Kondschaks Ein-Mann-Schau: Am Donnerstag war die gefeierte deutsche Erstaufführung von »Sex, Drugs, Rock'n'Roll« in der Reutlinger Tonne.
von MATTHIAS REICHERT
Reutlingen. Getriebene und Gestrandete, Machtmenschen und Geläuterte: Eric Bogosians Erfolgsstück »Sex, Drugs, Rock'n'Roll« zeigt, was aus den Rebellen der 70er-Jahre geworden ist. Eine Paraderolle für Heiner Kondschak am Reutlinger Theater in der Tonne.
Am Anfang die Zugabe: Kondschak humpelt als obdachloser Hartz-IV-Empfänger, frisch aus dem Knast entlassen, bettelnd durchs Publikum. Erzählt am Krückstock die Leidensgeschichte vom »dysfunktionalen Elternhaus« und wie er in einer Psychose gewalttätig wurde. Fordert: »Ich brauche ihr Geld.« Noch ein Gestrandeter der Generation Rock'n'Roll.
Elf Monologe auf der Suche nach dem verlorenen Zeitgeist. Das Bühnenbild besteht aus einem grünen Sessel, einem roten Vorhang und den Instrumenten, die Kondschak im Lauf des Stücks anstimmt: Cello bis Keyboard. Zum Einstieg rockt er mit E-Gitarre los. »Wo ist die Kamera?« Der Musikstar, der den Drogen abgeschworen hat, erzählt im TV, wie er ein Benefizkonzert gibt, damit die armen Indianer am Amazonas Armbanduhren kriegen. »Es geht dir so verdammt gut, dass du gar nicht merkst, wie dreckig es dir geht« – die beste Zeit seines Lebens hatte er unter Drogen. Er schwärmt vom »erstklassigen weißflockigen« Koks. Entsprechend lau fällt seine Warnung an die Jugend aus: »Ihr könnt sie auch einfach mal weglassen.«
Diese Typen sind aus dem Leben gegriffen. Der schimpfende Öko-Freak, für den die Welt ein Scheißhaufen ist. Der Frauenheld, der mit sonorer Stimme von seinen Eroberungen prahlt und sein Geschlechtsteil anpreist. Dazu singt Kondschak mit schwarzer Sonnenbrille unnachahmlich »You give me fever«. Die Mär vom unglaublichen Junggesellenabschied: Drei Jungs gehen nach reichlich Sex und Drogen auf vier bullige Hells-Angels los. Und wie! »Ab und zu in deinem Leben musst du dem Teufel in die Fresse rotzen, damit du merkst, dass du noch lebendig bist«, heißt es lakonisch.
Der Waffenfetischist, der sich auf der Suche nach Gottes Allmacht eine noch größere Knarre zulegt. Der fiese Geschäftsmann, der seine Untergebenen anpflaumt und bedroht, seine Frau betrügt und die Geliebte anhimmelt – alles am Telefon. In diesen Miniaturen läuft Kondschak endgültig zu großer Form auf, Enrico Urbaneks Inszenierung gibt ihm genug Freiräume.
Vieles könnte auch hierzulande spielen – US-amerikanische Spezifika hat Urbanek weitgehend eliminiert. Frösteln machen die Irrsinns-Gedanken eines verkrachten Philosophen zur Manipulation in der Konsumgesellschaft. Aus der Mikrowelle dringen seiner Ansicht nach geheime Botschaften, die Rockstars von einst sind heute gleichgeschaltete Roboter. Nichts als »Angst im System«, klagt er – nur die Paranoia eines Alt-68ers?
Höhepunkt ist ein zynischer Mediziner, der seinem Patienten ein neues Medikament anpreist, derweil der Akteur das quergelegte Cello malträtiert. Diese Arznei hat Nebenwirkungen: Juckreiz, Taubheit, Blindheit, Inkontinenz, Nasenbluten. Wenn's je nicht wirkt, »dann probieren wir was Stärkeres. Also, mach's gut!«, sagt der Arzt. Am Ende geht Kondschak wieder als der Obdachlose mit Sammelbüchse rum. Und singt Tom Waits: »It's time, time, time.« Wie war das noch mit dem richtigen Leben im falschen?
– 04. Oktober 2008