Tonne-Jugendforum: Wenn das Innere sichtbar wird

von Nadine Nowara
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 29.04.2017

 

Theater - Das Tonne-Jugendforum erzählt Geschichten, die buchstäblich unter die Haut gehen

 

REUTLINGEN. Tattoos sind kein neuer Trend. Seit Jahrhunderten sind sie ein wichtiger Teil der tahitischen oder der maorischen, aber mittlerweile auch der westlichen Tradition. Auch die Gletschermumie »Ötzi«, die vor mehr als 5 300 Jahren lebte, ist tatöwiert. Das Tonne-Jugendforum zeigt mit seiner Uraufführung von »Tattoo-Stories« im Spitalhof verschiedene Facetten, die mit dem permanenten Körperschmuck einhergehen. Zuständig für die Regie und die Ausstattung ist Sandra Omlor. Jana Riedel unterstützte sie in der theaterpädagogischen Arbeit.

 

Die Jugendlichen haben in der Vorbereitungsphase für das Theaterstück Interviews mit tätowierten Menschen aus ihrem Bekanntenkreis geführt oder sie auf der Straße angesprochen, sagt Sandra Omlor. In vorwiegend selbst geschriebenen Episoden führen die sechs Jugendlichen des Tonne-Jugendforums mit viel Spielfreude in die Welt der Tätowierungen ein. Und machen deutlich: Tattoos sind mehr als ein bloßer Körperkult, sie sind ein Ausdruck von Individualität. Das Innere wird nach außen gekehrt.

 

Die erste Szene erzählt eine außergewöhnliche Geschichte. Eine Frau (gespielt von Jana Riedel) hat buchstäblich ihre Haut verkauft. Sie lässt sich von einem Konzeptkünstler nach seinen und nicht ihren Vorstellungen tätowieren. Als lebendiges Kunstobjekt sitzt sie halb nackt unter neugierigen Blicken im Museum.

 

Tattoos erzählen Geschichten

In Monologen und Dialogen kommt zum Ausdruck, dass die Motivwahl vor dem Tätowieren gut durchdacht sein sollte, schließlich ist es für den Rest des Lebens. Liebestattoos bleiben womöglich länger erhalten als der Partner. Auch sollte man, wenn man über den Durst getrunken hat, achtsam sein. So mancher wacht am nächsten Morgen mit einer peinlichen permanenten Erinnerung auf. Tattoos erzählen Geschichten. Auch eine Liebesgeschichte darf bei den »Tattoo-Stories« nicht fehlen. Sie wird in Form eines Briefromans erzählt. Julian (Pauline Tress) verpflichtet sich für zwei Jahre bei der Bundeswehr. Er und seine Freundin Emma (Emily Feimer) lassen sich ein Symbol stechen, um immer eine Erinnerung bei sich zu haben. In einer humorvollen, aber auch lehrreichen Szene entführt das Ensemble die Zuschauer nach Neuseeland zu den Maoris. Ein schwäbisches Paar (Pauline Tress und Robin Straub) trifft auf eine Eingeborene (Ayca Sengül), die ihnen die Kultur und Riten näher bringt.

 

Thematisiert wird auch, dass Tätowierungen Markierungen sein können. So zeigt man als Hells-Angels-Mitglied seine Gruppenzugehörigkeit. Auf brutale Weise markiert wurden die KZ-Insassen. Nachfahren der Opfer des NS-Regimes lassen sich in Gedenken an ihre Verwandten deren Häftlingsnummer tätowieren.

 

Mit einer Geschichte wird veranschaulicht, wie viel Hoffnung mit einer Tätowierung verbunden sein kann. Eine Tattookünstlerin (Esin Erol) hat sich auf Cover-ups spezialisiert. Sie überdeckt Narben, die ihre Kunden sich durch jahrelanges Ritzen zugefügt haben, mit etwas Schönem. So können ihre Kunden mit schlimmen Erinnerungen abschließen.

 

Die Nachwuchsschauspieler hatten beim Projekt merklich viel Spaß. »Das Team ist auch echt cool«, sagt Ayca Sengül. Die Jugendlichen haben noch keine eigenen Tattoos am Körper. Ideen für Motive hätten sie. Mond, Weltkugel oder die Initialen der Familie stehen hoch in ihrer Gunst.

 

 

Tattoo-Stories

von Kathrin Kipp

REUTLINGER NACHRICHTEN, 29.04.2017

 

REUTLINGEN. Willkommen bei den Tattoo-Themen: Das »tonnejugendforum« erzählt »Geschichten, die unter die Haut gehen«. Auf der weißen Bühne im Spitalhofkeller sitzt der Schweizer Tim Steiner (Jana Riedel) und zeigt uns seinen bunten Rücken, den er für 180 000 Euro verkauft hat. Für die Kunst.

