DER FAN ALS EWIGER FANATIKER
von Michaela Adick
STIMME.DE, 12.03.2011
HEILBRONN. »Mit halbem Tempo kann jeder.« Im Affentempo spielt die Bandmaschine einen längst für das menschliche Ohr nicht mehr erkennbaren Michael-Jackson-Titel ab. Davor: Ein hyperaktives Menschenkind mit Afro-Perücke, ein zappelndes, moonwalkendes Wesen, ein in Unehren altgewordener Michael-Jackson-Fan, gefangen zwischen seltenen hellen Momenten und Wahnsinn.
Ein Mensch, auf ewig stecken geblieben in seiner Rolle als Fan. Hatte er dem King of Pop 1987 nicht »I´m Ben, your fan« ins Ohr geflüstert? Und hatte dieser ihm damals nicht im quietschenden Michael-hat-dich-lieb-Ton geantwortet »I love you«?
KEINE CHANCE
»The Fan in the Mirror« hat Benjamin Hille seine recht konsequente Annäherung an das Phänomen Michael Jackson genannt, mit der der Schauspieler jetzt im Kaffeehaus Hagen gastierte. Für die Städtischen Bühnen Heidelberg hatte Benjamin Hille, früheres Ensemble-Mitglied am Stadttheater Heilbronn, seinen »Jackson« ursprünglich eingerichtet, als ein zeitloses Porträt eines Menschen, der keine wirkliche Chance hatte, älter zu werden.
Und wie geschickt Benjamin Hille (Text, Choreographie, Spiel) seinen fast 90-minütigen Parforceritt angelegt hat, wie munter er durch die Zeiten springt, zerrissen zwischen Passion und Obsession, zwischen Ben-Sein in Hamburg und Michael-Sein in Neverland. Was die größere Katastrophe ist, lässt er klug offen.
In einer Art Familienaufstellung mit Plüschtieren und Barbiepuppen stellt Hille dem Publikum den dysfunktionalen Familienverband vor, ein verkorkstes Elternhaus mit einem schlagenden Vater und einer bigotten Mutter.
BRÜCHIGER THRILL
»Sunny days seem far away« summt er dazu, immer wieder begleitet er sich selbst am Klavier. Und siehe da, derart vom Bombast befreit, entwickeln die Songs Michael Jacksons einen ganz eigenwilligen, zuweiligen brüchigen Thrill. Ein Abgrund von Einsamkeit tut sich auf.
»To beat it or not to beat it«, das ist hier die Frage, die Hamlet seinem Spezi Jackson mit auf den Weg gibt. Während Ben in Hamburg immer schwarzer und schwarzer wird und in einem Abgrund von Fanatismus verendet, wird Michael in Neverland heller und heller: Die existenziellen Fragen brechen auf, von Nähe und zuviel Nähe, von vermuteter Kinderliebe, die durch die vermutete Asexualität Jacksons nicht entschuldigt, so doch erklärt wird.
TRAUM UND ALPTRAUM IM SPIEGEL
von Martin Vögele
MANNHEIMER MORGEN, 14.09.2010
Bens Erweckungserlebnis datiert auf das Jahr 1987: Sein Vater schenkt ihm zum zwölften Geburtstag eine Schallplatte - Michael Jacksons Album »Bad«. »Ein komplett neues Leben« habe damit begonnen, erzählt er heute. Ein Jahr lang spart der Junge auf Konzertkarten, dann, am Tag des Auftritts, teilt sich das Meer der Zuschauer, Ben kann bis zur Bühne schreiten, wird von dem Star willkommen geheißen - der im Übrigen »sehr gutes Deutsch spricht«, wie Ben an anderes Stelle bemerken wird.
»Michael Jackson & The Fan In The Mirror«, mit dem Schauspieler Benjamin Hille im Heidelberger Taeter Theater gastiert, ist eine irrlichternde Ein-Mann-Musik-Show, komödiantisches Solo-Stück und bedrückendes Künstler-Psychogramm zugleich. Hille, Ensemblemitglied am Heidelberger Theater, erzählt »eine musikalische Passionsgeschichte«, bei der er historische Fakten mit traum- und alptraumhaften Sequenzen verbindet.
HAARE WIE EIN »STAHLGEWITTER«
Er schlüpft in verschiedene Rollen und Blickwinkel, bittet dabei (teils auch in Form von Handpuppen - etwa beim in eine Katze umoperierten Affen Bubbles) ein grelles Panoptikum aus Fan Ben, Jackson selbst, dessen Weggefährten und Familie auf die Bühne. Mit Diana Ross etwa (»2,30 Meter groß«, die Haare wie ein »Stahlgewitter«) lässt Hille den Sänger das Studio 54 besuchen, trägt dabei Glitzerperücke und - gleich einer Bischofs-Mitra - das »Off The Wall«-Aufklapp-Plattencover auf dem Haupt. Das ist ebenso bizarr und komisch, wie die dem »Thriller«-Video entlehnte Transformation Jacksons in einen Werwolf - nach deren Vollendung Hille indes wunderbar unpassend den Song »Billie Jean« zur eigenen Keyboard-Begleitung durchs falsche Reißzahn-
Gebiss singt.
Beklemmend sind dagegen die Zwiegespräche zu den Missbrauchs-Vorwürfen, die als lauernder Abgrund das Geschehen umklammern. Es entsteht eine Melange aus Sprechtheater, Musik und Tanz, die Hille mit famosem Spiel zwischen anrührendem Ernst und - bisweilen albernem, oft hintergründigem - Witz souverän über 90 Minuten geleitet.
