Rosenkriege als Tulpenmassaker

von Matthias Reichert

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 19.02.2022

 

Premiere – Das Reutlinger Tonne-Theater langt mit »Der Gott des Gemetzels« von Yasmina Reza sehenswert und tief hinein in die Abgründe moderner Paarbeziehungen.

 

Ein Gemetzel, wie es der martialische Titel ankündigt, gibt es auf der Bühne lediglich unter unschuldigen Sträußen roter Blumen. Zuvor tun sich anderthalb Stunden lang mitreißend die seelischen Abgründe zweier Paare auf. Rosenkriege als Tulpenmassaker – nach der international erfolgreichen Vorlage der französischen Dramatikerin Yasmina Reza läuft das Tonne-Ensemble unter Regie von Karin Eppler zu großer Form auf. Am Donnerstag war die gefeierte, wenngleich pandemiebedingt nicht annähernd voll besetzte Premiere im Theaterneubau.

 

Zwei Paare treffen sich bei Tee und französischem Kuchen, um sich gepflegt über eine Schulhof-Schlägerei ihrer elfjährigen Söhne auszusprechen. Gesittet geht es los – doch nach und nach zeigen alle vier ihre wahren Gesichter. Da ist zunächst Véronique (Stefanie Klimkait), eine kunsthistorisch interessierte Schriftstellerin, die sich mit den Krisen Afrikas beschäftigt und an die Kraft von Zivilisation, Kultur und klärenden Gesprächen glaubt. Doch die führen in den Orkus bei dieser Komödie, in der das Lachen im Hals gefriert. Véroniques Mann Michel (David Liske) handelt mit Haushaltswaren, hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen – und entpuppt sich letztlich als desillusionierter Spießer.

 

Ihre Antipoden sind Annette (Claudia Carus) und Alain (Robert Atzlinger). Annette ist Vermögensberaterin und steht völlig unter der Fuchtel ihres Mannes, der sie passenderweise »Wauwau« nennt. Er ist Wirtschaftsanwalt. Pausenlos klingelt sein Handy, an diesem Tag geht es um ein Medikament, das gefährliche Nebenwirkungen hat. Zynisch erteilt Alain Anweisungen, wie die Pharmafirma den Skandal um den angeblichen Blutdrucksenker bewältigen soll – ohne jede Rücksicht auf die Gesundheit der Patienten.

 

Das wiederum findet seine Frau im Wortsinn zum Kotzen, sie übergibt sich über den Anzug ihres Mannes und die ringsum aufgetürmten Kunstbände. Veronique und Michel sorgen sich nur um die kostbaren Kataloge, wie es Annette geht, ist ihnen herzlich egal. Dabei haben sie in ausgesuchter Spießigkeit für den Disput unzählige Tulpen vom Großmarkt besorgt. Ansonsten besteht das Bühnenbild von Iskra Jovanović-Glavaš lediglich aus einem langen Tisch, einer Durchreiche und einigen Stühlen und Sesseln – so richtet Regisseurin Eppler den Fokus ganz auf die Darstellenden.

 

Was voll und ganz aufgeht. Zunächst erörtern die Paare haarscharf und mit ausgesuchter Höflichkeit Haarspaltereien. Mit einem Stock hat der Filius von Alain und Annette dem anderen Elfjährigen zwei Zähne ausgeschlagen. Die Paare einigen sich formaljuristisch formbewusst darauf, dass der Übeltäter mit dem Stock nicht etwa »bewaffnet«, sondern lediglich »ausgestattet« gewesen sei.

 

Im jeweils unpassendsten Moment ruft immer wieder Michels Mutter an, die besagten Blutdrucksenker selbst genommen hat. Abgründe tun sich auf, erst spaltweise, dann höllentief. Alain baggert Véronique an. Und deren Mann Michel landet selbst auf der Anklagebank, weil er am Vorabend den Hamster der kleinen Tochter ausgesetzt und dem sicheren Tod im Rinnstein preisgegeben hat. Wie sich herausstellt, hat Michel eine Phobie gegen Haus- und Nagetiere. Und eigene Minderwertigkeitskomplexe kompensiert er mit Sottisen.

 

Das Unheil beginnt spätestens, als Michel die Rumflasche auspackt und sich das Quartett mehr und mehr und schließlich hemmungslos besäuft. Die Männer outen sich als John-Wayne-Fans, schwelgen in Machosprüchen und Erinnerungen an Prügeleien der eigenen Kindheiten. Vorübergehend verbünden sich die Frauen gegen so viel Männlichkeitsgehabe – nur um sich bald wieder aufs Ätzendste zu beschimpfen, ebenso die abwesenden Kinder der jeweils anderen.

 

Alkohol enthemmt. Michel erklärt, Kinder seien nichts als Katastrophen. Und die Ehe »die schlimmste Prüfung, die uns Gott auferlegt hat«. Alain wiederum schwadroniert vom Recht des Stärkeren: »Ich glaube an den Gott des Gemetzels.« Jeder und jede bekriegt schließlich jede und jeden. Die von ihrem Mann unterdrückte Annette ertränkt dessen Handy effektvoll im Blumenkübel. Und dann, als dramatischer Höhepunkt, müssen die unschuldigen Tulpen dran glauben. Betretenes Schweigen vor langem Applaus.

 

Unterm Strich

 

Kunstblut fließt keines in dieser Komödie. Aber Grusel und Schockeffekte bietet das göttliche, stark gespielte und inszenierte Verbalgemetzel dennoch mehr als genug.

 

 

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