DER APFEL DER ERKENNTNIS

von Kathrin Kipp

REUTLINGER NACHRICHTEN, 07.04.2012

 

Nein, sie ist noch nicht eröffnet. Dennoch ist die Stadthalle nun schon künstlerisch geweiht - mit dem Abendmahl-Projekt »Bin ichs? Leonardo Ma(h)l in Szene«: die Passionsvesper als Kunst-Event auf der Baustelle.

 

REUTLINGEN. Passend zur Karwoche: Dauerregen. Die Jünger der Kunst stapfen durch die Dreck-Pfützen in Richtung unfertige Stadthalle. Denn die wurde in der Karwoche schon mal vom Tonne-Theater, dem Männerchor der capella vocalis, der Evangelischen Kirche Reutlingen und der Casa Magica in Beschlag genommen.

 

Vielleicht, weil sie sich die zukünftige Kathedrale der Kunst im fertigen Zustand nicht mehr leisten können? Jedenfalls sahen die Macher eine schöne Verbindung zwischen Gründonnerstag, Leonardo da Vincis legendärem Abendmahl-Gemälde (um das sich viele Gerüchte ranken) und der Rohbau-Optik der neuen Stadthalle (um die sich ja ebenfalls Gerüchte ranken). Und die in ihrer derzeitigen Betonnacktheit durchaus an die architektonische Gestaltung der Abendmahls-Halle auf Leonardos Wandbild erinnert.

 

Das Reutlinger Abendmahl-Kunst-Konsortium wiederum holt das letzte Mahl Jesu mit seinen Freunden auch ganz praktisch nach Reutlingen: Denn die Schelme der Casa Magica, die das Gemälde an eine Stadthallen-Foyer-Wand projizieren, haben nicht nur Maria Magdalena ins Bild geschmuggelt, sondern auch die Achalm in den Hintergrund montiert.

 

Will vielleicht sagen: Golgatha liegt auch auf der Achalm. Und so geht es um Verrat, Schuld und Erlösung, aber vor allem geht es bei der »Bin ichs?«-Performance darum, Leonardos Gemälde lebendig zu machen und einen Blick auf die Menschen zu werfen, die in den letzten Stunden bei Jesus waren und sich zu einer Art Abschiedsessen versammelten.

 

Genau diese andächtige Vorabend-Atmosphäre und Abschieds-Stimmung trifft der Jünger-Chor der capella vocalis (Leitung: Eckhard Weyand) mit seinen feierlichen gregorianischen Gesängen. Auch wenn die Jünger noch gar nicht wissen, was auf sie zukommt.

 

Auf Leonardos Gemälde verkündet Jesus gerade, dass einer der anwesenden Jünger ihn verraten wird. Das ist natürlich ein starkes Stück, alle sind ganz aufgeregt und fragen: »Bin ichs«". Oder ist es ein anderer? Hände zeigen in alle Richtungen. Beim Abendmahls-Event in der Stadthalle wiederum sind die Jünger ganz feierlich unterwegs, als sei ihnen die Tragweite des Abends durchaus bewusst.

 

Und so versetzen sich die jungen Sänger der capella vocalis in die Jünger auf dem Bild hinein (Regie: Enrico Urbanek). Zunächst gibt es aber brillanten Chorgesang von den Emporen der Baustelle, mit einer Motette von Thomas Selle.

 

Die capella vocalis ist sowieso immer ein Erlebnis, aber im Rahmen dieser Baustellen-Passionsgeschichte wirkt die Tenor- und Bass-Abteilung mit ihren Chorälen und Hymnen ganz besonders elysisch. Tiefgründig und erhaben zugleich. Alfhild Karle zitiert derweil Rilkes »Abendmahl«: »Sie sind versammelt, staunende Verstörte.«

 

Dann schreitet der Menschenfischer die Treppe herunter, geht zum Wandbild, markiert jeden einzelnen seiner Jünger mit einem Lichtkegel und schreibt deren Name menetekelhaft auf die nackte Betonwand, bevor er die entsprechende Figur auf Leonardos Gemälde verschwinden lässt. Am Ende sind nur noch Jesus und Judas übrig. Aber auch sie werden ersetzt durch die jungen Sänger, die nun einzeln begrüßt werden.

 

Jesus teilt mit der Christengemeinde nicht nur sein Leib und sein Blut, sondern verteilt in diesem ganz speziellen Fall Äpfel, die Urfrucht der Erkenntnis. Und des Verrats. Die Jünger schwören Treue, sind später aber bekanntlich die ersten, die flüchten, als es brenzlig wird. Und sie singen ihre passionsrituellen Weisen. Psalmen. Gebete. Zeitgenössisches.

 

»Wahrlich ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten«, sagt Jesus, und Judas beißt in dem Moment in den Apfel. Alle sind ganz erschrocken, laden Judas die Äpfel auf, bilden einen Kreis und tuscheln.

 

Jesus nimmt Judas die Äpfel ab und offenbar auch die Schuld, auch wenn er findet, dass dieser Mensch besser »nie geboren« wäre, auch wenn gilt: Ohne Judas keine Kreuzigung und keine Auferstehung. Es braucht eben immer einen Gegenspieler.

 

Und eine funktionierende Gemeinde braucht vor allem die Frauen. So taucht auch noch Maria Magdalena auf, singt wunderschön und wickelt den Menschensohn in die weißen Gewänder der Jünger, die ihrerseits die Jünger auf dem Bild ersetzen: Die Passionsgeschichte nimmt ihren Lauf.

 

 

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