SCHWÄBISCHES TAGBLATT

Fuß von den Tasten

Premiere von Bariccos »Novecento« in der Reutlinger Tonne

Solo mit Klavier: Eric van der Zwaag als Novecento.

REUTLINGEN (haa). Eric van der Zwaag ist einer, der die Kunst des Erzählens in Mimik Gestik und Intonation bravourös beherrscht. Mit theatralischer Leichtigkeit schlüpfte er bei der Premiere von NOVECENTO - DIE LEGENDE VOM OZEANPIANISTEN von Alessandro Baricco am Donnerstag in der Reutlinger Tonne in die unterschiedlichsten Charaktere eines Haufens raubeiniger Seebären, sang, gröhlte, flüsterte und sinnierte den leicht philosophisch poetischen Stoff, von einem, der sein ganzes Leben auf einem Ozeandampfer zwischen Europa und Übersee hin und her fährt, äußerst kurzweilig.

Keine Ahnung, warum der Bursche aus der Geschichte dabei zum genialen Jazzpianisten mutierte – auf der Bühne macht er das jedenfalls mit Hilfe eines mechanischen Klaviers, dessen geisterhaftes Spiel im Original vom Reutlinger Jazzpianisten Clemens Wittel stammte. Das Ein-Personen-Stück NOVECENTO - DIE LEGENDE VOM OZEANPIANISTEN hat unter der Regie von Enrico Urbanek etwas unwirklich Märchenhaftes. Aber vielleicht ist es auch nur Seemannsgarn, wenn wir von dem abenteuerlichen Tanz des Erzähler mit dem Pianisten und dessen Klavier bei einem Sturm erfahren. Gespielt (»Nimm den Fuß von den Tasten!«) wird er jedenfalls ziemlich real. Später saßen Erzähler und Pianist im Maschinenraum und verbrachten die Zeit damit auszurechnen, was sie alles kaputtgemacht hatten.

Sehr amüsant gestaltete sich ein Duell zwischen dem einst real existierenden Jazzpianisten Jelly Roll Morton und dem klabauterhaft verklärten Ozeanpianisten. Letzterer brachte nach einigen musikalischen Eskapaden das Klavier derart zum Glühen, dass er sich eine Zigarette daran anzünden konnte. So etwas gefällt dem Publikum und reicht allemal für den Sieg. Eines allerdings schafft Novecento nie: Kein einziges Mal ging er von Bord. Und das, obwohl er gerne mal das Meer vom Land aus gesehen hätte.

Und hier sind wir bei dem Philosophiechen, das hinter Novecento und seiner Geschichte steckt. Was brauche ich die Welt, wenn ich ein Schiff habe? Novecento jedenfalls nennt die Welt »das Klavier auf dem Gott alleine spielt«, weswegen er sich lieber auf seine 88 Tasten beschränkt. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Das Tonnepublikum jedenfalls sagte sich: Was brauche ich ein Ensemble, wenn ich einen wie van der Zwaag habe, und feierte die unterhaltsame Einzelleistung nach eineinhalb Stunden dankbar mit langem Applaus.

–14 Oktober, 2006

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