von MATTHIAS STELZER
Reutlingen. Eric van der Zwaags rasantes Rededuell rehabilitiert und irritiert
Sie war jung und widersetzte sich fanatisch den Herrschenden. Sie nannte sich Jungfrau, hörte die Stimmen von Engel und Heiligen und starb als vermeintliche Ketzerin mit dem Namen Jesu auf den Lippen. Jeanne d´Arc ist geschichtlich doppelt besetzt: Sie ist die Säulenheilige der französischen Republik und wurde Kirchenheilige der Katholiken und Anglikaner.
In seinem Rededuell »Prozessakte: Johanna«, einer Uraufführung, hat sich der Autor und Regisseur Eric van der Zwaag, also keiner Unbekannten angenommen. Im Gegenteil: Er knöpfte sich einen historischen Stoff vor, den vor ihm schon die Kollegen William Shakespeare, Friedrich Schiller, George Bernhard Shaw und Bert Brecht bearbeiteten.
Die Reutlinger Johanna hat der regieführende Tonne-Oberspielleiter konsequent auf ihre Prozesse zurückgeworfen. Die allerdings auch nur ein unscharfes Bild einer zerrissenen Gottesanbeterin zeichnen, die irdische Richter nicht anerkannte. 1430 wurde die 19-Jährige, die in Orleans zuvor die englischen Truppen besiegt hatte, vor ein geistliches Gericht gestellt. Insgesamt 70 Anklagepunkte, darunter Hexerei und Ketzerei, wurden ihr zur Last gelegt. Das Gericht, von den Engländern eingeschüchtert und instrumentalisiert, verhandelte unter Einsatz der Folter gegen die junge Frau.
Das Ergebnis des Leidens war dabei von Beginn an vorgezeichnet. Wie auf Schienen fuhr die Jungfrau von Orleans ihrem Todesurteil entgegen: dem Scheiterhaufen auf dem Marktplatz der nordfranzösischen Stadt Rouen. Und genau das tut sie auch auf der Bühne im Spitalhof(Folter-)Keller. Allerdings nicht allein, denn Eric van der Zwaag hat der »Einen«, der jungen verzweifelten Johanna (Galina Freund), die »Andere«, die in der abgeklärten Rückschau agierende, ältere und jenseitige Johanna (Kathrin Becker) zur Seite gestellt.
Die Rolle der vielschichtigen Jeanne - aufbegehrende Kindfrau, fanatische Soldatin und Christin und geschundene Angeklagte - wirkt beklemmend und irritierend. Mit verschiedenen Zeitebenen, die sich den Zuschauer(inne)n nicht auf Anhieb erschließen, und sich teils überdeckenden Monologen und Dialogen verhindert der Tonne-Oberspielleiter, dass sein Stück eine gefällige oder eingängige Aufarbeitung der Hexenverfolgungen wird. Im Gegenteil: Seine Dramaturgie abstrahiert die Verbrechen im Namen Gottes, die zwischen 1565 und 1667 auch in Reutlingen etliche Menschen das Leben gekostet haben - natürlich vorwiegend Frauen.
Aber auch diese Geschlechter-Ebene, die Tatsache, dass Frauen von Männern in den Tod geschickt wurden, hebt das Stück auf. Mit Anke Bußmann (als vorsitzende Richterin) und Yvonne Lachmann (als Beisitzerin) hat die männliche Regie zwei Frauen mit der Unrechtssprechung beauftragt. Diesen Kunstgriff tat Eric van der Zwaag zwar, ohne sich wirklich an einer der Reliquien des Feminismus zu vergehen, er erschwerte mit ihm aber auch die Parteinahme. Die »Prozessakte: Johanna« rehabilitiert »la pucelle« im letzten Teil zwar, bringt die un(be)greifbare Frau dem Publikum aber nicht näher. Mit der Jeanne d´Arc der Tonne kann man sich nicht gemein machen, man kann nur gemeinsam mit ihr verstört und gefangen sein.
Eric van der Zwaags Rededuell fesselt - sogar ein bisschen zu sehr. Denn wer im Bezug auf die rasanten Dialoge Johannas Maxime »Die Flucht ist das Recht eines jeden Gefangenen« beherzigt, hat es danach schwer, wieder inhaltlichen Anschluss zu finden. Die Handlung zwischen Heizlüfter, Bandsalat und Folter-Wagen lässt keine Entspannung zu. In den Spitalhofkeller sollte vor allem gehen, wer Lust zum Nachdenken und zum Erfühlen des Unrechts hat.
— 30. Januar 2010