Ein Fest der Fantasie

von Christoph B. Ströhle
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 19.11.2018

 

Theater − Antoine de Saint-Exupérys Kunstmärchen »Der kleine Prinz« in einer Bühnenfassung am Theater Die Tonne

 

REUTLINGEN. Das Theater Die Tonne konfrontiert sein Publikum nicht nur auf der Bühne mit grundlegenden Fragen. »Wenn du deinen eigenen Planeten entwerfen könntest, wie sähe der aus? Was sollte es darauf unbedingt geben und was auf gar keinen Fall?« So liest es sich im Programmheft zum Stück »Der kleine Prinz«, das am Freitagabend im Tonnekeller Premiere gefeiert hat.

 

Karen Schultze und Marion Schneider-Bast haben aus Antoine de Saint-Exupérys 1943 erschienener Erzählung eine zeitlose Erzähltheaterfassung gemacht (empfohlen für Zuschauer ab acht Jahren), mit Schauspieler David Liske als einzigem Akteur auf der Bühne.

 

Wie kann er so, dass man es ihm abnimmt, all die unterschiedlichen Rollen verkörpern? Muss er gar nicht. In den Augen der jüngeren Zuschauer − und die gab es erfreulicherweise tatsächlich bei der Premiere − aber auch der junggebliebenen Erwachsenen sprechen Gegenstände wie seine Krawatte (als Schlange, die sich, von ihm an einem unsichtbaren Faden gezogen, über seine Schultern bewegt) oder ein Fahrradsattel (als Fuchs) mit ihm.

 

Er selbst ist, wenn er ein gelbes Tuch umgelegt hat, der kleine Prinz, und sonst der Erzähler. Oder ein König, der ein fiktives Reich beherrscht und für den der kleine Prinz nur ein Untertan ist; der Alkoholiker, der trinkt, um seine Trunksucht zu vergessen; der Geschäftsmann, der behauptet, die Sterne zu besitzen, und all die anderen Figuren, die Antoine de Saint-Exupéry in seiner poetisch-philosophischen Geschichte zum Leben erweckt.

 

Poller als Königsthron

Marion Schneider-Basts Konzept für Regie und Ausstattung ist so schlicht wie genial. Ein kaputtes Fahrrad und der Poller, gegen den der Erzähler, kurz bevor die Rahmenhandlung einsetzt, gekracht ist, liefern all die Versatzstücke, mit denen sich ein ganzes Universum vergegenwärtigen lässt. Da wird die in der Raummitte aufgehängte Fahrradklingel zum Planeten des kleinen Prinzen, der Poller zum Königsthron, die Luftpumpe zum Zepter, und in einem grünen Handschuh lässt David Liske ein zusammengeknülltes rotes Tuch als Rose erblühen. Die Rose, mit der der kleine Prinz auf seinem Heimatplaneten auf für ihn anfangs unergründliche Weise so eng verbunden ist. Die Rose, wegen der er eines Tages seinen Planeten verlässt, um Antworten auf seine Fragen zu finden.

 

Was an der Originalerzählung charakteristisch ist: Sie ist ein Fest der Fantasie. Marion Schneider-Bast gelingt es, die Zuschauer mitzunehmen in eine Welt, die ohne die Fantasie der Zuschauer einfach nur aus einem kaputten Fahrrad und ein paar Kleidungsstücken bestünde.

 

Die Stärke ihrer Inszenierung ist, dass sie keine fertigen Bilder liefert, sondern dazu auffordert, sich mit der eigenen Empfindung und Einbildungskraft am Spiel zu beteiligen und die Welten, von denen erzählt wird, auf ganz eigene Art zu vollenden. Dazu passt, quasi als Verlängerung der 70-minütigen Aufführung, dass man im Programmheft gefragt wird, an welchem Ort, wäre man der kleine Prinz, man am liebsten geblieben wäre; ob man annimmt, dass die Rose die lange Abwesenheit des kleinen Prinzen gut überstanden hat, und was man selbst für das Wesen von Freundschaft hält.

 

Plädoyer für Menschlichkeit

Von der erzählt das moderne Kunstmärchen bekanntlich − wobei Saint Exupéry neben einem Plädoyer für Gemeinsinn und Menschlichkeit auch den Werteverfall der Gesellschaft anspricht. Er tut dies in der Poesie von Bildern, die auch für jüngere Leser (und Zuschauer) zu entschlüsseln sind. Mit einem gewissen Hang zum Aperςu gelegentlich auch (»Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«).

