von KATHRIN KIPP
REUTLINGEN. Im Hundertjährigen Krieg fühlt sich Jeanne d"Arc von Gott berufen und von himmlischen Stimmen aufgefordert, Frankreich von den Engländern zu befreien und ihren König zum Thron zu führen, was ihr dann auch gelingt. 1430 wird sie deshalb von den Burgundern festgenommen und an die Engländer verkauft, die sie der gekauften katholischen Gerichtsbarkeit in Rouen übergeben, wo ihr 1431 ohne professionelle Verteidigung drei Monate lang der politische Prozess gemacht wird.
Tonne-Oberspielleiter Eric van der Zwaag hat als Autor und Regisseur aus den mehr oder weniger authentischen Gerichtsprotokollen für die Tonne ein "Doku-Drama" erstellt; mit Verhören, Folterungen, Urteil, Vollstreckung und Rehabilitierung, denn 1456 wurde das Todesurteil wieder aufgehoben. 1920 wird die französische Nationalheldin sogar heilig gesprochen.
Eric van der Zwaag lässt die Richterin die Verhandlung mit der Bemerkung "Sie hat keine Chance" beginnen. Das bedeutet, das Urteil ist schon gefällt, das Verfahren eine Farce, und das Theaterstück eine diskursive Veranstaltung, in der das Wesen einer irrlichternden Frau unter die Lupe genommen wird, von der man nicht so recht weiß, was man von ihr halten soll. Einerseits ist sie ja das Opfer einer parteiischen Justiz, andererseits aber eine vielleicht charismatische, aber auch unerbittliche und fanatische Heilige Kriegerin, die im Auftrag Gottes die Engländer vernichten will - Assoziationen zu den Taliban liegen nahe. Das Publikum sitzt in der Tonne also selbst zu Gericht über diese Frau, die außerdem die Geschlechtergrenzen und damit Naturgesetze ihrer Zeit übertritt, indem sie ohne jede Ausbildung Karriere macht, und das auch noch als Transvestitin, was sie ja ein klein wenig sympathisch macht.
Oder ist sie eine religiöse Hochstaplerin? Oder doch nur eine bemitleidenswerte Psychotikerin auf Stimmenfang? Oder einfach eine Frau, die für ihre Ideale kämpft? Wie auch immer, sie wird von der Inquisition jedenfalls nicht nur grausam gefoltert, sondern im Tonne-Gericht als Heilige auch noch "wissenschaftlich" untersucht, abgetastet und mit dem Akku-Schrauber auf Jungfräulichkeit überprüft.
Das Publikum soll nicht nur selbst urteilen, sondern sich dabei vielleicht auch noch schauprozessmäßig amüsieren, weshalb die würdige Beisitzerin (Yvonne Lachmann) Knabberzeug verteilt. Zu lachen gibts im textlastigen, aber geistig durchaus anregenden und hochkonzentriert gespielten Stück allerdings wenig.
Viel eher herrscht düstere Kerker-Atmosphäre mit wuchtigem Neonröhren-Kreuz über der Anklagebank (Bühne: Linda Siegismund) und einer rigoros ungeduldigen Richterin (Anke Bußmann), die böse Fangfragen stellt, auf Zermürbung setzt und die Aussagen der Angeklagten einfach ignoriert. So wie die Regie generell sehr viele Störfaktoren auf die Verhandlung verteilt: Da wird unterbrochen, abgelenkt, zerstückelt, musikalisch irritiert und mit Kassetten herumgefuchtelt.
Außerdem werden verschiedene Andeutungen und zeitliche Perspektiven ins Spiel gebracht: Johanna wird gedoppelt, um so in mehreren historischen und heutigen Stimmen sprechen zu können. Kathrin Becker spielt diese rätselhafte "Andere". Für ihre feurige Hinrichtung rattert ein Karren auf (Auschwitz-)Schienen hinab in Richtung Krematorium.
Die Verhandlung selbst besteht vor allem aus detaillierten Fragen nach der Beschaffenheit der Erscheinungen, Stimmen und himmlischen Anweisungen sowie danach, inwiefern der König in die ketzerische Angelegenheit involviert ist.
Galina Freund als stand- und wehrhafte Johanna weicht den Fragen mit rhetorischer Geschicklichkeit aus, um ihren König nicht zu belasten. Sie fühlt sich ihm und den Stimmen mehr verpflichtet als einem irdischen Gericht. Trotz der Folter knickt sie nicht ein. Erstens, weil sie sich auf der richtigen Seite wähnt, zweitens, weil ihr sowieso die Befreiung eingeflüstert wurde.
Den Richtern wiederum prophezeit sie ein baldiges Ende, was sich in der Tonne-Version auch prompt erfüllt: Die Vorsitzende Richterin bekommt per Arztbrief ihre Brustkrebs-Diagnose. Als Strafe Gottes? Oder Rache Johannas? Oder spielt hier gar der Autor ein klein wenig Gott? Anscheinend haben auch die historischen Richter Johanna nicht lange überlebt: Richtet nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet!
— 30. Januar 2010