SONGFEUERWERK IN DER SCHIFFSBOUTIQUE

von Armin Knauer
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 14.10.2017

Theater - Die Tonnespielstätte im Spitalhofkeller wird in der Regie von Karin Eppler zum Schauplatz von »Sehnsucht Süd«

REUTLINGEN. Plötzlich wird es einem klar, dass das Tonne-Gewölbe im Spitalhofkeller schon immer was vom Bauch eines Schiffes hatte. Zumindest wenn man an der Querseite sitzt, wo sonst meist gespielt wird, und in Richtung des Längsgewölbes blickt, wo man sonst meistens als Publikum platziert wird.

Diesmal war es andersrum, und das mit dem Schiffsbauch-Gefühl hatten Karin Eppler und Thomas B. Hoffmann in ihrem Stück »Sehnsucht Süd« eins zu eins so aufgegriffen, das hier am Donnerstagabend Premiere feierte. Nur dass es hier um einen speziellen Raum im Bauch des Kreuzfahrtdampfers ging: um die Schiffsboutique. Bei Karin Eppler, die auch Regie führte und die Ausstattung besorgte, füllt sie das bauchige Gewölbe so prall aus, wie es sich gehört. Zwei Umkleidekabinen, ein paar Regale, davor ein Ständer mit Kleidern und eine Sessel-Sitzgruppe - nun gut, Letztere hat nicht jede Boutique.

Aber es geht hier ja auch nicht um irgendeine Boutique in diesem Lieder-Lustspiel. Es ist die Boutique von Conny, verkörpert von Benjamin Hille, der den Betreiber des Ladens mit dem angemessenen homoerotischen Touch rüberbringt. Gleichzeitig ist diese Boutique auf dem Kreuzfahrtschiff Fluchtinsel vorm Leben. Drei Frauen stranden hier: erst Martha, die bodenständige Single-Frau, die sich erst wohlfühlt, wenn die Wellen hochschlagen: gleich darauf Gabriele, die versnobte Edel-Architektin mit High-Society-Attitüde. Jördis Johannson und Maria Magdalena Rabl bringen diese Charaktere mit spürbarem Spaß auf den Punkt.

Alle haben sie so ihre Probleme: Martha ist genervt von ihrem Rathausjob, Gabriele muss sich entscheiden, ob sie ihren untreuen Architekten-Gatten verlässt. Da schneit die junge Lena rein, von Svenja Marija Topler plastisch als spätstudentisches Nervenbündel gezechnet. Sie ist vor ihrem Angetrauten in spe geflüchtet, weil dieser... nein, das dürfen wir hier noch nicht verraten. Und Conny? Der wird nicht müde, seine Kundinnen mit Tante Helenes Birnengeist zu trösten - dabei hat er seine eigenen amourösen Nöte.

Wortwitz und Spielfreude
Zugegeben, die Konstellation ist nicht neu und schon gar nicht klischeefrei. Aber Eppler und Hoffmann haben den Plot so liebevoll mit Wortwitz bestückt und die vier Akteure spielen das mit so viel Hingabe, dass es einen als Zuschauer einen Abend lang ganz leichtfüßig dahinträgt.

Zumal da ja auch noch die Musik ist. Immer, wenn die Akteure von ihrem Emotionen übermannt (oder überfraut) werden, bricht es als Song aus ihnen raus. Und wie sie singen! Erstaunlich, was die Vier da aus ihren Stimmbändern zaubern! Ob Chanson, Boogie, Soul oder R`n`B - zur so peppigen wie einfühlsamen Begleitung von Juan Camilo Yepes am Klavier (im Wechsel mit Karl Mittelbach zu eigenen Arrangements der beiden) kommen die Lieder mitreißend und stimmig.

Ein besonderes Highlight ist ein französisches Chanson, das Svenja Marija Topler gleich zu Beginn furios in Originalsprache schmettert. Im zweiten Teil ist eine Rockballade von Maria Magdalena Rabl ein besonderer Leckerbissen. Es gibt auch Operettenwalzer, Schlager und mehr - alles textlich im Original. Manches hätte man genauer verstanden, wenn man den Text übersetzt hätte - aber klar, im Original haben die Songs mehr Flair.

Der zweite Teil nimmt deutlich Fahrt auf; wunderbar hier die Ensemblesätze! Super, wie die Vier ihre Stimmen zu jazzigen Harmonien vereinen oder wie sie mit Andreas Bourani ins Hymnische abheben. Letztlich ist das Ganze ja auch eine Hymne auf das Leben - auch wenn das Lebensschiff gelegentlich ziemlich ins Schwanken gerät und die Kapitänsdurchsagen (köstlich: Thomas B. Hoffmann) nicht immer ganz tröstlich sind...