 

Der großartig spielende David Liske gewinnt die Aufmerksamkeit der Kinder anfangs, indem er für ein paar Lacher sorgt. Später dann wird es stiller in den Publikumsreihen, die Zuschauer sind spürbar in den Bann der Geschichte, des poetischen Bilderreigens gezogen.

 

Zwar wird die Rahmenhandlung mit dem Fahrradfahrer, der auf dem Weg zu einem wichtigen Termin war, am Ende nicht fortgeführt. Dafür hat man als Zuschauer das Bild vom kleinen Prinzen im Kopf, der irgendwo da draußen auf seinem Planeten sitzt und mit glockenheller Stimme lacht.

 

 

Die Kunst sein Leben zu reparieren

von Kathrin Kipp

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 19.11.2018

 

Tonne-Theater − Saint-Exupérys verrätseltes Sternenmärchen: David Liske fällt vom Drahtesel direkt in die Rolle des Kleinen Prinzen.

 

Reutlingen. Man muss schon auch mal zwei Raupen ertragen, wenn man einen Schmetterling erleben will, sagt die Blume bedeutungsvoll zu ihrem Prinzen: Antoine Saint-Exupéry hat in seine Parabel so viele Bilder, Rätsel, Metaphern und poetische Phantasie gesteckt, dass man sich am Ende gar nicht mehr auskennt vor lauter Denkanstößen, aber auch blumigen Widersprüchen. Aber die Interpretationsanleitung gibt´s ja gleich dazu: Man soll die Welt mit dem Herzen betrachten und nicht mit dem schnöden Denkapparat.

 

David Liskes Erzähler wiederum hätte mal lieber weniger mit dem Herzen, sondern mit den Augen geschaut, bevor er unter der Regie von Marion Schneider-Bast und der Tonne-eigenen Textfassung mit dem Fahrrad gegen einen Poller donnert. Jedenfalls liegt er mitten in den Fahrrad-Trümmern, wenn das Publikum in den Spitalhoftheaterkeller kommt. Der radelnde Bruchpilot liefert damit die Rahmen-Geschichte und die kreative Ausstattung für die Begegnung des Erzählers mit dem wertebewussten, freundlichen Außerirdischen, der den Menschen mal wieder ein wenig Menschlichkeit beibringen muss. David Liskes Erzähler verpasst wegen seines Unfalls »einen wichtigen Kundentermin«, konzentriert sich dann aber auf das Wesentliche: »Ruhe bewahren«, die »Dinge in Ordnung bringen«.

 

Er lässt die Figuren aus dem »kleinen Prinzen« sehr real werden und erzählt seine Geschichte mithilfe der verstreuten Fahrradteile, die er nach und nach als kleine Planeten und Sterne in den Himmel hängt oder sonstwie umdeutet. Liske spielt mit großer Verwandlungslust alle Rollen selbst, nicht nur den gestressten Bruchpiloten. Sondern auch den Kleinen Prinzen, der sich zunächst nur in Form eines gelben Schals materialisiert, nach und nach aber Liskes Gestalt annimmt.

 

Mit der kapriziösen Blume auf seinem Heimatsternchen ist er ein wenig aneinandergeraten und sucht nun das Weite, um Freunde und sich selbst zu finden. Und um auswärts zu erkennen, wie schön es Zuhause ist. Auf der Reise trifft er den selbstherrlichen, bei Liske unangenehm lauten König mit Fahrradschlosskrone, der sich sehnlichst einen Untertanen wünscht. Macht und Ohnmacht sind hier Thema, aber das interessiert unseren Prinzen nicht. Die Menschen wiederum interessieren sich nur für sich selbst: der cholerische Berechner, der alle Sterne besitzen will. Der Trinker, der trinkt, um seine Trinksucht zu vergessen. Der Forscher, der durch sein Luftpumpenrohr schaut.

 

Die Schlange wiederum windet sich als Krawatte um den Hals des Prinzen und bietet eine radikale Giftkur an, während sich der Außerirdische den recht irdischen Fragen des Daseins stellen muss: Wer und wie will ich sein? Wen will ich als Freund haben? Muss mein Ich »sterben«, um ein anderes werden zu können? Liske jedenfalls nimmt die kleinen und großen Zuschauer mit auf eine spannende, poetische und sehr verrätselte, manchmal auch ein wenig kitschige Fahrradreise durchs menschliche Universum.

 

 

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