DAS HERZ IST EIN GRÖßERES ORGAN ALS UNSER HIRN

von Kathrin Kipp
REUTLINGER NACHRICHTEN, 09.02.2013



Bumm, Knall, Zosch, Spritz: Mit genügend Sex, Crime, Terror und Action kann man jeden durchgeknallten Schrott an der Kinokasse verkaufen. Benjamin Hille gibt im Tonne-Theater den windigen Filmdealer.

Eigentlich wollte die Tonne ihr »Monospektakel« noch mit der Eigenproduktion «Macht« nach dem Theaterstück »Caligula« von Albert Camus anreichern, aber die Camus-Erben legten Veto ein. Tonne-Dramaturgin Karen Schultze hatte das Stück zu einem Monolog umgebaut, und das akzeptieren die Rechteinhaber nicht.

So musste die Tonne flugs umdisponieren und Regisseur Enrico Urbanek mit Schauspieler Benjamin Hille ein neues Stück einstudieren. Ironie des Schicksals: auch am Theater legen oft äußere Zwänge die Inhalte fest. Denn auch in der britpoppigen Hollywood-Satire von Mark Ravenhill, der einst mit »Shoppen und Ficken« den Theater-Markt aufwühlte, geht es im weitesten Sinne um das Verhältnis von äußeren Bedingungen und (Medien-)Inhalten. Beziehungsweise darum, wie man vor lauter Kommerz schließlich gänzlich auf Inhalt verzichtet.

Und so spielt Benjamin Hille einen windigen Filmproduzenten, der einem im Stück komplett stummen Starlett die Hauptrolle in einem Terror-Action-Blut-Sperma-Trash-Movie aufschwatzen will, dessen »Handlung« tausend hirnverbrannte Wendungen nimmt und auch vor den 9/11-Türmen, Sex mit der al-Qaida und Bin Laden nicht Halt macht. Eigentlich ein dermaßen irres Drehbuch, das an sich schon zu einer lustigen Satire auf alle möglichen Filmgenres taugen würde. Aber Mark Ravenhill nimmt den Umweg über den Produzenten, der den Film wirklich ernst nimmt, oder zumindest so tut als ob.

Benjamin Hilles Stoffdealer jedenfalls fuchtelt mit dem Oscar herum, steigert sich in sein Kunstwerk rein, schmiert der zukünftigen Hauptdarstellerin Honig ums Maul und spielt ihr das Drehbuch vor, samt Regieanweisung, Kameraeinstellung, Schnitt und tiefenpsychologischer Analyse.

Enrico Urbanek lässt Hille auf dem Grat zwischen echter Begeisterung und überzogener Parodie freie Hand und schafft nebenher mit ganz viel Filmmusik (Oliver Laib) schon mal wohlig, spannende und verführerische Kino-Atmo und Dolby-Stimmung mit Gefühlsgarantie. Das Ganze ähnlich überzogen und genial wie Bernhard Dechant neulich in seinem mit dem Monospektakel-Preis »Tonnella« ausgezeichneten »Braveheart«-Monolog.

Dort glaubt der Kinovorführer allerdings tatsächlich an die große Kunst in seinem Blockbuster, während Benjamin Hille einen großmäuligen Produzenten und Verkaufsstrategen zeigt, bei dem man nicht so recht weiß, ob er an das, was er verkauft, auch tatsächlich glaubt.

Das Stück lebt aber vor allem von der komplett hirnrissigen Handlung des Films und der krassen Sprache, mit der er verkauft wird. Ein Streifen, der mit den Ängsten und Rassismen der Zuschauer Kasse machen will, indem man diese mit viel Action, Splatter, Sex, Gewalt und Spannung inszeniert: Die seelisch »tief verwundete« und deshalb sexuell blockierte Amy, die ihren Lover in den Türmen verloren hat, lernt im Flugzeug einen al-Qaida-Kämpfer (einen »dunkelhäutigen« Fremden mit Messer und Gebetsteppich) kennen und erlebt mit ihm ihre sexuelle Wiedergeburt (»animalisch«) und natürlich echte, wahre Liebe.

In ihrem Loft trifft sich bald die gesamte Terrorzelle inklusive Bin Laden, und Amy gerät in jede Menge »innere Konflikte« samt Liebe, Verrat - das ganze Dramen-Potenzial menschlicher Empfindungen, aber auch äußere Konflikte: So landet das religiös und seelisch erregte Liebespaar brennend im Pool, wo es sofort wieder an seiner sexuellen Befreiung arbeitet. Es hilft alles nichts: »Mohammed« landet in Guantanamo, und als Amy mitbekommt, wie er gefoltert wird, entwickelt sie sich zum Kill-Bill-Lara-Croft-Amok-Rachemonster und nimmt Obama jede Menge Probleme ab, indem sie den Knast einfach sprengt.

Um so etwas nachvollziehbar spielen zu können, brauchts natürlich große Schauspielkunst. Eigentlich sollte sich Benjamin Hilles Produzent am besten selbst casten, denn mehr Authentizität und Drama und Action und Tiefenpsychologie und wa(h)re Gefühle geht nicht: Hille ist ein echter Drama-König, wechselt munter zwischen Amys brüchigem Gefühlschaos und Mohammeds verzweifelter Unerbittlichkeit hin und her. Osama Bin Laden spielt er als tuberkulotische Mischung aus Darth Vader und Jogi Löw, bevor er wieder ganz melodramatisch am Flügel sitzt, sich selbst den Soundtrack macht und pathetische Phrasen drescht: »Das Herz ist ein größeres Organ als unser Hirn.« Also, wer auf Hollywood-Parodien steht: Reingehen.

 

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