MIT VOLLDAMPF KURS AUF GUTE LAUNE

von Matthias Reichert
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 14.10.2017

Uraufführung - Dem Reutlinger Tonne-Theater glückt mit »Sehnsucht Süd« eine beschwingte Kreuzfahrt-Auszeit voller Musik und Atmosphäre

Da ist Musik drin. Etwa die Hälfte des neuen Stücks an der Reutlinger Tonne besteht aus Songs mit Piano Begleitung: Operette, Schlager, Rock-Balladen, aktuelle Hits. Die drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler kosten die Darbietungen aus, sie wippen und schnippen, schunkeln und swingen, dass es eine Freude ist. Gelegentliche Unsauberkeiten beim Gesang werden durch Leidenschaft mehr als wettgemacht. Immer wieder klatschen die Besucher bei der ausverkauften Uraufführung am Donnerstag im Spitalhofkeller Szenenapplaus.

»Sehnsucht Süd« heißt die Komödie von Regisseurin Karin Eppler und Schauspieler Thomas B. Hoffmann. Auf einem Kreuzfahrtschiff treffen drei Frauen in der Kleiderboutique von Conny (Benjamin Hille) aufeinander. Alle haben ihr Päckchen zu tragen: Die Verwaltungsangestellte Martha (Jördis Johannson) ist genervt von Sparmaßnahmen in ihrem Standesamt, die Architektin Gabriele (Maria Magdalena Rabl) schlittert in die Midlife-Crisis und überlegt, sich von ihrem Mann zu trennen, der sie daheim wieder mal betrügt. Und die 24-jährige Lena (Svenja Marija Topler) entdeckt auf der vorweggenommenen Hochzeitsreise, dass sie ihr Mann und die künftigen Schwiegereltern anöden. Conny wiederum ist schwul und trauert diversen Verflossenen nach.

Rockröhre und Gänsehaut-Blues
Drei Damen vom Chill. In der Boutique vergessen sie singend, tratschend und Klamotten anprobierend solche Sorgen. Und auch mit viel Likör. Dazu lakonisch-schlagfertige Dialoge Marke Hoffmann: »Man muss viele Prinzen gegen die Wand werfen, bevor der richtige dabei ist«, sinniert etwa Martha, die immer nur dann seekrank wird, wenn das Meer ruhig ist.

Über weite Strecken gelingt es dem glänzend aufgelegten Ensemble, eine ganz eigene, leichte und beschwingte Atmospähre zu erzeugen. Eine Kunstwelt, sicherlich. Aber ein Gegengewicht zu den Zwängen und Problemen, mit denen die Protagonisten zu kämpfen haben und die vielen im Publikum bekannt vorkommen.

Epplers Bühnenbild besteht aus einer Holzwand mit zwei Umkleidekabinen und einem Verschlag, aus dem der Modehändler immer neue Kreationen hervorzaubert. Davor stehen ein paar Stühle und ein Couchtisch, seitlich das Klavier.

Die vielen Songs und Lieder stören die Handlung nicht, im Gegenteil: Anfangs sind die Akteure noch sichtlich nervös. Da beginnt Topler ganz schüchtern, »Je veux« von Zaz zu trällern. Mittendrin schreitet sie einmal energisch über die Bühne, und dann schmettert sie los, was die Rockröhre hergibt. Die anderen tun es ihr nach. Als Conny Martha fragt, ob sie ihren Mann jetzt verlassen wird, singt diese statt einer Antwort einen Gänsehaut-Blues vom feinsten. Dadurch, dass alle beim Singen aus sich herausgehen, tragen sie das Stück lässig durch einige Untiefen der Handlung.

Die nimmt Fahrt auf, als das Schiff im zweiten Teil in einen Sturm gerät und den Kurs verlassen muss. Hoffmann macht als Kapitän per Sprechanlage bedrohliche Durchsagen: Der Wind bläst mit Stärke zehn, die Wellen sind neun Meter hoch. In der Boutique lenken sie sich ab, indem sie Klamotten anprobieren - eine Stummfilm-Slapstickrevue wie im Zeitraffer. Das Licht geht aus, Panik macht sich breit. Bei Kerzenschein glauben die Vier schon, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hat. Singend bereiten sie einen würdigen Abgang vor. Denn darum geht es ihrer Ansicht nach im Leben - dass man nicht heulend und zähneklappernd von Bord geht, sondern so würdevoll wie die Musiker auf der Titanic, die stoisch weitergespielt haben, während der Luxusdampfer versank.

Natürlich geht alles gut aus. Die Biografien der Protagonisten werden forgesetzt - ohne zu wissen, wie, fraglos mit Höhen und Tiefen. Der Traummann von Conny meldet sich zuletzt per Telefon. Und die Architektin baut mit den anderen Luftschlösser und Traumhäuser, ehe der Sturm aufkommt.

