Die Kunst sein Leben zu reparieren
von Kathrin Kipp
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 19.11.2018
Tonne-Theater − Saint-Exupérys verrätseltes Sternenmärchen: David Liske fällt vom Drahtesel direkt in die Rolle des Kleinen Prinzen.
Reutlingen. Man muss schon auch mal zwei Raupen ertragen, wenn man einen Schmetterling erleben will, sagt die Blume bedeutungsvoll zu ihrem Prinzen: Antoine Saint-Exupéry hat in seine Parabel so viele Bilder, Rätsel, Metaphern und poetische Phantasie gesteckt, dass man sich am Ende gar nicht mehr auskennt vor lauter Denkanstößen, aber auch blumigen Widersprüchen. Aber die Interpretationsanleitung gibt´s ja gleich dazu: Man soll die Welt mit dem Herzen betrachten und nicht mit dem schnöden Denkapparat.
David Liskes Erzähler wiederum hätte mal lieber weniger mit dem Herzen, sondern mit den Augen geschaut, bevor er unter der Regie von Marion Schneider-Bast und der Tonne-eigenen Textfassung mit dem Fahrrad gegen einen Poller donnert. Jedenfalls liegt er mitten in den Fahrrad-Trümmern, wenn das Publikum in den Spitalhoftheaterkeller kommt. Der radelnde Bruchpilot liefert damit die Rahmen-Geschichte und die kreative Ausstattung für die Begegnung des Erzählers mit dem wertebewussten, freundlichen Außerirdischen, der den Menschen mal wieder ein wenig Menschlichkeit beibringen muss. David Liskes Erzähler verpasst wegen seines Unfalls »einen wichtigen Kundentermin«, konzentriert sich dann aber auf das Wesentliche: »Ruhe bewahren«, die »Dinge in Ordnung bringen«.
Er lässt die Figuren aus dem »kleinen Prinzen« sehr real werden und erzählt seine Geschichte mithilfe der verstreuten Fahrradteile, die er nach und nach als kleine Planeten und Sterne in den Himmel hängt oder sonstwie umdeutet. Liske spielt mit großer Verwandlungslust alle Rollen selbst, nicht nur den gestressten Bruchpiloten. Sondern auch den Kleinen Prinzen, der sich zunächst nur in Form eines gelben Schals materialisiert, nach und nach aber Liskes Gestalt annimmt.
Mit der kapriziösen Blume auf seinem Heimatsternchen ist er ein wenig aneinandergeraten und sucht nun das Weite, um Freunde und sich selbst zu finden. Und um auswärts zu erkennen, wie schön es Zuhause ist. Auf der Reise trifft er den selbstherrlichen, bei Liske unangenehm lauten König mit Fahrradschlosskrone, der sich sehnlichst einen Untertanen wünscht. Macht und Ohnmacht sind hier Thema, aber das interessiert unseren Prinzen nicht. Die Menschen wiederum interessieren sich nur für sich selbst: der cholerische Berechner, der alle Sterne besitzen will. Der Trinker, der trinkt, um seine Trinksucht zu vergessen. Der Forscher, der durch sein Luftpumpenrohr schaut.
Die Schlange wiederum windet sich als Krawatte um den Hals des Prinzen und bietet eine radikale Giftkur an, während sich der Außerirdische den recht irdischen Fragen des Daseins stellen muss: Wer und wie will ich sein? Wen will ich als Freund haben? Muss mein Ich »sterben«, um ein anderes werden zu können? Liske jedenfalls nimmt die kleinen und großen Zuschauer mit auf eine spannende, poetische und sehr verrätselte, manchmal auch ein wenig kitschige Fahrradreise durchs menschliche Universum.