DIE ANFANGSZEIT DER TONNE

In der zweiten Hälfte der 50er Jahre wollte der Kunstliebhaber Anton Geiselhart ein Forum für junge bildende Künstler schaffen. Zusammen mit seinem Freund HAP Grieshaber schuf er so im Keller seiner Villa in der Gartenstraße die Galerie 5. (Zu den damals ausstellenden Künstlern zählten u.a. heute so bekannte Namen wie Antes, Hartung, Kleinschmidt, Quinte und Rainer.)
Der Überlieferung nach scheint es Grieshaber gewesen zu sein, der beim Anblick des Kellers einmal geäußert hat: »Do müaßt ma au Theater spiela.« Die Idee war geboren, doch wer sollte »ma« sein? Ein möglicher Kandidat schien Klaus Heydenreich zu sein, der das Naturtheater in Reutlingen leitete. Doch mit ihm wurde man nicht handelseinig, denn seine Vorstellungen von Umbauarbeiten und Ausrüstung überschritten die finanziellen Möglichkeiten des Hausherrn.
Geiselhart hatte einen Freund, dessen Frau, Irm Forster, Schauspielerin war. Sie erzählte ihrem Kollegen Alf André in Stuttgart von der Möglichkeit, auf eigene Faust Theater zu machen, worauf er sofort enthusiastisch reagierte.

ALF ANDRÉ, INTENDANT 1958 – 1972
Nach den Worten seiner Frau Marianne, stürmte Alf André kurz vor Weihnachten 1957 in die Küche, wo sie gerade beim Plätzchen backen war, und rief: »Kannsch gleich mit dem Backe’ aufhöre’, ich eröffne ein Theater!« Und mit diesem Schwung setzte sich André, von seinen Freunden Jimmy genannt, für die Verwirklichung seines Theaters ein. Es sollte eine Bühne werden, in deren Repertoire moderne Stücke aufgeführt werden, Stücke, die man auf den Spielplänen großer Häuser vergeblich suchte. Zeitgenössische Autoren wie Beckett, Ionesco, Tardieu und Hildesheimer reizten André besonders.
André hatte eine Schauspielausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in Stuttgart abgeschlossen und den Lebensunterhalt verdiente er mit Taxi fahren. Mit diesem Startkapital – also mit gar nichts – verwandelte er das Kellergewölbe im Hause Geiselhart in ein Theater. Das Tonnengewölbe war dann auch richtungsweisend bei der Namensgebung des Musentempels, der anfangs noch »Theater in der Tonne« hieß.
Am 31. Oktober 1958 war es dann so weit: Das Theater in der Tonne wurde mit DAS RENDEZVOUS von Arthur Adamov eröffnet. Nach der Vorstellung überreichte der Bühnenbildner Ekkehard Kröhn, der sich auch um Licht und Requisiten kümmern musste, Blumensträuße an die Schauspielerinnen, darunter ein großer Strauß Chrysanthemen. Die erste Vorstellung war gut gelaufen, der Premierentaumel legte sich allmählich, langsam kam man wieder zu sich und so bemerkte man eine junge Frau, die noch unschlüssig im Flur stand. Auf die Frage, ob man ihr helfen könne antwortete sie: »Ich hätte nur gerne die Chrysanthemen wieder, die auf der Bühne überreicht wurden.« Wie gesagt, es war der 31. Oktober, ein Tag vor Allerheiligen. Der Strauß war für das Grab der Eltern bestimmt. Totenblumen zur Eröffnung – ein Omen? Dies dürfte nach fünfzig Jahren Tonne widerlegt sein.
Die Reaktion der Presse auf die Theatereröffnung war gemischt. Der Reutlinger Generalanzeiger äußerte sich skeptisch zum Konzept eines Experimentiertheaters überhaupt und wusste folglich auch mit dem gezeigten Stück wenig anzufangen. Allerdings konstatierte das Blatt: »Die Darstellung: Wir müssen Alf André bescheinigen, dass er darin über das Experiment hinaus ist. Das junge Ensemble spielte mit sichtlicher Begeisterung und, was uns in der Kunst eben noch wichtiger erscheint, mit Können. Der Regisseur hat dem Stück mehr Handlung gegeben als drin ist, und den Adamovschen Figuren, Schemen und Schatten das notwendige Blut verliehen. Es wurden Menschen daraus.«
Bald nach dieser Premiere stellte sich das Ehepaar André bei Oberbürgermeister Kalbfell vor. Er war über die erschienenen Kritiken informiert und hörte die Ausführungen über die Etablierung eines privaten Kellertheaters an. Doch die Idee schien ihn nicht zu überzeugen, denn schließlich sagte er: »Machen Sie Ihr Theater so schnell wie möglich wieder zu. Sie werden eine Pleite machen, an der Sie bis zu Ihrem Lebensende zu zahlen haben werden.« Als gebürtigen Bayern machten André solche Worte natürlich bockig, und nun musste er erst recht beweisen, dass sein Theater in der Tonne eine Chance hatte. Die Hilfe einiger Reutlinger Geschäftsleute war dabei nicht zu unterschätzen. So gab es z.B. Hug Rummel, der nicht nur in seinem »Werkhaus« den Kartenvorverkauf für das Theater in der Tonne betrieb, sondern André auch mit vielen wichtigen Leuten zusammenbrachte, die dann wiederum das Theater unterstützten. Wie z.B. der Architekt Witzgall, der den jungen Theatermachern die Stühle aus der Kantine von Emil Wolff auslieh. (Sonntag Nacht, nach den Vorstellungen wurden die Stühle von den Schauspielern zurückgetragen, denn am nächsten Tag wurden sie ja wieder gebraucht.)
In den folgenden Monaten sah der Theaterbetrieb so aus: Gespielt wurde nur Freitag, Samstag und Sonntag. Es bestand kein festes Ensemble, die Schauspieler wurden von Produktion zu Produktion neu zusammengesucht. Gagen gab es nicht, alle Mitwirkenden verdienten ihr Geld anderweitig. Im Funk, wie Christoph Eichler oder, wie Johannes Finger, als Bühnentechniker im Staatstheater Stuttgart. Der Herr Intendant fuhr immer noch Taxi. Marianne André, die nach eigener Aussage ja eigentlich gar nichts mit dem Theater zu tun hatte, wurde zum unentbehrlichen Mädchen für alles: Vor der Vorstellung saß sie an der Kasse, während der Vorstellung bediente sie die Technik (deren damaliger Standard höhere Ansprüche an den Bedienenden stellte, als das heute der Fall ist), sie klebte Plakate und half bei der Stückauswahl. Somit war Marianne André also nicht nur Intendantengattin, sondern gewissermaßen auch die erste Dramaturgin der Tonne.

