REUTLINGEN. Eric Bogosian hat sein Stück »Sex Drugs Rock&Roll« den »befreundeten Künstlern, die so früh von der Aids-Pest hingerafft wurden« gewidmet. Darum hat sich die Tonne, die sich die deutsche Erstaufführung dieses Broadway-Knüllers sichern konnte, mit der Aids-Hilfe Tübingen/Reutlingen zusammengetan, die im Spitalhofkeller mit einer dokumentarischen Ausstellung präsent ist.
Allerdings ist Aids nicht das zentrale Thema des Stücks – aber eben ein besonders bitterer Ausfluss jener wilden 70er-Jahre, deren einst heißes Lebensgefühl Bogosian in der jetzigen Abgestandenheit bei einigen Typen durchleuchtet. Heiner Kondschak, im authentischen Alter, gibt all diesen Typen sein Gesicht und brilliert zugleich darin, sie individuell durchaus krass zu unterscheiden. Dabei zieht er virtuos das kabarettistische Register und bringt sich auch als Musiker ein.
Enrico Urbanek hat die zweistündige Revue der schleichend aus der Zeit gefallenen und vom Sinn entleerten Existenzen inszeniert. Ein Sessel, Kontrabass, Keyboard und eine doppelhalsige Gitarre auf einem Podium vor einem roten Vorhang reichen als Ausstattung. Das Übrige erledigt eine variantenreiche Lichtregie. Ironie am Rande: Als Szenenüberleitung erklingt eine liebliche Klimperei.
Grauenhaftes Frauenbild
Lieblich ist sonst jedoch gar nichts: Bogosian, flüssig übersetzt von Klaus Chatten, lässt die Mannsbilder der Rock-Generation mit spürbarer Lust in ihrem Fuck-Jargon lospoltern und ungeniert intime Geheimnisse offenbaren. Ein Frauenbild entpuppt sich da, das zum Fürchten ist! Und Heiner Kondschak macht bezwingend lebendig, wie Aggression und Dummheit aus den Typen hervorbrechen.
Leider bleibt das Meiste ziemlich oberflächlich und taugt nur zum Ablachen, was das Premierenpublikum am Donnerstagabend gerne wahrnahm. Es ist ein Boulevardstück, das zuspitzt und ausstellt, ohne tiefer zu bohren. Allenfalls die Szene des Arztes, der einem an Krebs erkrankten Freund kumpelhaft die zu erwartenden Folgen seiner Chemotherapie beibringt, geht unter die Haut. Kondschak hantiert die ganze Szene über an seinem quergelegten Kontrabass und entlockt ihm alle möglichen Töne, um die Befangenheit des Mediziners hinter dieser Geschäftigkeit zu verbergen.
Das große Plus dieser ersten Tonne-Produktion der neuen Spielzeit ist die schauspielerische Brillanz, mit der Heiner Kondschak die Figuren pointiert zum Leben erweckt. Brüllend komisch ist dabei der hanseatisch drauflosquatschende Kerl mit offenkundig niedrigem Intelligenzquotienten, der mit seinen Kumpels einen exorbitanten Polterabend feiert. Mit süffisanter Selbstzufriedenheit, hingefläzt auf den Sessel, lässt er einen Sexmaniak über seine körperlichen Vorzüge schwadronieren, während er den Manager mit Familiensinn, Geliebter und Vorzimmer-Sklavin als eiskaltes Arschloch gibt. Mit einer Taschenlampe von unten gruselig beleuchtet geifert Kondschak den Weltekel eines Hausmeisters heraus, aber die beste Szene ist sein Rock-Star. Der soll vor der Fernsehkamera gegen Drogen predigen und verliert sich immer wieder in seine Erinnerungen, als er mit seiner Band komplett high so richtig geil abgegangen ist. Diese Nummer spricht er cool mit amerikanischem Akzent.
– 04. Oktober 2008