose und Maschinist bei der Deutschen Seerederei in Rostock und anschließendem Matrosendienst sammelte Enrico Urbanek zunächst praktische Erfahrungen als Bühnentechniker, bevor er Sprecherziehungs- und Schauspielunterricht in Magdeburg nahm. Von 1987 bis 1998 Regieassistenz, Regieverpflichtung und Abendspielleitung am Theater der Altmark Stendal, am neuen theater Halle und für das Landestheater Detmold. Ab 1998 Leitung der Studiobühne im Grabbehaus und des Kinder- und Jugendtheaters am Landestheater Detmold. Seit 2001 Intendant des Theaters Reutlingen Die Tonne.
Unter seiner Leitung eröffnete das Theater im Herbst 2003 eine zweite Spielstätte in der Planie 22.

Presse zu 10-Jahren Intendanz in Reutlingen:

LANGLÄUFER MIT ZIEL IN SICHT

von Otto Paul Burkhardt
REUTLINGER NACHRICHTEN, 19.12.2011

REUTLINGEN. Stetig und ideenreich: Tonne-Chef Enrico Urbanek ist ein Langläufer. Niemand hat`s gemerkt - als Intendant ist er nun zehn Jahre dabei. Wird gefeiert? Er lacht nur trocken: »Jubiläen sind mir nicht so wichtig.«

Er selbst hätte aus seinem Zehnjährigen kein großes Ding gemacht. Nein, Enrico Urbanek ist kein Freund der großen Worte. Kein Dampfplauderer, wie es sie auch im Intendanten-Geschäft gibt. Der 45-jährige, gebürtige Ostberliner ist ein Macher, ein Pragmatiker, ein Ermöglicher. Einer, der nicht so schnell aufgibt, der nicht auf blumige Rhetorik, sondern auf realen Fortschritt setzt. In seinem Spitalhof-Büro hängt ein, von weitem betrachtet, prachtvoller Rembrandt - und entpuppt sich bei näherem Hinsehen als rührende Fälschung eines norwegischen Dorfmalers. Das zeigt: Der Tonne-Chef weiß mit Sein und Schein umzugehen, weiß, wie man mit wenig Mitteln viel erreicht - und der Mann hat Humor. Auch viel Ironie, wenns sein muss.

Bevor Enrico Urbanek das Theater anno 2001 übernahm, stand es kurz vor dem Aus - Zuschauerschwund, Leitungschaos, Insolvenzverfahren. Heute, nach zehn Jahren, steht die Tonne richtig gut da. Urbanek hat die Besucherzahlen von 8144 (unter Vorgänger Alex Novak) auf rund 20 000 pro Saison erhöht, die Zahl der Vorstellungen von knapp 190 auf 260. Man könnte es auch so sagen: Urbanek, gelernter Seefahrer, hat das heftig schlingernde Tonne-Boot stabilisiert und auf Kurs gebracht. Man muss nicht jede Inszenierung mögen: Doch seine Intendanz ist eine Erfolgsgeschichte, hinter der viel Arbeit und Durchhaltevermögen steckt. Urbanek ist, was die Verweildauer der Tonne-Chefs angeht, jetzt schon ein Marathon-Mann. Sein Vertrag läuft bis 2014. Wenn er wieder verlängert, könnte er sogar den Gründungs-Intendanten Alf André, der es auf 14 Jahre brachte (1958 bis 1972), locker überrunden.

Das ist durchaus wahrscheinlich. Denn eins will er sicher noch zu Ende bringen: die schier endlose Hängepartie um ein neues Theaterzentrum. Jetzt, da das Wendler-Areal abgehakt ist (siehe Artikel rechts), steht dem interfraktionell geplanten Theaterzentrum nichts mehr im Wege. Es wird zwar höchstens 240 statt der vorher geplanten 300 Zuschauer fassen, doch die Chancen, dass es kommt, sind gut.

In der Stadt sei ein »kultureller Aufbruch« spürbar, sagt Urbanek, und vom Atelier Achatz Architekten, das auch die Münchner Kammerspiele baulich betreut hat, hält er viel: »erste Sahne«. Zweite Spielstätte, Internationales Tanztheater, Jugendforum, Bühnenarbeit mit geistig Behinderten (die bald institutionalisiert werden soll) - das sind einige Wegmarken, mit denen Urbanek das Tonne-Profil ausgebaut hat. »Träume ausleben« - auch das gehört zu seinem Theater-Credo.