DER ERSTE ERFOLG: EIN WESTERN-MUSICAL
In diesem Anfangsstadium kam das Publikum eher zögerlich, plus/minus ein Dutzend pro Spielabend. Ausverkauft war nie. Der Durchbruch gelang mit der 22. Inszenierung im Jahre vier der Tonne: Der Prairie-Saloon – ein Western Musikal (sic!). Die Gäste der Premiere ließen sich buchstäblich an einer Hand abzählen, doch während des einen Tages bis zur nächsten Vorstellung muss es eine lawinenartige Mundpropaganda gegeben haben, denn am nächsten Abend drängten sich die Zuschauer an der Kasse und Marianne André verkaufte Karten wie in einem Rausch. Da sie noch nie ein ausverkauftes Haus hatte, kam sie gar nicht auf die Idee, mitzuzählen, wann voll sei. Erst als der Ruf sie erreichte, es seien schon viel zu viele Leute im Zuschauerraum, hielt sie ein.
In der folgenden Zeit erwuchs ein Kreis an interessierten Zuschauern, der sich dafür engagierte, die Tonne am Leben zu erhalten. Am 30. Juni 1961 wurde der Förderverein Theater in der Tonne e.V. gegründet. Im Jahr darauf folgten die ersten städtischen Zuschüsse. Man spielte aus Leidenschaft weiterhin Stücke der Avantgarde, einige Klassiker für die Schulen sowie Komödien, Krimis und Musicals zum Überleben.
Durch die Gastspiele auswärts, die sich zum wichtigen finanziellen Standbein herausbildeten, wurde es nötig, die Schauspieler fest anzustellen – und auch zu bezahlen. Die Gagen müssen mehr als kärglich gewesen sein. Aus den Siebzigern ist folgender Ausruf Andrés überliefert: »350 Mark, wenn ich des bloß den Schauspielern zahle könnt’!«
Und irgendwann gab es die Tonne schon zehn Jahre und man schrieb das Jahr '68. Auch das Reutlinger Theater bekam den gesellschaftlichen Wandel, herbeigeführt durch die Studentenproteste und Jugendunruhen, zu spüren. Mitbestimmung hieß das alleinseligmachende Zauberwort der Stunde. Jeder war für alles verantwortlich, das bedeutete im Endeffekt: keiner. Marianne André erinnert sich an die siebziger Jahre als an die Zeit, wo nur noch diskutiert – und kein Theater mehr gemacht – wurde. Alf André ließ der Entwicklung erstmal ihren Lauf und lieferte auf diese Art den Beweis dafür, dass, so schön die Demokratisierungsidee in der Theorie sein mag, die ewigen Debatten die Theaterpraxis zum Erliegen bringen. Dennoch dauert es ein, zwei Jahr bis sich der Betrieb wieder eingependelt hatte.
Dann bekam Alf André, der 14 Jahre Inhaber, Intendant, Regisseur und Schauspieler in Personalunion war, das Angebot zur Spielzeit 1972/73 die Intendanz der badischen Landesbühne Bruchsal zu übernehmen. Er nahm an.
Nach seinem Weggang musste eine neue Rechtsform für das Theater in der Tonne gefunden werden, denn man hätte wohl keinen Nachfolger gelockt mit der Aussicht, das Theater auf eigenes Risiko zu betreiben. Auch der Förderverein war nicht in der Lage, das Theater in eigener Führung zu übernehmen. Da die Stadt aber an der Weiterexistenz des Theaters in Reutlingen interessiert war, wurde am 4. Februar 1972 ein neuer Trägerverein gegründet. Seine Satzung sah eine starke Einbindung der Stadt vor.

DIE NACHFOLGENDEN INTENDANTEN
Jürgen Schwalbe 1972–74
Volker Jeck 1974–86
Harold Böhlendorf 1986–88
Ewa Teilmanns 1988–91
Knut Weber 1991–95
Serena Sartori 1995–97
Peter Kees Sep.–Nov. 1997
Alex Novak 1997–2001
Enrico Urbanek (seit 2001)