REUTLINGER NACHRICHTEN

Lebenslügen ohne Ende

Das Tonne-Theater zeigt Eric Bogosians Solostück »Sex Drugs Rock & Roll«

Elf Charaktere, elf Lebenslügen, alle dargestellt von einem Schauspieler: Heiner Kondschak. Die Tonne zeigte "Sex Drugs Rock & Roll" in deutscher Erstaufführung - eine Studie über verbogene Seelen.

von JÜRGEN SPIESS

REUTLINGEN. »Sex Drugs Rock & Roll« - das gehört zu den menschlichen und musikalischen Basisinformationen, wenn die Rede von den 70ern ist. Sollten Sie Zweifel haben, fragen Sie einen x-beliebigen Mitt- bis Endfünfziger, und er wird es, je nach Temperament geheimnisvoll raunend oder begeistert grölend, bestätigen: Sex, Drogen und Rock & Roll waren Schlüsselwörter für jeden, der dazu gehören wollte.

Heiner Kondschak hat das Unmögliche versucht, und beinahe ist es ihm auch gelungen. Der Tübinger Allrounder schlüpft in verschiedene Rollen und entlarvt dabei die Ideale der Flower-Power-Generation als wackliges Lügengebäude. Er spielt in dem gleichnamigen Erfolgsstück des Amerikaners Eric Bogosian elf Charaktere, die alle glühende Anhänger der RocknRoll-Philosophie sind. Doch heute haben sich die revolutionären Lebensentwürfe von damals in Rauch aufgelöst, die Realität hat viele Idealisten von damals längst eingeholt.

Heiner Kondschak singt, spielt auf mehreren Instrumenten und verkörpert die unterschiedlichen Personen mehr oder weniger überzeugend. Am besten gelingt ihm der schmuddelige, versoffene und verkokste Obdachlose, der mit seinem Schicksal hadert und sich als Opfer der Gesellschaft sieht: »Ich bin nicht drogenabhängig!«, brüllt er seine Wut hinaus, »die Welt ist schuld. Sie ist am Arsch!«

Auch der folgende Monolog eines etablierten Rockmusikers über seine Drogenexzesse und seine angebliche Läuterung durch einen TV-Prediger gehören zu den Höhepunkten des Abends. Es sprudelt nur so aus ihm heraus: Erinnerungen an den intensivsten Drogenrausch, die Suche nach dem nächsten Kick, musikalische Höhenflüge: »Nie habe ich bessere Musik komponiert als damals bei diesem Trip.« Herrlich auch die Szene als selbstbewusster Sexprotz und cooler Frauen-Aufreißer.

»Ich bin gut ausgestattet«, säuselt er mit Unterton, »oder hat hier auch schon mal jemand ne Frau gehabt, die vor Glück heult?« Bei einer ausufernden Party feiert Kondschak hernach einen Junggesellenabschied, der in einer wüsten Schlägerei mit Rockern endet.

Nur den reichen Schnösel und den dauertelefonierenden Musikmanager, der sich mit Sexaffären, Lügen und Oberflächlichkeit durchs Leben mogelt, nimmt man dem Allrounder Kondschak nicht ganz ab. Hier wirken die Spielszenen zuweilen etwas bemüht. Aufgelockert werden die Slapstick-Monologe durch Musikeinlagen, in denen Kondschak im Stile von Rockheroen eine zweihalsige EGitarre malträtiert, ian-anderson-mäßig Querflöte spielt oder Lieder von Tom Waits und Elvis Presley grölt, als würde ein menschlicher Synthesizer einem Crashtest unterzogen.

Manchmal scheint sich die Grenze zwischen dem Schauspieler, dem Musiker, dem Komiker Kondschak zu verwischen. Da schlingern mehr oder weniger gescheiterte Existenzen durch ihr Leben, scheinbar cool, aber ohne Vision.

Und natürlich geht es immer um die Grenzen des guten Geschmacks. Mit denen spielt Kondschak durchaus kunstvoll, ja, er klimpert geradezu virtuos auf der Klaviatur des Ordinären. Nach dem Motto: »Manchmal musst du dem Teufel in die Fresse rotzen, damit du spürst, dass du noch lebst.« Selbst der derbste Klamauk hat bei ihm noch Dramatik. Wieder und wieder lässt Kondschak den Bretterzaun des guten Geschmacks zersplittern, dass die Hölzchen nur so fliegen. Dafür nimmt er in Kauf, dass die Ironie zuweilen etwas zu dick aufgetragen wird und der Klamauk sehr grobschlächtig daherkommt.

Fazit: Enrico Urbanek hat mit "Sex Drugs Rock & Roll" eine bitterkomische und schwarzhumorige Satire über entlarvte Lebensträume inszeniert, mit einem Darsteller, der nicht nur sprachlich, sondern auch körpersprachlich überzeugt. Gleichzeitig hinterlässt die Inszenierung auch ein Gefühl von Leere. Denn diese zynische Charakterstudie erinnert uns daran, dass Rock & Roll, wenn man ihn beim Wort nimmt, gefährlich ist. Und vor allem nicht sehr gesund.

– 04. Oktober 2008 

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