LEIDENSCHAFT UND EIFERSUCHT

von Bernhard Haage
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 11.02.2017

Tonne-Premiere - Lew Tolstoi: Reutlinger Theater packt mit »Anna Karenina« Weltliteratur erfolgreich in ein Bühnenformat

REUTLINGEN. Ist es möglich, aus einem rund 1300 Seiten starken Roman ein stimmiges, knapp 90-minütiges Theaterstück zu machen? Karen Schultze vom Reutlinger Theater Tonne hat dieses Kunststück vollbracht. Zusammen mit Marion Schneider-Bast, die auch für Regie und Ausstattung verantwortlich ist, hat sie Lew Tolstois »Anna Karenina« in ein geschickt arrangiertes Bühnenstück für zwei Personen verarbeitet.

Bei der Premiere am Donnerstagabend zeigte sich Chrysi Taoussanis mal als Kitty (alias Prinzessin Jekatarina Alexandowna Schtscherbazkaja), mal als Anna Karenina, wobei die Auswahl der Dialoge und die gelungene Darstellung der unterschiedlichen Frauentypen so eindeutig ist, dass keinerlei Verwirrung aufkommen kann. Das Gleiche gilt für ihr männliches Gegenüber: David Liske hat mit Lewin, Wronski und Alexej Karenin gleich drei wichtige Romanfiguren zu verkörpern.

Ein geschickter Kunstgriff sorgt für den Rahmen der Handlung: Kitty und Lewin fügen nicht nur eine romantisch-komische Liebes- und Ehegeschichte zum eigentlichen Drama hinzu, sondern plaudern auch untereinander mit dem Publikum über ihre knifflige Aufgabe als Darsteller und die Zustände in den Salons und Palästen der Moskauer und St. Petersburger Oberschicht in der Zarenzeit.
»Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich«, liest die Schauspielerin zu Beginn den ersten Satz des Romans, weil die Geschichte schließlich ganz vorne beginnen soll.

Scheinbar mühelos ziehen Taoussanis und Liske die Zuschauer damit spielerisch mitten hinein in das Geschehen rund um jene faszinierende Anna Karenina, die zunächst von allen begehrt - und dann aber von ihrem Ehemann und der »feinen« Gesellschaft grausam geächtet wird, weil sie mehr oder weniger offen ihre schicksalhafte Liebe zu Wronski lebt. Über allem kann diese Anna stehen, nur nicht darüber, dass ihr der Kontakt zu ihrem Sohn Serjoscha verwehrt wird. Daran zerbricht sie schließlich.

Auf der Bühne, links und rechts von bewegten Birkenstämmen flankiert, baumelt als einziges Requisit ein weißes Ballkleid mit ausladendem Reifrock, das zur Garderobe für die Schauspielerin wird, wenn es die Umstände erfordern. Ein schauspielerischer Höhepunkt ist der »unkontrollierte« Ausbruch von Eifersucht bei Kitty, als ausgerechnet ihr Lewin es wagt, die bedauernswerte Anna Karenina zu besuchen. Taoussanis kann als vor Eifersucht »Rasende« komplett überzeugen. David Liske wiederum meistert die Aufgabe, die komplexen Persönlichkeiten von Alexej Karenin und Wronski (Ehemann und Liebhaber) zu verkörpern, sehr gut. Die Vielschichtigkeit von Tolstois Romanfiguren ist nicht zu übersehen.

Das Stück endet mit wie zufüllig ausgewählten Worten aus dem Roman und mit dem Tod der Hauptfigur - und mit langem Applaus, den sich alle Beteiligten redlich verdient haben.

UNTERM STRICH
Die Tonne-Version der »Anna Karenina« belegt, dass gutes Erzähltheater viel mehr sein kann als ein zweidimensionaler Frontalunterricht in Literatur. Diese »Anna Karenina« kann fesseln und berühren.

EIN BALLKLEID IM BIRKENWALD

von Armin Knauer
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 11.02.2017

Reutlinger Theater die Tonne - Die Tonne verwandelt Tolstois »Anna Karenina« im Spitalhofkeller in ein hintersinniges Erzähltheater

REUTLINGEN. »Tolstoi? Schwere Kost!«, ächzt Boxweltmeister Vitali Klitschko in einem Werbeclip, als ihm sein Bruder Wladimir einen dicken Wälzer auf den gestählten Body plumpsen lässt. Schwere Kost? Darauf hatten wir uns ehrlich gesagt auch eingestellt in der jüngsten Tonne-Premiere. Zumal es mit »Anna Karenina« ja bekanntlich kein gutes Ende nimmt.

