EIN KRIMI DER GEFÜHLE

von Christoph B. Ströhle
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 06.11.2017

Theater - David Liske glänzt in der Tonne im Solo »Werther, warum?« nach Johann Wolfgang von Goethe

REUTLINGEN. Da will einer seinen Frieden finden. Will verstehen, warum sich Werther, sein guter Freund, mit einem Pistolenschuss in den Kopf das Leben genommen hat. Wilhelm heißt dieser Rastlose, Adressat zahlloser Briefe Werthers, die er jetzt nach übersehenen Hinweisen auf eine Selbstötungsabsicht durchwühlt. Hätte er, Wilhelm, ihm helfen können? Hat er Werther gar, als dieser seine Hilfe am dringendsten brauchte, im Stich gelassen?

»Werther, warum?« heißt das Theatersolo nach Johann Wolfgang von Goethe, das am Samstag im Theater Die Tonne im Spitalhofkeller uraufgeführt wurde. In der Regie von Lothar Maninger (auch verantwortlich für die Ausstattung) und mit einem absolut fesselnd spielenden David Liske. Belohnt mit viel Applaus. Tonne-Dramaturgin Karen Schultze hat die Textfassung erarbeitet, die brillant aus der Briefroman-Handlung um Werther das verlängerte Drama Wilhelms macht.

Mitgefühl und Unverständnis
Dieser Dreh macht denn auch den Reiz dieser Neufassung aus, die ihre Kraft dennoch zu zwei Dritteln aus Goethes Text bezieht. Die Geschichte, die diesen im 18. Jahrhundert zum Bestsellerautor machte und in die Goethe auch viel selbst Durchlittenes einwob, ist bekannt: Werther hat die bezaubernde, geradezu seelenverwandte Lotte kennengelernt. Die allerdings mit Albert verlobt ist und, obwohl auch sie Werther liebt, nicht bereit, von dieser Verlobung zurückzutreten. Wegen ihr ist Werther - freiwillig oder unter unerträglich gewordenem Leidensdruck - aus dieser Welt geschieden.

Die wahren Motive zu verstehen, was Werther fühlte, als er Abschied nahm, darum geht es Wilhelm, der vordergründig ein Verstandesmensch, ein Pragmatiker ist, der Werther ein ums andere Mal gut zuredete, den kompromisslosen Sturm seiner Gefühle in gezügeltere Bahnen zu lenken.

Liskes Spiel offenbart aber, dass auch in Wilhelm ein Heißsporn, ein zu großer Leidenschaft Fähiger steckt. Einer, der Werther insgeheim dafür bewundert, unfassbar großes Glück erlebt zu haben, wie es ihm selbst nie vergönnt war. Neidlos dennoch.

Wenn Wilhem sich, ausgehend von Werthers Briefen, dessen Begegnungen mit Lotte vergegenwärtigt, schwingt sicherlich auch Unverständnis mit. Dafür, dass es Werther trotz aller Bemühungen nicht gelungen ist, sich von dieser Liebe, die nicht sein durfte, loszusagen. Mitgefühl zugleich, deass der Freund am Ende keinen Weg fand, diese Liebe doch zu leben. Oder zumindest selbst zu überleben. Die wirklich großen Momente erlebt man als Zuschauer, wenn aus Wilhelm selbst der Sturm und Drang, das überbordende Gefühl, kurzum: das Leben spricht. Welch schöne Worte und Empfindungen er durch seine Beschäftigung mit Werther findet!

Karen Schultze, Lothar Maninger und David Liske gelingt es im Stück aufzuzeigen, was Theater ganz wesentlich ausmacht: Aneignung durch Einfühlung (und ein Stück weit auch Reflexion). Die eingespielte Musik von Johann Sebastian Bach grundiert die Stimmungen und weitet die Resonanzräume. Wilhelm selbst sitzt, nach einem Interpretationsansatz suchend, zu Beginn am Flügel. Zu aufgewühlt, um Aufwind zu finden, um sich von einer Melodie empor über allen Lebensunbill tragen zu lassen.

Am Ende wagt Wilhelm den Brief zu öffnen, den Werther Lotte zum Abschied geschrieben hat. Der Schmerz über den Verlust des Freundes bleibt danach. Aber auch das Gefühl, dass Werther nicht ohne Hoffnung gestorben ist, in gewisser Weise sogar beflügelt.

