SCHWÄBISCHES TAGBLATT
 

Mama mia!

»Amerikanische Päpstin« in der Tonne

von Matthias Reichart

Reutlingen. Amerika anno 2044: Los Angeles ist Hauptstadt des Islam, die katholische Kirche hat nur noch 22 Millionen Mitglieder.

Sie wählen den Papst auf vier Jahre. Die erste Päpstin hält im Hosenanzug mit Rücken-Ausschnitt ihre elektronisch übertragene, von Firmen gesponserte Antrittsrede. Ihr stilisierter Thron mit Rampe steht im Chefbüro der Lehman-Brothers, das seitlich aufgehängte Ornat ist eine Leihgabe aus dem Boss-Schaufenster.

So weit das Szenario von Esther Vilars Anti-Utopie „Die amerikanische Päpstin“, die am Donnerstag in der Planie 22 ihre Tonne-Premiere hatte. Johanna II, wie sie sich in Nachfolge der mittelalterlichen Legende von der als Mann verkleideten „Päpstin Johanna“ nennt, ist Amerikanerin. Die Mutter war Gelegenheits-Prostituierte, ein Priester rettete sie mit 14 nach einem Surf-Unfall.

So kam Johanna zu den Katholiken. „Eigentlich waren wir Frauen schon durch Maria im Aufsichtsrat vertreten.“ Sie breitet die fiktive Geschichte ihrer Kirche aus – Benedikt XVI. und Nachfolger: „Jeder Papst übertrumpfte seine Vorgänger an Bescheidenheit, so lange, bis nichts mehr da war.“ Der eine, ein Afrikaner, verkaufte den Besitz des Vatikans für die Armen, der nächste gab das Dogma der Unfehlbarkeit auf. Letzter Einsatz der Schweizer Garde war beim Abriss des Petersdoms. Ein weiterer Papst – „nennt mich Pablo“ – schaffte das Zölibat ab, erlaubte Abtreibung und Homo-Ehe. Ein Kolumbianer legalisierte Drogen, dann bestieg ein Homosexueller den Thron Petri: „Gott ist Liebe.“

Sakrale Musik ertönt jetzt nur noch in der Werbepause. Ist-Zustand zum Amtsantritt Johannas: Die Kirchen stehen leer und sind baufällig, der Klerus ist korrupt, das Kruzifix ist abgeschafft, weil es Schuldgefühle auslöse. Die Kirche propagiert die sexuelle Freiheit, die Beichte gibt es nicht mehr. Doch die Menschen, sagt die neue Päpstin, wollen das Geheimnis. So hätten Sekten, Wahrsager und Astrologen Konjunktur: „Mit der Freiheit leben, das können die Menschen nicht. Dass wir das nicht verstanden haben, darin lag unser Versagen.“

Sie spricht immer wieder das Publikum direkt an, durchschreitet mit zweifelnden Blicken in die Reihen. Chrysi Taoussanis spielt die Päpstin zwischen Menschenverachtung und Idealismus. Sie wolle eine Religion für die Betuchten, die sich Sorgen ums Seelenheil leisten können. Dann ist es heraus: Diese Päpstin glaubt nicht an Gott. Christus ist für sie nur der vorbildliche Mensch und Friedensstifter. „Ich glaube, er war Atheist“ – Positionen, mit denen die Religionskritik der Aufklärung noch provoziert hatte. Heute ist höchstens noch der Rücksturz in den Glauben provokant. Die Päpstin legt das Ornat an, mit dem einst ihre Vorgänger die Massen faszinierten, setzt die kopierte Tiara auf und erklärt, während das Licht immer weiter abgeblendet wird, dass die Menschen Untertanen sein wollten.

Sie verspricht, im blauen Spot, Strenge und Autorität, ihre Kirche werde dem Dasein neuen Sinn geben. Die Neuerungen werde sie komplett rückgängig machen. Alle Kraft werde sie darauf verwenden, die katholische Kirche aus den Trümmern neu erstehen zu lassen. Zuletzt ist ihre eindringliche Seelenschau nur ins Licht einer Kerze getaucht: Im tiefsten Inneren scheint diese ungläubige Kirchenfürstin zu hoffen, selbst glauben zu können.

Nach dem Anti-Feminismus widmete sich Vilar mit diesem kruden Stück sozusagen dem Anti-Atheismus – in schwierigen Zeiten, in denen religiöse wie esoterische Sinnangebote gefragt sind wie nie, liegt sie vielleicht nicht einmal so falsch. Zugleich ein pessimistischer Abgesang an die Aufklärung, die Menschen wollen demnach bevormundet sein. Nachdenklicher Applaus.

Unterm Strich:
Mamma mia! Die erste Päpstin will den belanglos gewordenen katholischen Glauben zurück zur alten, vormals patriarchalischen Stärke führen: Esther Vilars krude Utopie ist von Tonne-Intendant Enrico Urbanek routiniert inszeniert und von Chrysi Taoussanis so unaufdringlich wie eindrücklich gespielt.

13. Februar 2010

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