Aber weit gefehlt, die Umsetzung des russischen Romanklassikers ist im Spitalhofkeller vor allem Anfangs eine ausgesprochen vergnügliche Angelegenheit. Chrysi Taoussanis und David Liske, die einzigen Akteure, erwecken erstmal den Anschein, als sei dies noch gar nicht die Aufführung, sondern erst die Probe. Wobei sie ihm ständig ins Wort fällt. In diesem launigen Schlagabtausch gleiten die beiden fast unmerklich in die Rollen von Kitty und Lewin, eines der beiden zentralen Paare des Romans.

Links und rechts der Bühne baumeln Birkenstämme von der Decke und machen einen auf Taiga. Ein riesiges aufgeständertes Ballkleid beherrscht die Bühne, Symbol der starren gesellschaftlichen Konvention, die Anna Karenina am Ende zermürben wird. Immer wieder wird Chrysi Taoussanis hineinschlüpfen und so das gesellschaftliche Parkett betreten – oder sich wie ein Embryo im Inneren des Reifrocks zusammenkauern.

Aber erst sind Taoussanis und Liske noch Kitty und Lewin. Diese haben sich die Autorinnen der Theaterfassung, Marion Schneider-Bast und Tonne-Dramaturgin Karen Schultze, als positives Beispiel herausgegriffen. Liebe kann glücken. Sie kann auch tödlich scheitern, dafür ist die Liebe der verheirateten Anna Karenina zu Graf Wronski das Beispiel.

Dass eine solche Roman-Eindampfung dazu tendiert, eine Art szenische Lesung zu werden, ist fast unvermeidlich. Regisseurin Schneider-Bast geht damit ganz offensiv um. Den ganzen Abend lang spielt sie genau mit dieser Annahme. Zu Beginn sieht man die Darsteller Tolstoi schmökernd auf der Bühne. Später streiten sie sich, an welcher Buchstelle man nun weitermachen soll. Immer wieder fallen sie aus der Rolle, was dem Ganzen eine vergnügliche zweite Ebene einzieht. Und regelmäßig springen sie in die Erzählerposition, um Tolstoi im O-Ton einzuflechten. Manchmal sogar mitten im Liebes-Dialog – dann wird das Prinzip auch schon mal etwas überstrapaziert.

SUBTILE ÄCHTUNG
Aber insgesamt geht das Konzept auf. Genau wie die Schauspieler erlebt der Zuschauer die Figuren mal aus der Außen-, dann wieder aus der Innensicht. Und sie wirken verblüffend heutig, diese Figuren. Anna muss für ihre Untreue gegenüber ihrem Mann keine physische Gewalt fürchten. Dieser wie die Gesellschaft geben sich kultiviert. Ihre Ächtung Annas ist subtil und psychologisch und damit sehr modern. Die Kostüme sind denn auch so zeitlos wie die Musik. Die morbide Jazz-Habanera, zu der Schneider-Bast Anna und Wronski tanzen lässt, stammt aus der Pop-Sphäre. Sie findet trotz des minimalistischen Settings starke Bilder – etwa wenn die Schauspieler den hängenden Birkenwald in Bewegung versetzen und anschließend als Anna und Wronski durch diese baumelnde, aus den Fugen geratene Stangenlandschaft irren.

Vor allem aber ist es die enorme Präsenz der Schauspieler, die das Ganze zu einem fesselnden Abend macht. Chrysi Taoussanis wechselt mit unendlich fein abgestuften Nuancen zwischen der burschikosen Kitty und der nobel-sensiblen Anna. Mal ist sie streitlustige Ehefrau, dann wieder still leidende Geliebte. David Liske geht vor allem in der Rolle des Lewin voll auf, wenn er wie ein Grünen-Politiker von der Reform der Landwirtsschaft schwärmt. Als Wronski wirkt er hingegen manchmal etwas verloren.

Am Ende schließen die Autorinnen Schultze und Schneider-Bast geschickt an den Beginn an. So rundet sich ein Abend, der Heiteres und Tragisches gekonnt ausbalanciert. Und der die geschmeidige Sprache und psychologische Tiefenzeichnung Leo Tolstois zu einem so sinnlichen wie kurzweiligen Erlebnis macht.