Die zwei Stunden in der Boutique auf dem Kreuzfahrtschiff sind für sie eine Auszeit, um wieder zu sich selbst zu finden. So wie sie jede/r ab und an einmal braucht. Auch gestresste Reutlinger Theatergänger. Viel Applaus und eine Zugabe: »Happy« von Daft Punk, schmettern sie hingebungsvoll noch einmal. Und man sieht an ihren strahlenden Gesichtern, dass sie nach diesem Bravourstück tatsächlich glücklich sind.

KRISEN, KLAGELIEDER UND KLAMOTTEN

von Kathrin Kipp
REUTLINGER NACHRICHTEN, 16.10.2017

Sinn- und Textilkrisen gehen bekanntlich Hand in Hand und so landen auch die lebensgeplagten Kreuzfahrerinnen Martha, Gabriele und Lena in Connys schwimmender Bord-Boutique, um sich über ihr verkorkstes Leben auszuheulen, mögliche Alternativen durchzudenken und ganz nebenbei auch noch den ein oder anderen Fummel anzuprobieren.

Ein neuer Dress ist wie ein neues Leben – und Conny hat wirklich für jede Lebenslage (Scheidung, Sinnkrise, berufliche Neuorientierung, Captains Dinner) das passende Outfit. Das offene Ohr für seine Kundinnen ist natürlich im Preis inbegriffen. Klar, dass „auf dem Meer der Möglichkeiten“ nicht nur jede Menge Sturm-, Schiffs- und Reise-Metaphern abgelassen, Wortspielorgien gefeiert und Lebensweisheiten abgefeuert werden, sondern auch das »Adventure Paket« ausgepackt wird.

Parodistische Interpretationen

Und wenn das Quartett rein sprachkünstlerisch nicht mehr weiter kommt, dann hilft man sich musikalisch weiter, frei nach Wittgenstein: Worüber man nicht reden kann, darüber soll man singen. Und zwar mit Schlagern, Chansons und Pophits aus allen Genres und Epochen. Und so gehen die drei goldig verzweifelten Girls plus Textiltherapeut mit so wohlklingenden wie parodistischen Interpretationen von Songs wie »Wenn Du mal in Hawaii bist«, »Schlösser, die im Monde liegen«, »Happy« oder »Wir sind groß« durch alle erdenklichen Stimmungslagen. Und formieren sich unter der Regie von Karin Eppler zu lustigen Minimal-Choreos, wenn sich die besungene Euphorie mal wieder in keinster Weise in ihrer aktuellen Realität oder im Spiegel wiederfinden lässt. »Ab in den Süden« wird so genauso zum Anti-Ballermann-Hit wie Pharrell Williams »Happy«, zu dem die Görlz biestige Mienen ziehen. Juan Camilo Yepes (im Wechsel mit Karl Mittelbach) begleitet die singenden Probleme mit entsprechend knackigem Klavierspiel. Die Tonne-Techniker haben außerdem für Conny einen wunderhübschen Verkaufs-Traum mit Schiffchen, Plüschsesseln und Umkleidekabinen eingerichtet, in denen sich schon auch mal ein Identitätsexperiment oder eine textile Wiedergeburt antesten lässt.

Das Ensemble kann nicht nur wunderschön miteinander singen, sondern spielt sich auch brillant und zart ironisch in den Katastrophenrausch hinein. Benjamin Hille als leicht tuntiger Mode- und Krisenberater zwinkert als schwuler Pirat vielsagend ins Publikum und haut einen abgehalfterten Spruch nach dem andern raus, ist so aufmerksam wie geschäftstüchtig, vermag jedes Gesprächsthema in Richtung Mode zu lenken und muntert die drei Depro-Grazien dazu auf, doch endlich die zu werden, die sie schon immer sein wollten. Selbstverständlich hat auch Conny seine unglückliche Liebe, und so wird gemeinsam geheult und gekreischt, geseufzt und gesoffen, gesungen, geschwankt und der Schmerz mit Yoga weggeatmet. Jördis Johannson als Martha mit echt schrägen Modevorstellungen kommt erst bei Windstärke 10 so richtig in Schwung: Da kann sie sich spüren, im Gegensatz zu ihrem kreuzlangweiligen Leben als Verwaltungsfachangestellte im qualitätsoptimierten Bürgeramt. Die finanziell wesentlich besser ausgestattete Architektin Gabriele (Maria Magdalena Rabl) will sich eventuell von ihrem Mann trennen und endlich größere Visionen angehen. Studentin Lena (Svenja Marija Topler) kann sich hervorragend in ihre Dramen hineinsteigern, wenn sie nicht gerade auf ihr Smartphone starrt. »True Love Is Suicide«, singt sie, während Conny weiß, worin das wahre Glück besteht: »Sturm-Sale!! 30 Prozent auf alles!!«.