Was war der größte Erfolg bisher? Die Antwort kommt ohne Zögern: Hans Krásas Kammeroper »Brundibár«, realisiert just zu Urbaneks zehnjährigem Dienst-Geburtstag im September 2011. Seine Inszenierung bezieht die Holocaust-Geschichte auf beklemmende, mutmachende, bildkräftige Weise mit ein.

Beispielhaft ist das Projekt auch als Vernetzung, als Zusammenarbeit mit dem Knabenchor capella vocalis und der Württembergischen Philharmonie. Vor allem: Es hat bei den Beteiligten »echt was bewegt«, erzählt Urbanek - er könne die jungen Akteure nur »in ihrer Mutigkeit« bewundern. Von 18. bis 21. Februar sollen weitere Aufführungen folgen.

Und der größte Flop? »Messer in Hennen« von David Harrower, viel versprechend - aber es lief nicht. Überhaupt, das Publikum hier? Bleibt auch für Urbanek »immer noch ein großes Fragezeichen«. Was ankommt und was nicht, ob Mozart holpert oder Jelinek viel Auswärtige anlockt: »Da erlebe ich immer wieder Überraschungen.« Doch Urbaneks Tonne-Theater hat sich sehr wohl auf hiesige Bedürfnisse eingependelt. Gemischt muss es sein, mit eigenwillig neu interpretierten Klassikern (Schiller bis Ibsen), mit Gegenwartsstücken (Sarah Kane bis Neil LaBute), mit Oper, mit Revuen, mit Sommertheater. »Stückunikate«, die man nicht überall gucken kann - damit vor allem punktet Urbaneks Spielplan. Dass die Tonne mit dem neuen Monologfestival »Monospektakel« Erfolg haben wird, hat kaum einer geahnt. Kein Wunder, dass es von 26. Januar bis 5. Februar in die zweite Runde geht.

Der Theatermacher Urbanek versteht seine Aufgabe so: »Kunst zu ermöglichen, sie vielen Leuten zugänglich zu machen und sie gleichzeitig aber auch immer wieder zu hinterfragen.« Und was kommt auf den Spielplan? »Das, was mir gefällt, was wir gut vertreten können.« Mit sechs Ensemble-Planstellen lassen sich keine großen Sprünge machen. Mitgliedschaft im Bühnenverein und Tariflöhne sind da nicht drin: »Groß bereichern kann man sich hier nicht.« Er plant eher auf Sicht, mit »Halbjahres-Verträgen«.

Die Strukturreform 2003 - von der Trägervereinssatzung zur städtischen GmbH - hat sich durch größere Planungssicherheit bewährt: »Ich kanns mir nicht mehr anders vorstellen.« Dass er als gelernter »Vollmatrose/Maschine« im Dienst einer Rostocker Reederei zur See fuhr (Afrika, Mittelmeer), kommt dem Theater heute noch zugute: Der Intendant hat schon so manchen Maschinenschaden an der Tonne mit viel Geschick repariert.

BÜHNE DER WAHRHAFTIGKEIT
Theater-Intendant Enrico Urbanek bringt Menschen zusammen

von Matthias Stelzer
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 28.12.2011

Er lebt und arbeitet seit zehn Jahren in Reutlingen. Enrico Urbanek, Intendant der Tonne, hat in dieser Zeit die Reutlinger Theaterarbeit aus dem Keller befreit. Er macht Theater in der und für die Stadt. Eine Erfolgsgeschichte.

REUTLINGEN. »Achtung. Sie verlassen jetzt West-Berlin!« – direkt an der Tür zum Spitalhof-Büro des Ostberliners Enrico Urbanek verläuft die Sektorengrenze. Wer das Schild passiert, die ideologische Grenze überwindet, landet mitten in der Reutlinger Theaterwelt. Die hat der 46-jährige Tonne-Intendant in den vergangenen zehn Jahren geprägt, wie kaum ein anderer vor ihm.

Enrico Urbanek ist kein großer Theaterphilosoph, kein Schauspieler in eigener Sache. Er ist ein eher ruhiger Vertreter seiner Zunft, herzlich und integrierend. Dem 1966 geborenen Sohn einer Ostberliner Journalistin und eines Regisseurs liegt nicht der Glamour am Herzen. Er sucht im Theater die Augenblicke der Wahrhaftigkeit. Das Darstellen im Sinne von Verstellen interessiert ihn nicht. »Wir versuchen, ehrliches Theater in die Stadt zu tragen.«

Am besten geht es ihm als Regisseur und Intendant, wenn sich die Reutlinger Bevölkerungsstruktur möglichst breit in den Publikumsreihen abbildet. Um das zu erreichen, verfolgt der 46-Jährige die klare Strategie: »Theater muss Spaß machen.« Und darin sieht er erstmal keinen Widerspruch zur politischen Relevanz des Spielplans und dem Kulturauftrag seines Hauses.