TANGO IM BIRKENWALD

von Kathrin Kipp
REUTLINGER NACHRICHTEN, 11.02.2017

Liebe in Zeiten gesellschaftlicher Enge und Zwänge: Während Tolstoi mit »Anna Karenina« noch eine ganze Phänomenologie der Liebe verfasst hat, konzentriert sich die Tonne auf die zwei zentralen Liebesgeschichten – und selbst da verlieren die Protagonisten manchmal schon den Überblick.

Sie sind mit ihren Beziehungen, Liebschaften, aber auch mit den Widersprüchen zwischen ihren Gefühlen und den gesellschaftlichen Ansagen überfordert und richten sich gegenseitig zugrunde. Nur bei Kitty und Lewin läuft es nach mehreren Anläufen offenbar ganz gut: »Ich glaube, wir wurden glücklich«, sagt Kitty am Ende des Tonne-Stücks.

Weshalb die beiden auch als narratives Kontrastpärchen zu Anna Kareninas Liebschaften fungieren, die mit ihrem Mann Alexej Karenin nicht glücklich ist und mit dem feschen Wronski nicht glücklich werden kann.

Tonne-Dramaturgin Karen Schultze hat Leo Tolstois vielseitigen Roman von 1878 zu einer bemerkenswerten Erzähltheater-Fassung gekürzt, die schon durch ihre vielschichtige Erzähl-Konstruktion viel über das Wesen des realistischen Romans generell, und über den Charakter von Tolstois Figuren und das Verhältnis zueinander erzählt.

Chrysi Taoussanis und David Liske betätigen sich abwechselnd als allwissende Erzähler oder erzählen als Kitty und Lewin ihre Version der Geschichte, wobei sie sich gerne mal über die wirkliche Version uneins sind.

Oder sie schlüpfen in die »echten« Figuren hinein, in den luftigen und selbstironischen Dialog zwischen Kitty und Lewin, switchen in das pathetische Dreier-Drama zwischen Anna, Alexej und Wronski, oder intonieren vielstimmig das Getuschel und Gezeter der Gesellschaft.

DISTANZ ZUM GESCHEHEN
Und so bekommt jeder seine ganz eigene Version von Liebe und Realität, und meistens auch noch mehr als eine. Diese Erzählweise bringt natürlich auch viel Distanz zum Geschehen mit sich, aber wer Anna Karenina als tragisch-kitschige Tränengeschichte erleben will, kann ja auch ins Kino gehen.

Auch die beiden Schauspieler gehen in der Regie von Marion Schneider-Bast insgesamt recht nüchtern vor, auch wenn sie als Kitty, Lewin, Anna, Wronski oder Alewej alles geben und sich für die notwendigen Reformen ereifern (Lewin) oder in Panik um den Geliebten, der gerade vom Pferd gefallen ist, durchs Publikum klettern (Anna).

Wenn sie nicht gerade alle Tango durch den von der Decke baumelnden Birkenwald tanzen. Die rauschenden Ballabende, mit denen sich die feine russisch feudale Gesellschaft ihrer selbst versichert, wo die strengen Sitten verhandelt werden, wo aber auch die unerlaubten Gefühle, wilden Gerüchte, die Sensationsgier und scheinheilige Lästerlust nur so sprießen, werden auf der Bühne durch ein weißes Ballkleid herbeizitiert.

Immer wieder schlüpft Chrysi Taoussanis in dieses schmucke Kleid, das gleichzeitig das enge Normen-Korsett darstellt, wenn es nicht gerade als Folie für poetisches Schattenspiel gebraucht wird. Ansonsten holt die Regie den Stoff aus den speziellen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts heraus, um auch heute noch gültige Liebesgeschichten zu untersuchen. Beziehungsweise zwei. Von denen eine einigermaßen gelingt, aber vielleicht auch nur, weil sich die eher pragmatischen Protagonisten den Gegebenheiten anpassen. Und sich eben nicht von Romantik und Kitsch überlagerten Vorstellungen und Illusionen hingeben wie vielleicht Anna Karenina mit ihrem Wronski, die Glück mit Wunscherfüllung und Liebespsychose verwechseln.

VIELSCHICHTIG ERZÄHLTE FIGUREN
Vielleicht ist ja das die Moral von der Geschichte, dass Wronski trotz aller unbedingten Leidenschaft am Ende nicht glücklich wird, weil er genau das bekommt, was er sich immer gewünscht hat. Oder ist das auch schon wieder eine zutiefst bürgerlich-vernünftige Sichtweise?

