REUTLINGER NACHRICHTEN
 

Das Größte auf Erden ist die Liebe

Neues Brecht-Weill-Programm mit Asita Djavadi im Reutlinger Tonne-Theater

von JÜRGEN SPIESS

REUTLINGEN. Es gibt immer wieder Abende, an die man sich noch lange gut und gerne erinnert: Die Premiere des Brecht-Weill-Abends mit der hinreißenden Asita Djavadi im Spitalhofkeller der Tonne gehört gewiss dazu.

Songs aus Bertolt Brechts Werken in einem Ein-Personen-Stück auf die Bühne zu bringen: Geht das überhaupt? Es geht - und in dem neuen Programm von Asita Djavadi geht es trotz sparsamer Mittel und Requisiten ganz hervorragend. Der 80-minütige Querschnitt mit gesellschaftskritischen und meist frivolen Liedern und Zwischentexten von Kurt Weill und Bertolt Brecht ist anspruchsvoll und kurzweillig zugleich. Wenn die seit mehr als fünf Jahren in Reutlingen lebende Bühnenkünstlerin und Tanzpädagogin die Stimme erhebt, werden nicht nur Männerherzen schwach. Sie singt wandlungsfähig, klangvoll und leidenschaftlich. Sie kann aber auch kühl disponierend sein, mit einem instinktsicheren Gespür für den spannungsvollen Aufbau einer Song-Interpretation.

Djavadi nimmt mit ihrer voll klingenden Musical-Stimme in einem Lied mehr Farben an als manch andere Sängerin an einem ganzen Abend. Auch spielerisch überzeugt die zierliche Person im schwarzen Kleid, spielt die durchaus widersprüchlichen Figuren mit viel Ausstrahlung, Galgenhumor und großen Gefühlen: Drohende Klippen und Kitsches umschiffen Asita Djavadi und ihr dezent begleitender Pianist mit traumwandlerischer Sicherheit.

Herrlich, wie sie lasziv auf dem Klavier liegend »Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit« singt, wie sie kurz darauf bei einer Opernarie zur Furie wird oder verzweifelt nach dem richtigen Mann Ausschau hält. »Ich finde einfach nicht den passenden Schwiegersohn für meine Mutter«, klagt sie, um sich im nächsten Moment als unerbittliche »Seeräuber-Jenny« zu präsentieren.

Zuhälter, Huren, Proletarier und deren Probleme mit der (käuflichen) Liebe sind die Hauptthemen des Programms. Die Texte und Gedichte von Brecht, untermalt mit der Musik von Kurt Weill stammen vorwiegend aus der Dreigroschen- und der Mahagonnyoper. Asita Djavadi interpretiert und lebt die zwielichtigen, nur auf den ersten Blick starken Frauen bei Brecht überzeugend. Glaubhaft vermittelt sie in der »Moritat von Mackie Messer« und in den Balladen »Nanas Lied« und »Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr« die missbrauchte, geschundene Prostituierte.

Die Wut und Enttäuschung der unteren Gesellschaftsschicht über geistigen Mief und Falschheit der »Oberen« kommen in jeder Szene zum Ausdruck, wenngleich das Hauptthema natürlich die Liebe ist. Ein kurzweilliger Abend ist es auch deswegen, weil Asita Djavadi nicht nur mit ihrer charaktervollen Stimme, sondern mit intensivem Körpereinsatz große Dramatik in die Lieder legt. Sie sing »Surabaya-Johnny« mit bezwingender Intensität. Und wenn sie »Du hast mir das Blaue vom Himmel versprochen« ins Mikro schmettert, kann man ihre Enttäuschung und Wut auf die Männer förmlich greifen.

So wirkt manches schon wieder aktuell. Ein Brecht-Zitat aus den 20er Jahren zumindest galt damals wie heute: »Das Grösste auf Erden ist die Liebe - und an morgen denkt man besser nicht.«

21. November 2009

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