REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER

Die Welt kam aufs Schiff

VON MONIQUE CANTRÉ

REUTLINGEN. »La mer«, Charles Trenets Liebes-Chanson an den Ozean, rahmt die 75 Minuten ein, in denen im Tonnekeller ein bizarres Menschenleben vor dem inneren Auge vorbeizieht. Dieses Leben gehörte Novecento, der als Neugeborenes im Jahr 1900 von seiner vermutlich verzweifelten Mutter aus dem Pulk der Amerika-Auswanderer in einer Zitronenkiste auf dem Dampfer zurückgelassen wurde.

Ein schwarzer Matrose zieht das Kind auf, und es wird sozusagen zum Inventar des Schiffes, auf dem es sich autodidaktisch zum Klasse-Pianisten entwickelt. Als der mittlerweile schrottreife Dampfer nach dem Krieg gesprengt wird, lässt sich Novecento mit in die Luft jagen. Eine gelassen getroffene Entscheidung, wie Alessandro Baricco in seinem Buch NOVECENTO – DIE LEGENDE VOM OZEANPIANISTEN schildert.

Die Welt draußen hatte Novecento nie gesehen, aber mit den Passagieren in erster, zweiter und dritter Klasse war sie auf das Schiff gekommen. Das hatte ihm genügt. »Das Festland ist ein zu großes Schiff für mich«, hatte er seinem Freund, dem Trompeter aus der Bordkapelle, beschieden. Darum überantwortete er sich den sechseinhalb Zentnern Dynamit.

Wie von Geisterhand
Der Trompeter erzählt aus seiner Sicht die Geschichte in Roman und Bühnenfassung. Regisseur Enrico Urbanek hat als sein eigener Bühnenbildner ein Podest mit Gitterrosten unters Gewölbe gestellt, in dessen Mitte mit ordentlicher Schlagseite ein Klavier prangt. Dieses Piano spielt von allein, das heißt, der Reutlinger Jazzer Clemens Wittel hat es zuvor mit einschlägigen Jazz-Titeln programmiert. Der Zuschauer sieht wie von Geisterhand angetippt die Tasten tanzen und - die Verkleidung ist abgenommen - außerdem die Hämmer auf die Saiten hüpfen. Das allein schon ist sehenswert.

Aber noch viel mehr das Schauspiel von Eric van der Zwaag. Der Tonne-Neuzugang ist ein langer Schlacks mit eleganter Körpersprache. In Urbaneks Inszenierung kreuzt er zunächst als Kellner auf und wuselt zwischen den Bistrotischen herum, an denen die Zuschauer Platz genommen haben.

Dann gibt er sich als früheren Ozeantrompeter zu erkennen und schüttelt virtuos sämtliche noch so skurrilen Typen, die für Novecentos erstaunliches Dasein bestimmend waren, aus dem Ärmel. Ein wenig laut wirkt er im ersten Moment, doch dann nimmt sein Spiel richtig gefangen. Fabelhaft, welch üppige darstellerischen Mittel ihm zur Verfügung stehen. Dazu singt Eric van der Zwaag auch noch wundervoll bluesig. Für die Charakterisierung der Figur des Novecento wählt er eine sanfte Attitüde, lässt fast ein bisschen Einfalt durchschimmern.

Das Publikum war nach der Premiere am Donnerstag begeistert und feierte das Produktionsteam frenetisch.

– 14. Oktober 2006

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