In schönster Tolstoi-Poesie spüren jedenfalls Chrysi Taoussanis und David Liske ihre alles andere als eindimensionale Figuren auf. Chrysi Taoussanis als streit-, und lebenslustige Kitty, aber auch hartherzig gegenüber Anna, die sich ihrerseits irgendwo zwischen Selbstmitleid und den tragischen Umständen verliert.

David Liske gibt als Wronski den so leidenschaftlichen wie windigen Loverboy, hält als Lewin eine euphorische Reform-Rede und missbraucht als rachelustiger Alexej Karenin seinen Sohn als Konkursmasse seiner Ehe, weil ihm Anna den strammen Lebensplan versaut hat.

ANNA KARENINA

von Maike Schiller
HAMBURGER ABENDBLATT, 22.06.2017

Der Russe ist einer, der Birken liebt. Im Bühnenbild der Inszenierung »Anna Karenina« aus dem Reutlinger Theater Die Tonne, die am Dienstag im Rahmen der diesjährigen Privattheatertage in den Hamburger Kammerspielen gastierte, hängen entsprechend viele Baumstämme von der Decke. Daneben, dahinter, davor, darum: die beiden Schauspieler David Liske und Chrysi Taoussanis. Ihnen gelingt in der ausgesprochen cleveren Textfassung von Karen Schultze und Regisseurin Marion Schneider-Bast, was wohl die größte Herausforderung an diesem Vorhaben ist: aus Leo Tolstois weltberühmtem Monumentalroman von fast 1300 Seiten ein leicht konsumierbares 90-Minuten-Theaterstück zu kondensieren, das mit nur zwei Akteuren auskommt. Chapeau.

Der berühmte erste Satz »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise« ist an diesem Abend zwar nicht der erste Satz, wird aber als solcher genüsslich zitiert und seziert. Liske und Taoussanis, die übrigens in Hamburg am Schauspiel-Studio Frese ausgebildet wurde, springen durch das Romanpersonal, sind mal Kitty und Lewin, mal Anna und ihr Geliebter Wronski, aber immer wie das Ehepaar, das gemeinsam einen Witz erzählt und sich dabei oft genug ins Wort fällt. Durch diese Konstellation bleibt anfangs eine gewisse Distanz zwischen ihnen, im Laufe des Stücks flackert dann mehr Leidenschaft, die gemäß der Vorlage reichlich Leiden schafft.

Ehebruch, Eifersucht und die Unvereinbarkeit von Mann und Frau – diese hier gut gelungene Produktion hat am Sonntag Chancen auf den Monica Bleibtreu Preis.

WENN ZWEI LEUTE REICHEN - UNGEWÖHNLICHE INSZENIERUNG VON »ANNA KARENINA«

von Dagmar Ellen Fischer
HAMBURGER MORGENPOST, 22.06.2017

Intrigen, Betrug, Selbstmord und die ganz große Liebe – Tolstois Roman »Anna Karenina« ist Weltliteratur auf vielen hundert Seiten mit über 30 Charakteren. Dem kleinen Reutlinger Theater »Die Tonne« gelang nun das schier Unmögliche: die Geschichte in 90 Minuten zu erzählen, mit nur zwei Schauspielern!

Damit sicherten sie sich erstmals eine Einladung zu den Privattheatertagen nach Hamburg. Das Publikum in den Kammerspielen konnten sie mit ihrer Version jedenfalls restlos überzeugt.

Die beiden Schauspieler schlüpfen in die fünf tragenden Figuren, und immer ist klar, wer gerade agiert: Anna Karenina, ihr Mann und deren Liebhaber stehen für ein gescheitertes Beziehungsmodell zu dritt, die mit Hindernissen startende Verbindung eines anderen Paares endet dagegen glücklich. Zwischendurch übernehmen die beiden tollen Darsteller abwechselnd die Erzähler-Rolle, um mit großen Sprüngen die Handlung voranzutreiben.

Bei den Ortswechseln zwischen Stadt und Land hilft das Bühnenbild: Ein Wald aus hängenden Birkenstämmen symbolisiert das russische Landleben und umrahmt ein Podest, auf dem ein Kleid mit Reifrock für die Zwänge der städtischen Gesellschaft steht. Trotz der mitunter schnellen Rollenwechsel wirkt das Stück nie hektisch, so bleibt genug Zeit für einen streng reglementierten Tanz – und natürlich für die ganz großen Gefühle.