KINDHEIT ZWISCHEN ZWEI KULTUREN

von Kathrin Kipp
REUTLINGER NACHRICHTEN, 26.03.2016

Wie verarbeitet man eine Kindheit zwischen zwei kulturell verfeindeten Lagern? Man kann ein Erzähltheater-Comedy-Programm draus machen: Chrysi Taoussanis schildert an der Tonne lustige »Neurosen aus Athen«.

Tante Elektra mit Oberlippenbart und dicken Augenbrauen steht auf deutsche Schlager: »Du sollst griechischer sein«, flötet sie auf Udo Jürgens' »Griechischen Wein« der kleinen Chrysi ins Ohr. Die Tante provoziert Mutter Rosi: »Wir waren saubere Griechen, bis du in die Familie kamst!« Und meint zu der kleinen Chrysi: »Gott will uns prüfen: Dem einen gibt er nur ein Auge, dem nächsten einen schlimmen Hautausschlag. Dir hat er eine deutsche Mutter gegeben.«

Chrysi Taoussanis hat als deutsch-griechisches Zwitterwesen mit starker Körperbehaarung eine deutsche Mutter und einen griechischen Vater - das kann nicht gut gehen. Das braucht Therapie. Da muss alles mal raus. Und so hat sie über ihre interkulturellen Insidererfahrungen ein recht gepfeffertes Stand-Up-Programm geschrieben, in dem das griechische mit dem deutschen Lager ihrer Familie im Dauerclinch liegt: gepflegter Nahkampf mit Worten und anderen Waffen, sowie ständigen Sticheleien - auf beiden Seiten. Die sich in Sachen Giftspritzigkeit und Schlagfertigkeit überhaupt nichts schenken.

Aber was sich neckt, das liebt sich ja. Das Gegifte hat also durchaus auch was Liebenswertes. Weil beide Seiten unheimlich bemüht sind, möglichst kunstvoll zu provozieren. Die Familie sitzt im Auto: »Papa, wer hat gesagt: 'Ich weiß, dass ich nichts weiß?'« - »Ich weiß nicht. Ich kann's nicht gewesen sein.« Die Tonne-Schauspielerin mit der gespaltenen kulturellen Identität erzählt von ihrer Kindheit, schlüpft in die verschiedenen Rollen, spielt Szenen am Telefon oder in der Raststätte: die Mutter immer mit der imaginären Kippe in der Hand, Vater Costa und Tante Elektra mit hübschem deutsch-griechischen Akzent. Ihr Vater ist Arzt, also keineswegs der »faule Grieche«, der von der Rente der vor vierzig Jahren verstorbenen Oma lebt, sondern einer, der auf »Leistung und Status« geht. Denn »mit Geld bekommt man alles«, auch in Deutschland, glaubt er. Nur blöd, wenn man an der Supermarktkasse die Geheimzahl nicht weiß: »Was brauch ich eine Geheimzahl, ich bin völlig legal hier!«

Mit ihren »Neurosen aus Athen« ist sie das erste Mal in die Comedy-Disziplin eingestiegen - mit großem Lach-Erfolg, knackigem Tempo und teils echt fiesen, politisch natürlich nicht immer ganz korrekten Pointen.

Damit das Kind keinen langfristigen Schaden nimmt, habe man sie auch noch zur Gestalttherapie geschickt. Da musste sie ihre Familie malen. Chrysi Taoussanis reckt ihre ausdrucksstarken Gemälde in die Luft: der Vater als griechischer Metzger mit Hammer, Säge und Blut - Costa ist Unfallchirurg. Die Mutter als Zigarette in Schwarzrotgold, sie selbst als griechisch-deutsche Hydra im Prinzessinnen-Outfit und starker Gesichtsbehaarung an beiden Köpfen. Aber Arzttochter zu sein, hat auch Vorteile - Costa schreibt fleißig Entschuldigungen für den Sportunterricht: einmal Hüft-OP, einmal Nierentransplantation, zweimal Blinddarm.

Sie bekommt trotzdem ein gutes Zeugnis: »Und das fast ohne Organe!« Der Kopf ist zwar noch dran, aber in ihm spielt sich permanent eine deutsch-griechische Tragödie ab: Sie weiß nie, mit welchem der Lager sie sich identifizieren soll. Bei den Griechen wird man von völlig fremden Menschen überfallen, mit Liebe überschüttet und goldenen Fußkettchen beschenkt. Auf der anderen Seite: die steinkalte deutsche Verwandtschaft, die einem eine gelbe Backschürze schenkt mit der Aufschrift: »Jeder Tag ist eine harte Nuss, die man frohen Mutes knacken muss«: Leiden als Genuss.

