Eine Hymne auf die Freundschaft

von Monique Cantré
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 27.09.2011


Bewegende Aufführung der Kinderoper »Brundibár« von Hans Krása vor dem Hintergrund des Holocausts

Im Dunkeln zeichnen sich vor der Bühnenrückwand die Silhouetten von wartenden Menschen ab. Lichter einer Lokomotive blenden auf, und unter Dampf entfernt sich der Zug, während sich hohe Stacheldrahttore öffnen und ein Kind nach dem anderen mit seinem Gepäck auf die Bühne kommt, seinen Namen nennt und von einer Stimme die Koordinaten seiner Lageradresse erhält. Fabian Wettstein hat davor auf der Geige mit der Melodie von John Williams aus dem Film »Schindlers Liste« Trauer in den Raum getragen, begleitet von trockenen Klaviertönen.

Dirigent Markus Landerer ist unter den eingelieferten Männern, die den Kindern folgen. Er hebt dann den Taktstock für die Motette »Wie liegt die Stadt so wüst« von Rudolf Mauersberger, mit der die Knaben und jungen Männer der capella vocalis den Schmerz über die sinnlosen Kriegsopfer ausdrücken. Vor Schwäche fällt immer wieder ein Sänger um.

Bevor der Knabenchor in die Kinderoper »Brundibár« eintritt, lässt Regisseur Enrico Urbanek jeden Mitwirkenden kurze Texte über die Verfolgung oder die Lebensdaten von jüdischen Kindern aufsagen, aus denen hervorgeht, dass keines das KZ überlebt hat. Am Schluss der Aufführung verschwinden alle hinter dem Stacheldraht - in Auschwitz wartet auf sie der Tod - und Fabian Wettsteins Violine berührt ein weiteres Mal mit ihrer klagenden Melodie.


Optimistisches Märchen
Mit dem bewegenden Ende schließt sich der historische Rahmen, den Tonne-Intendant Urbanek um die Oper »Brundibár« gezogen hat. Sie wurde vom Prager Komponisten Hans Krása über 50 Mal im KZ Theresienstadt aufgeführt. Ihre lebensfrohe Musik und das optimistisch endende Märchen mit seinem Lobpreis der Kraft der Gemeinschaft sollten den Lager-Schrecken nicht vergessen lassen. Auch Krása wurde als Jude in Auschwitz vergast.

In Reutlingen kommt »Brundibár« als Koproduktion von Tonne, Württembergischer Philharmonie und capella vocalis auf die Bühne in der Planie 22. Urbanek erweist sich erneut als exzellenter Regisseur einer Produktion mit einer großen Gruppe von Nicht-Profis.

Den Buben und den beiden mitspielenden Mädchen schafft er eine griffige Handlungsstruktur, in der die Geschichte von Pepiek und Aninka, die Milch für ihre kranke Mutter besorgen wollen und dabei vom fiesen Leiermann Brundibár verjagt werden, zügig vorantreibt. Mithilfe vieler Freunde, darunter Katze, Hund und Spatz, gelingt es ihnen, den wie eine Hitler-Karikatur aussehenden Brundibár zu vertreiben. »Wir müssen auf Freundschaft bauen«, haben die Kinder erkannt.

Ilona Lenks stimmige Ausstattung zeigt die dreistöckigen Baracken-Betten und die gestreiften Anzüge der Lagerinsassen und improvisiert die Spiel-Kostüme aus der mitgebrachten Habe der Gefangenen.


Farbigkeit der Musik
Elf Musiker der Philharmonie bilden das Orchester, bei dem ein Akkordeon Brundibárs Leierkasten die passenden Töne leiht. Neben den Streichern und dem Klavier sind Gitarre, Schlagwerk, Flöte, Klarinette und Trompete dabei. Unter Leitung von Markus Landerer kommt die erstaunliche Farbigkeit von Krásas Komposition animierend zum Tragen, wie auch die theatergerechte Stimmungsmalerei samt den dramatischen Ausbrüchen.

Fröhlichkeit bestimmt nicht selten die Chöre. Vom Gesang geht überhaupt der größte Reiz dieser Kinderoper aus. Und hier sind die capella-vocalis-Knaben ganz große Klasse. Ihr Leiter Eckhard Weyand und Ulrike Härter haben die Stücke mit ihnen einstudiert, und die sitzen perfekt. Die profunde Ausbildung des Knabenchores ist als Grundlage unersetzlich. Die zahlreichen solistischen Partien werden von den jungen Sängern ebenso überzeugend interpretiert wie die mehrstimmigen Chorsätze. Zwei absolut sichere Hauptdarsteller sind Heinrich Beutel und Jan Jerlitschka. Aber auch die drei Tiere, Eismann, Bäcker, Polizist und Brundibár machen ihre Sache bestens. In weiteren Aufführungen sollen andere Sänger diese Rollen übernehmen.

 

 

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