Identitätssuche mit Tango
von Bernhard Haage
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 22.02.2016
Uraufführung: Tonne-Theater arbeitet argentinische Schicksale nach der Diktatur auf
REUTLINGEN. »Für mich hat Tango etwas Heimeliges«, sagt Rechtsanwältin Madlena Delgado (gespielt von Chrysi Taoussanis) bei ihrem ersten Besuch in der Berliner Tango-Bar »Blue Tango«. Da ahnt sie noch nicht, dass sie eigentlich Carlotta Ferreira heißt - und dass ihre Mutter während der argentinischen Militärdiktatur ermordet wurde. Das Heimelige verschwindet bei der Uraufführung des Theaterstückes von Tonne-Drmanaturgin Karen Schultze vor diesem Himtergrund sehr schnell von der Bühne.
Zunächst aber fühlt sich das Publikum in eine echte Tanzbar versetzt. Sehr gute Tango-Tänzer (Martina Beilharz und Frank Moll, Petra und Hans-Werner Erdbrink) ziehen ihre gefühlsintensiven Bahnen und eine tolle Live-Band (Valerio Pizzorno, Gitarre, und Andrej Mouline, Bajan) liefert den hörenswerten Soundtrack.
Kinderraub und Foltergefängnis
Wie es der Zufall will, treffen an diesem eigentlich sehr gemütlichen Ort gleich mehrere Protagonisten aufeinander, deren Schicksal eng mit dem Kinderraub in argentinischen Foltergefängnissen verbunden ist. Barmann Emilio (Steffen Weixler) war selbst eines dieser geraubten Babys und hat nach mehreren vergeblichen Versuchen, ihn nach dem Ende der Militärdiktatur in seine richtige Familie zurück zu vermitteln, endgültig genug davon, ständig neue Identitäten verpasst zu bekommen.
Léon (Robert Atzlinger) ist nach Berlin gereist, weil es seine letzte Hoffnung ist, von dem an Leukämie erkrankten ehemaligen Folterarzt Nestor Delgado (Valerio Pizzorno) einen Hinweis auf den Verbleib seines geraubten Kindes zu bekommen. Und die »Adoptivmutter« von Carlotta weiß nichts davon, dass »ihr« Kind eines der verschwundenen Babys ist und welch grausame Rolle ihr eigener Mann (Nestor) in dem Schreckensregime gespielt hat.
Weil sie sich als potentielle Knochenmarkspenderin für ihren Vater typisieren ließ, erfährt Carlotta, dass sie nicht die Tochter von Nestor sein kann - und ein dramatischer Tanz mit verblüffenden Überraschungen beginnt sich immer schneller zu drehen. Auch wenn manche Zufälle fast unglaublich erscheinen, hat Autorin Karen Schultze eine packende Geschichte gewoben, die von Regisseur Enrico Urbanek und den guten Schauspielern ungekünstelt in Szene gesetzt wird.
Robert Atzlinger leidet in gebrochenem Deutsch und phasenweise auch komplett auf Spanisch äußerst überzeugend, Renate Winkler spielt eindrücklich eine Frau, deren Weltbild zutiefst erschüttert wird, und Barmann Emilio changiert gekonnt zwischen Charme und Bitterkeit. Als es der jungen, vielversprechenden und von Taoussanis verkörperten Rechtsanwältin buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzieht, fließen auf der Bühne echte Tränen.
Stark auch, wie die von Valerio Pizzorno eigens komponierten Lieder auf der Bühne interpretiert werden. Alle Mitwirkenden können singen - und plötzlich überrascht Renate Winkler mit tollem Querflötenspiel. Robert Atzlinger zeigt, dass er nicht nur ein bemerkenswerter Schauspieler, sondern auch ein veritabler Gitarrist ist. Eine klasse Idee ist der Moment am Krankenbett des Folterarztes, als sich das Theater völlig überraschend durch einen kompletten Wechsel von Musik und Licht in die Demonstration der Großmütter der Plaza de Mayo verwandelt. Schauspieler und Tänzer tragen nun die großen Bilder »Verschwundener« durch die Publikumsreihen, während ein infernales E-Gitarrengewitter den musikalischen Himmel verdüstert. Gänsehaut!
Am Schluss der gelungenen Aufführung ist vieles nicht mehr, wie es am Anfang war. Was bleibt, ist der Tango mit seiner unstillbaren Sehnsucht nach Leidenschaft und großen Emotionen.
Unterm Strich
»Wie kann ich lernen dich zu lieben?« verbindet die grausame Realität auf beinahe magische Weise mit der Intensität von Tanz und Musik. Buch und Regie haben das vielschichtige Thema einer erzwungenen Identitätssuche in einer Weise umgesetzt, die alle Sinne anspricht.
Und sie tanzen einen Tango
von Kathrin Kipp
REUTLINGER NACHRICHTEN, 22.02.2016
In einer coolen Berliner Bar treffen Opfer und Täter der argentinischen Militärdiktatur aufeinander: Die Tonne zeigt einen bedächtigen Tango-Abend von Karen Schultze über Argentiniens »verschwundene Kinder«.