Und wer hat's erfunden? Die Griechen. Vor allem Tante Elektra: jeder Tag ist der allerschlimmste überhaupt. Und als ihr auch noch mit ihren zarten 60 Jahren die Halbwaisenrente gestrichen wird, geht's ihr so dreckig, dass sie sogar nach Deutschland kommen will. Die kettenrauchende Mutter blockt ab: »Wie, du willst zu uns kommen?... Da gibt es doch andere Lösungen - Herakles zum Beispiel hat sich verbrennen lassen.«

TRAGÖDIE, ZUM BRÜLLEN KOMISCH

von Matthias Reichert
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 26.03.2016

Chrysi Taoussanis inszeniert an der Tonne ihre deutsch-griechische Biografie

REUTLINGEN. »Warum wollen alle griechische Tragödie spielen? Das hatte ich schon zuhause.« Tonne-Schauspielerin Chrysi Taoussanis kennt die Konflikte zwischen Deutschland und Griechenland seit ihrer Osnabrücker Kindheit. Ihr Vater, ein Unfallchirurg, kam aus Thessaloniki des Berufs wegen nach Deutschland - und heiratete eine Ostpreußin. Aus den damit verbundenen Dramen hat Taoussanis nun ein Solostück geschrieben, das sie am Donnerstag als Gastspiel-Premiere am Reutlinger Tonne-Theater im Spitalhofkeller herausgebracht hat.

»Oh, Neurosen aus Athen«, lautet der Titel - natürlich verballhornt sie gekonnt Nana Mouskouri, wie das schon Diether Krebs in der ARD-Klamotte »Sketchup« getan hat. Taoussanis mischt nun Stand-up-Comedy mit Erzähltheater. Anfangs schenkt sie Ouzo aus und spaßt mit den Zuschauern, verteilt Geschenke und eine weiße Rose, die ihr ein Mann in der ersten Reihe zuletzt auf ein Zeichen wie spontan zum Lied überreichen darf. Sie spottet über die eigene üppige Körperbehaarung: »Was denn, ein Schimpanse?«, soll der Vater nach ihrer Geburt gerufen haben.

Für die Comedy-Einlagen hat sie Unterstützung vom Tübinger Profi Helge Thun bekommen. Mit Erfolg, die Pointen sitzen. Etwa, wenn sie über die Entschuldigungen referiert, die ihr der Vater für den Sportunterricht geschrieben habe - in einem Schuljahr verlor sie demnach Milz, Leber und mehrfach den Blinddarm.

Dazwischen sind, beraten von Expertin Karin Eppler, Erzähltheater-Szenen gestreut und beleuchten die Konflikte mit der Verwandschaft. Allen voran die griechische Tante Elektra, die Schwester des Vaters. Sie macht das Solo erst zur »halb-griechischen Tramödie«, so der Untertitel - zur Tragödie und Komödie zugleich. Für Elektra sei jeder Tag der letzte und der schlimmste im Leben. Taoussanis spielt die Rollen im Wechsel. Die Tante zofft sich mit der kettenrauchenden Mutter, dass es eine Lust ist. Die politische Großwetterlage wird gestreift, wenn Elektra über griechische Fremdherrschaft lamentiert: die Perser, die Türken, die Troika und »der böse deutsche Mann im Rollstuhl« - Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Blut ist in Griechenland dicker als Wasser - eine griechische Kusine vierten Grades überhäuft Klein-Chrysi mit Goldschmuck, die Dortmunder Tante Doris mit Ruhrpott-Slang bringt nur eine Backschürze. Tante Doris ist Vorsitzende im Vertriebenen-Verein und lässt kein gutes Haar an den Griechen. Die privaten Animositäten sind ein Abziehbild nationaler Konflikte. Tante Elektra zieht nach Deutschland, weil sie in ihrer Heimat keine Halbwaisen-Rente mehr bekommt. Beim Familienausflug zum Zoo samt Sprachkurs via Kasette brechen sämtliche Vorurteile durch. Das ist zum Brüllen komisch, auch wenn einige garstige Kalauer leicht abgedroschen sind.

Taoussanis zeigt drastische Therapie-Zeichnungen von früher, die Mutter wird darin zur überdimensionalen Fluppe. Elektra liebt Schlager. »Du müsstest griechischer sein«, singt die Tante zur Melodie von »Griechischer Wein« - Szenenapplaus. Am Ende verhärten die Fronten zur klassischen Tragödie inklusive Chor, als sich die zunehmend demente Tante für die Original-Elektra von Sophokles hält. Das gut einstündige Solo wurde zurecht heftig beklatscht.