»Klar, da kann man auch mal falsch liegen«, sagt Urbanek, der das Geheimnis des Reutlinger Publikums-Geschmacks auch noch nicht gelüftet hat. Der »Amadeus« lief – entgegen seiner Erwartungen – in Reutlingen gar nicht, Elfriede Jelinek sorgte dafür, dass die Tübinger in Scharen anreisten und mit dem »Maß der Dinge« kam die Tonne seinem Ideal der Publikumsstruktur sehr nahe. Überhaupt: Die Zuschauerzahlen und Einspielergebnisse sind besser denn je.

Und was war sein größter Erfolg in zehn Reutlinger Jahren? Da muss Urbanek nicht lange überlegen: »Brundibár.« Das Kinderopern-Projekt mit dem Reutlinger Knabenchor Capella Vocalis und der Württembergischen Philharmonie ist dabei vielleicht typisch für eine der großen Stärken Urbaneks: Er kann Menschen zusammenbringen. Was er auch schon mit seiner Theatergruppe für Menschen mit Behinderung gezeigt hat. »Ich habe dadurch, dass ich immer wieder normale Leute auf die Bühne hole, unglaublich viel gelernt«, sagt der Tonne-Intendant bescheiden. Viele seiner Kolleg/innen sprechen dagegen voller Bewunderung von der Kraft, die Urbanek immer wieder in Laienprojekte steckt.

»Da bleibt mehr als der Erfolg eines Stücks«, erklärt der Theatermann dieses Engagement. Und das nicht nur ideell. Im nächsten Jahr werden in der Tonne die ersten Arbeitsplätze für die Darsteller/innen der BAFF-Theatergruppe entstehen. Das freut den Intendanten und ist ihm Beweis für die Qualität seines Reutlinger Arbeitsplatzes: »Ich kann mich hier absolut entfalten.«

Ein Satz, der in einem Kleinbetrieb wie der Tonne auch unerwartet Facetten hat. Urbanek ist sich nicht zu schade zwischen zwei Aufführungen die Bühne zu wischen, hat als gelernter Matrose der DDR-Volksmarine in der Planie auch Hand an die alte Dampfheizung angelegt, wenn der sibirisch-stämmige Hausmeister mal keine Zeit hatte.

»Familienbetrieb im Sinne von Familien-Atmosphäre«, nennt der Theaterchef das System, in dem er sich ebenso wohlfühlt, wie in Reutlingen. »Ich lebe gerne hier«, sagt er. Und wenn es dann mal echte Großstadtluft sein muss, dann setzt er sich ins Auto und fährt in eines der großen Theater. »Ich muss ja lernen. Es ist in meinem Job wichtig, den kritischen Vergleich nicht zu verlieren und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen«, sagt er.

»Dynamisch weiterentwickeln«, will Urbanek sein Reutlinger Theater. Will nach den Wegmarken »Internationales Tanztheater«, »Monospektakel«, Tonne-Jugendforum und Theater mit Menschen mit Behinderung 2014 dann auch noch das Theaterzentrum in der Planie eröffnen. »Das ist doch logisch«, sagt er – was impliziert, dass er seinen 2014 auslaufenden Vertrag vermutlich nochmals verlängern will. »Als Seemann möchte ich klar Schiff haben und nicht bei hohem Seegang übergeben.«

Das Tonne-Theater und Intendant Enrico Urbanek
Das Reutlinger Theater Tonne ist seit dem Jahr 2002 eine GmbH und hat inklusive Intendant und Raumpflegerin derzeit 14 Beschäftigte.
Mit sechs Schauspieler-Planstellen stemmte die Stadtbühne zuletzt ganze 260 Vorstellungen. Etwa 20 000 Besucher/innen kamen vergangene Saison zu den Vorstellungen in den zwei Spielstätten (Spitalhofkeller und Planie 22) des Tonne-Theaters.