Es könnte ein ganz entspannter Abend sein, mit Tango und Musik. Nur das Thema ist alles andere als lazy: Während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 wurden in Argentinien über 500 Kinder verschleppter und ermordeter Widerständler von regimetreuen Eltern »adoptiert«. Viele dieser Kinder kannten lange - teilweise bis heute nicht - ihre wahre Identität, auch wenn die Mütter und Großmütter (die Madres und Abuelas) der Betroffenen schon seit 1977 auf dem Plaza de Mayo dagegen protestierten und sich in Aufklärungsnetzwerken organisierten.
Tonne-Dramaturgin Karen Schultze hat aus fünf solcher Schicksale ein fiktives Stück geschrieben: »Wie kann ich lernen, dich zu lieben?« will hauptsächlich noch einmal aufklären und daran erinnern, welche fatale Folgen solche Terrorpraktiken für die einzelnen Opfer haben - über Generationen hinweg. Und wie es ist, wenn man plötzlich mit einer ganz anderen Identität leben muss. Wenn man erfährt, dass die Eltern Staatsterroristen waren, die einen trotz allem womöglich liebevoll erzogen haben. Wenn einem klar wird, dass die biologischen Eltern verschleppt und ermordet wurden, und zwar von denjenigen, bei denen man jahrelang gelebt hat. Und wie das sein kann, wenn plötzlich eine ganz fremde Familie daherkommt und Ansprüche stellt.
Das Stück kommt dabei mit relativ wenig Text aus, diskutiert aber trotzdem sehr anschaulich die tragischen Verwicklungen, die mit diesen Verbrechen einhergingen. Auch sonst ist die Inszenierung eher schlicht gehalten, entfaltet aber über Bühnenbild, Musik und Tanz eine ganz besondere Wirkung: Regisseur Enrico Urbanek arbeitet mit viel Atmosphäre, lässt in der Bar meistens zwei Tango-Paare im Hintergrund tanzen (bei der Premiere: Martina Beilharz, Franz Moll, Petra und Hans-Werner Erdbrink).
Nur einmal sammeln sich die Figuren, um wie die Madres und Abuelas stumm und anklagend durch das Publikum zu laufen und Fotos ihrer verschleppten Angehörigen zu präsentieren: eine sehr emotionale Szene. Ansonsten treffen die Protagonisten mehr oder weniger zufällig in einem heutigen Berliner Milonga-Club aufeinander, den Bühnenbildnerin Ilona Lenk als wunderhübsche Tanzbar mit tollen Lichteffekten gestaltet hat. Dafür wurde die gesamte Tonne-Theke vom Foyer auf die Bühne transferiert, wo der ziemlich verbitterte Barmann Emilio (Steffen Weixler) die Drinks serviert. Er will eigentlich nichts wissen von seinem Schicksal und den verschwundenen Kindern, weil er im Zuge der Aufklärungsbemühungen nach der Regimezeit von Familie zu Familie weitergereicht wurde, die jede für sich die Hoffnung hatte, dass er der verlorene Sohn sei.
Dabei sind ziemlich viele Fehler unterlaufen, Emilio musste mehrmals komplett seine Identität wechseln. Mittlerweile hat er »die Schnauze voll« von diesem Thema, wird aber trotzdem hineingezogen in das Tohuwabohu, das sich im Stück um die Familie von Madlena Delgado (Chrysi Taoussanis) entwickelt. Madlena ist mit ihren Eltern schon kurz nach Ende des Militär-Regimes nach Deutschland emigriert, weiß aber nichts von ihrem Schicksal als verschwundenes Kind.
Erst als Madlenas Vater an Leukämie erkrankt und ein Knochenmarkspender gesucht wird, kommt heraus, dass sie nicht die biologische Tochter ihres Vaters ist. Damit konfrontiert sie ihre Mutter Consuelo (Renate Winkler), die wiederum aus allen Wolken fällt, als sich herausstellt, dass ihr Mann offenbar einer der schlimmsten Folterärzte der Junta war: reichlich naiv von Consuelo, die nun völlig entsetzt reagiert und sich als Opfer inszeniert, das von nichts gewusst hat.
Robert Atzlinger spielt den alten, gebrochenen León Ferreira, der auch kaum deutsch spricht und bei der Suche nach seinem Sohn auf entscheidende Hinweise vom damaligen Folter-Arzt hofft. Aber bei Nestor Delgado (Valerio Pizzorno) ist nichts mehr zu holen: todkrank und sprachlos liegt er in seinem Krankenhaus-Bett.
Da bleibt dem impulsiven León nichts anderes übrig, als ihn übelst auf Spanisch zu beschimpfen. Ansonsten sitzt Valerio Pizzorno mit seiner Gitarre in der Musiker-Lounge und präsentiert mit Andrej Mouline am Akkordeon (Bajan) seine wunderschön traurige und tragisch schmissige Tango-Musik, die er eigens fürs Stück komponiert hat. Gesungen wird auch und zwar abwechselnd, aber alle mit sehr viel Gefühl. Am Ende gab's deshalb auch viel Applaus.