UNTERM STRICH
Auch wenn Chrysi Taoussanis gelegentlich ein bisschen arg den Holzhammer aupackt: Dieses Solo ist schon nach der Uraufführung Kult!

FAMILIÄRE KULTURKOLLISION

von Nadine Nowara
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 26.03.2016

Theater - Chrysi Taoussanis arbeitet in ihrem Programm »Oh, Neurosen aus Athen« in der Tonne komödiantisch ihre deutsch-griechischen Wurzeln auf

REUTLINGEN. Der Ouzo steht bereit. Wenn Griechen einladen, wird Gastfreundschaft großgeschrieben. Die Schauspielerin Chrysi Taoussanis stellte am Donnerstag in der Tonne ihr neues Programm »Oh, Neurosen aus Athen« vor und servierte neben Anisschnaps Anekdoten aus dem Leben mit ihrer deutsch-griechischen Familie.

Ob an der Autobahnraststätte, im Zoo oder überall sonst: Chrysis Familie fällt auf. Der griechische Vater, Arzt von Beruf und leidenschaftlicher Macho, diagnostiziert mit einem Blick Wechseljahrbeschwerden bei der weiblichen deutschen Verwandtschaft. Tante Elektra, die einen gewissen Hang zur Melodramatik hat und für die jeder Tag »der schlimmste Tag ihres Lebens ist« weint ihrer Heimat hinterher. Aber auch die deutsche Tante Doris aus Dortmund erfüllt so einige Klischees.

LIEBENSWERTE FAMILIENBANDE
Trotz vieler Streitigkeiten gewinnt man die Familienbande einfach lieb. Im ganzen Familientrubel muss sich die kleine Chrysi zurechtfinden. Zwischen der kettenrauchenden deutschen Mutter, die immer miesmutig und gelangweilt ist, und dem lauten Machopapa wirkt sie irgendwie verloren. Ihr Selbstporträt ist aussagekräftig: Sie ist eine Prinzessin beider Länder, jedoch ganzkörperbehaart. Denn sie ähnelt ihrem Vater »wie aus dem Rücken geschnitten«.

Mit ihrer sympathischen, selbstironischen Art hat Taoussanis schnell das Publikum auf ihrer Seite. Die humorvoll überspitzten Alltagsepisoden würzt sie mit zahlreichen Seitenhieben auf beide Kulturen. Dass Chrysis Vater eine Deutsche geheiratet und nur noch ein »halbgriechisches« Kind gezeugt hat, empfindet etwa die griechische Seite als Problem. Waren sie doch davor immer »saubere« Griechen. Tante Doris ist umgekehrt von Griechenland nicht so angetan, da sei es ihr zu warm und es wären überall Griechen. An Fremdwörtern scheitert sie häufig, nicht einmal Chrysis Namen kann sie richtig aussprechen.

Auch politischere Witze über Menschen, die ihr Leben lang Halbwaisenrente beziehen oder über die Schuldenkrise dürfen nicht fehlen. Hierzu liefert die Schauspielerin eigene Erklärungen: »In Griechenland ist Blut dicker als Wasser. Manchmal sehr fett, eben Vetternwirtschaft.«

GESPÜR FÜR TIMING
Taoussanis überzeugt in allen Rollen und beweist ein Gespür für Timing und gezielt abgefeuerte Pointen. Das Familienchaos kann man sich gut vorstellen. Dem zuzuschauen, wie sie zwischen den unterschiedlichen Rollen hin- und herspringt, macht richtig Spaß. Manche Witze werden allerdings etwas überstrapaziert. So kommt das Thema Körperbehaarung ein paar Mal zu oft.

Die kleine Chrysi bleibt im Vergleich zu den dominanten Familienmitgliedern blasser, so erfährt man kaum etwas über ihre Interessen. Auch die deutsche Mutter ist unauffällig, außer dass sie Kette raucht. Die Darstellung der Tante Elektra, die von Chrysis Mutter so unerwünscht ist, dass sie zu Fuß über die Balkanroute einwandern muss, ist da spannender. Ihr Leiden in der Fremde, die »kalt und herzlos wie ein Stein ist«, beschreibt Taoussanis mit einem Lied »Du könntest griechischer sein«, angelehnt an den Schlager »Griechischer Wein«. Hierzu verkleidet sie sich als ihre Tante – mit angeklebtem Schnurrbart und einer angeklebten Augenbraue. Natürlich singt sie mit griechischem Akzent und voller Dramatik. Für diese Darbietung gibt es einen extra Applaus.