von CHRISTOPH B. STRÖHLE
REUTLINGEN. Zarte Momente und Psychoterror. Zwischen diesen Polen bewegt sich das Geschehen. Regisseur und Autor Eric van der Zwaag hat mit »Prozessakte: Johanna«, uraufgeführt am Theater Die Tonne, der Jeanne d'Arc kein weiteres Denkmal gesetzt, ihr die Aura der Heldin und Heiligen aber auch nicht gänzlich abgesprochen. Vielmehr zeigt er die 19-Jährige als Mensch unter Menschen in einer Extremsituation. Mit all den Abgründen, die das impliziert. Und mit der ganzen Schonungslosigkeit, wie sie die Originaldokumente ihres Prozesses, der 1431 zu ihrer Vernichtung führte, offenlegen.
Galina Freund gibt im Spitalhofkeller der wegen Häresie und Hexerei Angeklagten ein Gesicht, der erleuchteten wie der furchtlosen, der von Selbstzweifeln zerrissenen wie der von Todesängsten geplagten Johanna. Durch ihre intensive Darstellung nehmen die Zuschauer Anteil an ihrem Schicksal.
An ihrer Seite taucht Kathrin Becker als »die Andere« auf. Eine jenseitige Johanna, die das Martyrium bereits hinter sich hat. Die versteht, aber nicht eingreifen kann. Die, inzwischen ergraut, als Einzige die Haare offen und ein Kleid mit Frühlingsblumen trägt, während sich die junge Johanna beharrlich weigert, ihre Männerkleidung gegen etwas Statthafteres einzutauschen. Erlösung sei keine Frage der Kleidung, findet sie.
Dröhnen des Heizlüfters
Unverständlich bleibt, warum van der Zwaag seine zweite Johanna an dem Punkt, an dem sie von einer Lichterscheinung berichtet, »französeln« lässt, während sie sonst akzentfrei deutsch spricht. Leider gehen einige ihrer Zeilen im Dröhnen eines Heizlüfters unter, den sie - gegen die Kälte in der Welt oder als Reminiszenz an ihren Tod auf dem Scheiterhaufen? - mit sich herumträgt. An ihrer enormen Bühnenpräsenz ändert dies nichts. »Was kann man dem Tau, der auf Leichen liegt, abgewinnen?«, fragt sie an einer der eindringlichsten Stellen im Stück.
Anke Bußmann (Vorsitz) und Yvonne Lachmann (Beisitz) verkörpern überzeugend, wenn auch mit Widersprüchen das Gericht. »Sie hat keine Chance«, bricht die Vorsitzende, noch bevor die Verhandlung begonnen hat, bereits den Stab über Johanna und ärgert sich wie ein trotziges Kind (»ach menno!«), als die Angeklagte zu den Stimmen, die sie hört, schweigt. Mit einem Kuss auf den Hals von Johanna prüft sie dann aber, ob diese nicht vielleicht doch eine überirdische Erscheinung ist. Heilige, so sagt man, riechen angeblich besonders gut. Die Beisitzerin hält derweil das Publikum mit Knabberzeug bei Laune, versorgt das Gericht mit Nachrichten wie »Das Holz für den Scheiterhaufen ist geliefert« oder bohrt kritisch nach. Etwa, ob der heilige Michael nackt gewesen sei, als er Johanna erschien.
Auf Schienen in den Tod
Ein Kreuz aus flackernden Neonleuchten an der Decke geleitet Johanna in den Tod, der, etwas plakativ, wie in Auschwitz-Birkenau auf Schienen daherkommt - und die Rehabilitierung nach der Pause. Ungerecht und nichtig sei das Urteil gewesen, erfährt das Publikum.
Dass die Richter beim Prozess Drohungen ausgesetzt waren, hätte man auf der Bühne allerdings gerne gesehen. So bleibt es bloße Behauptung. Die junge Johanna hat zu diesem Zeitpunkt auf dem Richterstuhl mitten im Publikum Platz genommen, sagt aber nichts.
— 30. Januar 2010