 

Matt Powers und Wim Delvoye haben darauf ein großflächiges Tattoo angelegt. Seitdem ist er das einzige menschlich-lebendige Kunstwerk, das nicht nur in vielen Museen ausgestellt wird, sondern jetzt auch auf der Tonne-Bühne, wo nach und nach die jungen Schauspieler auftauchen und Selfies machen. Jetzt am Donnerstag war Uraufführung.

 

»Jede Tätowierung repräsentiert seinen Träger. Bei mir nicht«, sagt Steiner, der im Vorfeld gar nicht gewusst hat, was ihm da auf den Rücken fabriziert wurde. Er sei das erste Kunstwerk, das »friert und Hunger hat«. Nach seinem Ableben wird seine Haut wohl konserviert, gerahmt und ausgestellt. Warum er das macht? »Am Ende bleibt dir nur die Story. Deshalb wollte ich (immer schon) Geschichten sammeln. Und das hier mit meinem Rücken ist ja wohl eine Riesenstory.«

 

Und solche großen und kleinen Tattoo Stories erzählt nun auch das »tonnejugendforum« unter Leitung von Sandra Omlor. Dafür haben die Nachwuchsschauspieler über die vielfältigen Bedeutungen der langlebigen Körperbemalung recherchiert, mit Tattoo-Fans wie Tattoo-Hassern Interviews geführt, daraus Geschichten geschrieben und einen jugendlich frischen szenischen Bilderbogen erstellt – mit mono-, dialogischen und choreografischen Szenen, in denen mit griechischen Theater-Masken zum Geräusch von Tätowiermaschinen Stechübungen an Orangen vorgenommen werden. Es geht um Obsessionen und Unsicherheiten und um Reaktionen aus dem Umfeld – »Gott, wie ekelhaft und asozial sieht das denn aus!« Und um geschockte Eltern, von denen sich die Tochter unverstanden fühlt. Pauline Tress spielt das Mädchen, das sich nach dem Unfalltod ihrer Freundin eine Feder tätowieren lässt: »Manche Menschen sind wie Federn, sie fliegen einfach weg.«

 

In den parodistischen »Tattoo-Themen« wiederum erzählt Emily Feimer etwas über die Frühzeit der Tätowierkunst, während Esin Erol als Gebärdensprachlerin Faxen dazu macht. Schon der gute alte Ötzi marschierte offenbar mit 61 Strich-Tätowierungen über den Berg.

 

Die Zuschauer erfahren auch, dass erstmals der Seefahrer Thomas Cook die Tätowierkunst in Übersee beschrieben hat: in seinem Logbuch fanden sich (schlecht gemalte) Beispiele. Allerdings sehr vielfältige – da waren schon die Maori kreative Individualisten. Doch hatten sie alle eins gemeinsam: »Die Hinterteile sind alle schwarz« tätowiert, erklären die Tattoo-Themen-Moderatorinnen und zeigen Fotos sowie Videos aus Neuseeland, bevor eine echte Wilde (Ayca Sengül) aufkreuzt und alle in Angst und Schrecken versetzt. Die frühen Seefahrer haben die Ureinwohner einfach mitgenommen und in englischen Teehäusern ausgestellt: Tätowierte als lebende Kunstwerke – so neu ist der Gedanke also doch nicht.

 

Zwei schwäbische Touristen wiederum (Robin Straub und Pauline Tress) haben sich im Urwald verlaufen und werden ebenfalls von der Wilden erschreckt. »Ich bin gar nicht böse, ich mach nur Spaß«, nimmt sie die Touris aufs Korn. Und erzählt ihnen von den heutigen Maori, die den Gästen zwar traditionelle Tänze und Kochtechniken vorführen, sich aber in der Praxis schon längst dem globalisierten Lebensstil angepasst haben.

 

Und so zeigt die Tonne-Jugend nicht nur, welche unterschiedlichen Tattoo-Formen und Stile es gibt und welche Bedeutung sie für den Einzelnen haben können, sondern auch, dass immer viele Emotionen im Spiel sind. Auch bei der Schmachtstory zwischen Julian (Pauline Tress) und Emma (Emily Feimer), die ihre zweijährige Trennung nicht nur mit jeder Menge Briefe überbrücken, sondern auch mit einem Partnertattoo. Oder wenn eine Tattoo-Artistin (Esin Erol) erzählt, wie sie Menschen helfen kann, die ihre Narben übermalt haben wollen.

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