Eric van der Zwaag als nachdenkliches, deftiges und aufgefrischtes Dramatiker-Denkmal
von MATTHIAS STELZER
Reutlingen. Mit Schiller, genannt Fritz, ist das so eine Sache. In der Schule dient er den Germanistik-Pädagogen als der edle Wilde. Und in Schwaben tut man gerade im laufenden Schillerjahr so, als sei der große Klassiker nur gezwungenermaßen im Weimarer Exil gewesen. »Meine Knochen haben mir geflüstert, dass sie nicht in Schwaben sterben wollen«, wird der Marbacher zitiert. Alles falsch – oder auch nicht. Schiller, so ist es derzeit im Reutlinger Theater Tonne zu erfahren, war in sich und seiner intensiven Art der Weltbetrachtung gefangen.
In »Schiller«, einem Monolog von Regisseur Daniel Call, ist es Eric van der Zwaag, der den nachdenklichen, aufbrausenden, politischen und privaten Friedrich Schiller gibt. Schon nach der ersten Hälfte der kurzweiligen Biographie – mit Brief- und Textzitaten aus dem digitalen Off – ist man daher geneigt, zu sagen: Schiller, das ist eine Sache zwischen mir und mir und allenfalls noch van der Zwaag. Der Schauspieler und Oberspielleiter der Tonne ist präsent, interaktiv eindringlich und es graust ihm vor nichts. Beispielsweise, wenn er sein Publikum ins Mitsing-Theater entführt – per Gitarre und Novalis : Sind wir nicht alle in »Arkadien« geboren? Was aber nicht heißt, dass einem romantische Wurzeln durch den zerrissenen Alltag helfen. Die vielen Schüler/innen, die zu Unzeiten durch den »Wallenstein« oder den »Tell« getrieben wurden, sollten bei Gelegenheit in den Spitalhof-Keller: Um den Dichter und Dramatiker als Deftigen kennen zu lernen. Als einen zuweilen selbstverliebten oder auch depressiven Geistesmann, der seinen Herzog (Karl Eugen) ein »Arschloch« nennt und hie und da »ein Weib geknallt« hat. Nur die reiferen Schüler/innen also. Auch weil sie vom 250-jährigen (toten) Dramatiker die eine oder andere politische Botschaft mit in die Echtzeit nehmen können. Dass ein »beliebtes Mittel der Herrschenden« zum Beispiel die »Erpressung zur Freiwilligkeit«, kurz »E.z.F.«, ist. Nicht wahr, Herr Lehrer?! Oder eine rhetorische Lebensfrage beantwortet bekommen: »Ist ein kolossales Scheitern nicht gesünder, als das Unterlassen des Versuchs?« Ja.
Auch wenn sich ein schillerndes Leben in Sturm und Drang letztlich in eine der gängigsten Varianten des Seins wandelt. »Ich sehne mich nach einer bürgerlichen Existenz«, sagt der van der Zwaagsche Schiller. Übrigens mit einem Free-Tibet-Button am Sakko-Revers. Und dann greift er – nach einer Selbst- und Fremdbespiegelung nebst Kollege Goethe – für »Die Künstler« wieder zur Gitarre: »Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie!« Der monologe, musikalische »Schiller« der Tonne ist ein Freund des Publikums. Daniel Calls Annäherung an den hochmütig-höhenbewussten Dramatiker ist unterhaltend und selbst einst geschundenen Schülern gut zuzumuten. Denn irgendwie befreit sich der alte Reclam-Fritz dabei vom Denkmal.
– 05. Oktober 2009