von SONJA LENZ
REUTLINGEN. Als bebende Begehrende, derbe Dirne und verzweifelte Verlassene brillierte Asita Djavadi am Donnerstagabend in ihrer neuen Revue »Brecht kurtsweillig« im Reutlinger Theater Die Tonne. Nach »Surabaya-Johnny« brandete eine spontane Bravo-Woge im Premierenpublikum auf.
Gemeinsam mit ihrem Pianisten Jan Röck bot die Sängerin eine Collage aus Liedern und Gedichten von Kurt Weill und Bertolt Brecht. Mit Putzlappen und Geplauder arbeitete sie sich dazu von den Zuschauertischen zu dem Tisch auf der Bühne vor, der mit Weinglas, Karaffe und aufgeschlagenem Buch das einzige Requisit bildete. Ansonsten gebrauchte die Künstlerin nur Licht, um ihrer Stimme und intensiven Darstellung noch mehr Wirkung zu verschaffen.
Womit sie sich quasi der brechtschen Mittel bediente, setzt der doch gerade »die, die im Dunklen stehen« ein, um der bürgerlichen Gesellschaft ein Licht aufzustecken. Wie in seiner Dreigroschen-Oper, der Kapitalismus-Satire im Gauner-Bettler-Huren-Milieu, aus der zahlreiche Nummern von Djavadis Programm stammen.
Räkelnd auf dem Klavier
Zur »Ballade von der sexuellen Hörigkeit« räkelte sich die Sängerin im tiefrot ausgeleuchteten Gewölbekeller rücklings liegend auf dem Klavier. »Ja da kann man sich doch nur noch hinlegen« sang sie nicht nur, sondern tat es. Sehnsuchtsvoll-zart betrauerte sie als gereifte Liebesdienerin den Verlust von Unschuld und Gefühl: »Wo sind die Tränen von gestern Abend, wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?« Und mit kintoppmäßiger Überdrehtheit steigert sie sich in die »Eifersucht« hinein, einem der Höhepunkte dieses Abends.
Es kamen nicht nur die bekannten Gassenhauer vor, sondern manches in Vergessenheit geratene Werk wie Weills Song »Berlin im Licht« wurde wieder zu vibrierendem Leben erweckt. Die Farbigkeit dieser Stücke und Charaktere, die Djavadi dabei vorstellte, glich den fehlenden dramatischen Bogen aus, den ihre bisherigen Programme über Edith Piaf und Liza Minnelli aufspannen. Ihre Interpretation der Lieder ist teils chansonnettenartig mit rauem Sprechgesang, doch überwiegend schöpft sie die Kapazität und Schönheit ihrer geschulten Stimme voll aus und unterlegt etwa die Seeräuber-Jenny in ihren Rachefantasien mit vollem Vibrato.
Von den jazzigen und broadway-symphonischen Stücken Weills kommen nur wenige im Programm vor. Was man aus seinen bekannten Nummern machen kann, zeigte Djavadi in der Zugabe mit einer abgefahrenen Jazzrock-Hiphop-Version von »Und der Haifisch der hat Zähne«.
— 23. November 2009