Enrico Urbanek ist seit Sommer 2001 Intendant der Reutlinger Bühne. Der 46-jährige gebürtige Ostberliner fuhr zuerst als »Vollmatrose/Maschine« zur See. Erste Theaterluft schnupperte er als Bühnentechniker und Regieassistent im Musiktheater Stendal. Von dort wechselte er als Regisseur zu Peter Sodann (»Tatort«-Ehrlicher) ans Neue Theater Halle. Von 1996 bis zu seinem Amtsantritt in Reutlingen war Urbanek Spielleiter am Landestheater Detmold. Enrico Urbanek lebt mit der Orchestermusikerin Dessislava Stoyanova und den zwei gemeinsamen
Kindern in Reutlingen.

KOMMENTAR
Der personelle Tonne-Glücksfall

Hätte man vor zehn Jahren mit dem Wissen von heute einen Intendanten fürs Reutlinger Theater »Die Tonne« einstellen müssen, die Wahl wäre wohl wieder auf Enrico Urbanek gefallen. Zu gut ist die Bilanz des 46-Jährigen, der seit 2001 der kreative Kopf der kleinen und feinen Stadtbühne ist. Als der gebürtige Ostberliner die Tonne übernahm, stand sie kurz vor der Schließung. Es mangelte an Zuschauern, Strukturen und Geld.

Ganz anders heute: Urbanek treibt ein Theater mit zwei Spielstätten (Spitalhofkeller und Planie 22) um, hat die Bühne finanziell saniert, die Zuschauerzahlen im Vergleich zu seinem Vorgänger Alex Novak mehr als verdoppelt.

Urbanek ist ein Ermöglicher, der sich mehr über Team-Erfolge als persönliche Lorbeeren freut, ein Basis-Netzwerker oder einfach: ein personeller Glücksfall. Die Tonne hat sich unter seiner Ägide zu einer Bühne entwickelt, die mit schrillen Revuen, eindringlichen Gegenwartsstücken und eigenwillig interpretierten Klassikern viel – auch junges – Publikum an sich binden konnte.

Abwechslung, politische Relevanz und Spaß – diese Zutaten sind es wohl auch, die dem Ensemble immer wieder starkes Personal, wie Eric van der Zwaag oder Chrysi Taoussanis, bescherten. Mit Tariflöhnen oder gar großen Sprüngen kann die Tonne bei ihrem Etat nicht glänzen. Sie lebt, noch mehr als größere Bühnen, von Arbeitsklima, Teamgeist und spannenden Projekten für die Schauspieler/innen.

Und die gibt es beim Reutlinger Theater schon deshalb, weil es – ganz im Sinne der Urbanekschen Ermöglichungs-Philosophie – auch anderen Kreativen eine gute Bühne bietet. Heiner Kondschak beispielsweise, Bernhard Mohl oder auch den Tanztheater-Leuten.

Urbanek hat – und das ist vielleicht seine größte Leistung als Intendant – das Reutlinger Stadttheater nach innen und außen geöffnet. Mit seinem Jugendforum, der Behinderten-Theatergruppe und einer Vielzahl von Kooperationen, die beispielsweise in die »Stadtoper« oder jüngst die Theresienstadt-Kinderoper »Brundibár« mündeten, hat Urbanek eine breite Basis für seine Intendanz geschaffen.

Und für die Finanzierung des Theaters. Denn als Nebeneffekt der – nennen wir es mal – aufsuchenden Theaterarbeit ziehen Urbanek und sein Verwaltungschef Matthias Schmied (noch so ein personeller Glücksfall für die Tonne) inzwischen regelmäßig Projektfördergelder an Land. Nur durch diese Drittmittel und das überdurchschnittliche Engagement des Tonne-Teams ist das aktuelle Reutlinger Theaterwunder möglich geworden. 260 Vorstellungen stemmte die Belegschaft in der vergangenen Saison – erfolgreich und (anders als in anderen Städten) mit konstant hohem Besucherzuspruch.

Und bei so viel positiver Energie verwundert es dann auch nicht, dass der Tonne-Intendant mit dem Gedanken spielt, seinen Vertrag über 2014 hinaus zu verlängern. Er will ein anderes Thema zu Ende bringen, das ihn schon seit vielen Jahren beschäftigt: die Theaterfabrik in der Planie 22. Eine »echte Chance« nennt er die Pläne dort und spricht von einem kulturellen Aufbruch. Und für Letzteren kann man sich derzeit tatsächlich keinen besseren Ermutiger und kreativen Begleiter als Enrico Urbanek vorstellen.