DIE LEIDEN DES JUNGEN WILHELM

von Sissi Klapp
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 06.11.2017

Uraufführung - Die Reutlinger Tonne zeigt »Werther, warum?« - ein Solo nach Goethes Roman.

REUTLINGEN. Der noch junge Johann Wolfgang von Goethe erzählt seine Geschichte vom jungen, stürmischen, schwärmerischen, naturromantischen, weltverschmerzten und tragisch liebeskranken Werther als Briefroman (erschienen 1774). Diese Form erlaubt es, die Empfindsamkeiten des armen Liebes-Psychos noch authentischer und subjektiver aufs Papier zu bringen. Und die Leser zum Verbündeten Werthers zu machen.

Tonne-Dramaturgin Karen Schultze wiederum interessiert sich mit ihrer Fassung vor allem für die Leiden von Werthers Adressaten Wilhelm. Und wie dieser »mitlesen« muss, wie sein Freund in die Katastrophe rennt. Und damit rückt der Fokus auch auf den Leser des Briefromans, wie er mit dem poesietrunkenen, idealistischen und rebellischen Werther mitfühlt und sich mit seinem unkonventionellen Lebensstil identifiziert. Nicht umsonst hat ja Goethes Roman angeblich eine ganze Selbstmordwelle ausgelöst. Und gehörte lange zur Standardlektüre aller unglücklich Verliebten und empfindsamen Verzweifelten.

Werther war ja vielleicht auch einer der ersten Hippies, die ihr Glück in allerei Formen der naturnahen Bewusstseinserweiterung suchen und die mit der Enge und strengen Etikette am Hof und anderswo nichts anzufangen wissen. Und die auch im bürgerlichen Kerker eingehen wie ein durstiges Blümchen. Sich lieber in Naturlyrik und Weltbetrachtung verlieren, als sich mit traurigen Realitäten auseinanderzusetzen. Umso mehr, als ihm die Verliebtheit jegliche vernunftsgesteuerte Wahrnehmung und jeden Verstand raubt. Findet zumindest Wilhelm. Aber das sind ja sowieso langweilige und kleinbürgerliche Tugenden, die auch noch der brave Albert verkörpert - Werthers Konkurrent.

Und so kann Regisseur Lothar Maninger mit Karen Schultzes Fassung nicht nur Werthers Geschichte erzählen und kommentieren, sondern auch die Fragen stellen, die sich nicht nur Wilhelm, sondern auch der Leser stellt: In welchem Maße ist die Liebe eine Krankheit? Worin besteht das wahre Glück? Und welche Diagnose hätte Werther heute? War er Stalker, verhindertes Genie, Borderliner oder nur ganz normal manisch-depressiv?

David Liske wiederum als Brieffreund Wilhelm ist ähnlich aufbrausend wie Werther, der seine Konflikte und Emotionen ja eher stürmisch angeht, gerne in der Natur herumtaumelt und von Lotte schwärmt. Aber vielleicht sind ja Werther und Wilhelm sowieso nur die ständig sich widersprechenden Stimmen in unserem Kopf? Wilhelm rekapituliert nun im Nachhinein noch einmal Werthers Absturz und sucht die entsprechenden Briefstellen, ereifert sich, kommentiert die Dummheiten Werthers, ist aber selbst ganz hin- und hergerissen vor lauter Selbstzweifel, Neid, Nostalgie, Eifersucht, Wut, Mitgefühl und schlechtem Gewissen, weil er den Selbstmord nicht verhindern konnte. Und so wandert David Liske nervös auf der Bühne hin und her, streicht sich durchs klebrige Haar, lässt am Flügel eine brüchige Melodie erklingen. Er klettert auf einen Stuhl oder den Flügel, der die Bühne dominiert, schnappt sich eine der großen Brief-Tapeten, die von der Decke hängen und zitiert aus Werthers Briefen.

Der grandios mitfühlende David Liske schlüpft auch in alle Rollen, tanzt als unschuldiges, idealisiertes Gutfräulein mit einer Brieffahne, oder diskutiert als Werther mit dem gutbürgerlichen Albert, der aber die Waffen zur Tat liefert. Liske ist aufgewühlt, zeigt große Gesten und Gefühle, geizt nicht an Inbrunst und Pathos, schließlich ist Sturm und Drang angesagt. Am Ende gab´s viel Applaus.