Gekonnt bis in die Nebenrollen

von Matthias Reichert

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 14.7.2025

 

Premiere – Die Tonne inszeniert den Mittelalter-Bestseller »Der Name der Rose« als opulentes Reutlinger Sommertheater mit liebevoll gezeichneten Figuren.

 

Man wundert sich, dass sie da nicht schon viel früher draufgekommen sind. Die Tonne spielt als Reutlinger Sommertheater »Der Name der Rose«. Und der historische Spitalhof bietet die ideale Kulisse für dieses Mittelalter-Epos um eine Mordserie unter Mönchen einer Benediktiner-Abtei des Jahres 1327.

 

Spätestens seit der Verfilmung mit Sean Connery und Christian Slater von 1986 zählt das Buch zu den Klassikern der Populärkultur. Autor Umberto Eco verwob im Roman vielfältige Handlungsstränge: Neben dem Detektivroman mit deutlichen Anspielungen auf Sherlock Holmes gibt es historische, philosophische, kulturgeschichtliche, theologische Diskurse.

 

Fokus auf Detektivgeschichte

 

Die Reutlinger Inszenierung konzentriert sich auf die Detektivgeschichte, die Regisseurin Karin Eppler mit viel Liebe zum Detail umsetzt. Als Bühnenbild hat Sibylle Schulze marmorn wirkende Klostermauern aufgebaut. Ein dunkles Kreuz in der Wand öffnet sich schließlich zum Showdown. Vorne ist ein gewundener Aufgang. Ein kleinerer Nebenraum dient als Schlafplatz, Gruft, Küche.

 

Mehrere Morde erschüttern die Abtei. Ein Mönch fällt vom Turm, ein weiterer toter Mönch steckt im Schlachtbottich, einer stirbt im Beruhigungsbad. Jede Leiche hat eine schwarze Zunge und einen schwarz verfärbten Finger. Der Abt (resolut: Chrysi Taoussanis) versucht, seine mönchischen Schäfchen zu beruhigen. Der Franziskaner William von Baskerville und sein junger Novize Adson von Melk machen sich an die Aufklärung. Nach und nach lösen sie die Rätsel um amouröse Verstrickungen der ermordeten Mönche, das Geheimnis der Giftmorde und eines verschollenen Buchs von Aristoteles. Das ist in der unzugänglichen Klosterbibliothek versteckt, deren Geheimcode William und Adson schließlich in höchster Not knacken. David Liske spielt den scharfsinnigen William mit nachdenklich hochgezogenen Augenbrauen als hochreflektierten Aufklärer mit dunkler Vergangenheit. Wie ein Vater kümmert sich William um Adlatus Adson. In dieser Rolle überzeugt Constantin Gerhards mit emotionaler Verve. Wohl jeder kennt Adsons Liebesgeschichte mit dem namenlosen Mädchen aus dem angrenzenden armen Dorf (Mia Batalović in einer stummen Rolle).

 

Kunstnebel und Lichteffekte

 

Von den vielen Handlungsstränge ist in der Bühnenversion von Claus J. Frankl und mehr noch in Epplers Inszenierung nur das Grundgerüst geblieben. Beispielsweise der theologische Disput über die Armut Christi, der William mit einer Delegation von Franziskanern erst in die Abtei geführt hat. Mehr als die Grundaussagen der theologisch geschulten Kontrahenten bleiben Roswitha John und Antje Rapp hier nicht zu zitieren.

 

Dennoch glänzen auch die Nebenfiguren. Etwa Remigio, der Kellermeister mit Ketzervergangenheit. Im Film gibt ihn Helmut Qualtinger. Und Andreas Laufer spielt in Reutlingen zunächst deutlich auf Qualtingers Darstellungsstil an, füllt die dankbare Rolle zwischen Lebenslust, Folterqual und Wahnsinn mit Bravour.

 

Am meisten Applaus hat bei der Premiere indes Magnus Pflüger bekommen. Er stellt im ersten Teil den dämonischen Franziskaner Ubertino dar, nach der Pause den eiskalten Inquisitor Bernardo Gui. Zwei verschiedene Gesichter des Fanatismus: Pflüger zitiert zunächst die Posaunen des Jüngsten Gerichts herbei und öffnet später diabolisch die Folterkammern der Inquisition.

 

Ebenfalls eine Glanzrolle spielt Rupert Hausner als blinder Bibliothekar Jorge. Der verkörpert die Kirche als alleinseligmachende Autorität, die er mit Gift und Feuer verteidigt. Spott etwa mit filigran karikierenden Buchillustrationen duldet er nicht. Lachen, doziert Jorge an einer Stelle, tötet die Furcht. Und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben. Hausner ist hier auch noch die Stimme des gealterten Adson, der die Geschichte am Ende seines Lebens rückblickend aus dem »Off« erzählt.

 

Zuletzt geht die Abtei mit Kunstnebel und Lichteffekten in Flammen auf. Auch Inquisitor Gui stirbt bei dem Feuer – das wird vom Abt ganz beiläufig verkündet. Man ertappt sich unwillkürlich, dass man die Reutlinger Inszenierung mit dem Kinofilm vergleicht, dessen Bilder vielfältig ikonisch geworden sind. Doch dieses Sommertheater hält dem Vergleich stand. Auch bescheidenere Effekte als im Film wirken. Das Ensemble strotzt zudem vor Spielfreude, allen voran die Mitwirkenden des inklusiven Ensembles. Die Premiere am Donnerstag hat das Publikum mit Jubel und stehenden Ovationen gefeiert.

 

 

Tonne-Sommer – Lichtgestalt in Düsternis

von Martin Bernklau

CUL-TU-RE.DE, 11.7.2025

 

Die Tonne bringt als Sommertheater Umberto Ecos Klosterkrimi »Der Name der Rose« auf die Freilichtbühne im Reutlinger Spitalhof

 

REUTLINGEN. Während drüben in Tübingen das LTT mit Glitter und Glamour auf die Schlagerpauke haut, besinnt sich die Reutlinger Tonne ganz auf den Kern der Theaterkunst und bringt als ihr Sommertheater die konzentriert bescheidene Bühnenfassung eines literarischen Welterfolgs unter den freien Himmel des Spitalhofs: »Der Name der Rose«, Umberto Ecos Klosterkrimi. Am Donnerstagabend war die umjubelte, aber nicht restlos ausverkaufte Premiere.

 

Die Konflikte des finstersten Mittelalters, die düsteren Mauern einer bedeutenden Benediktinerabtei in den ligurischen Bergen, eine Mordserie im Konvent der frommen Mönche – so wollte es der antike Philosoph und Theoretiker Aristoteles haben: als Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Dem verschollenen zweiten Buch seiner Poetik wächst im Roman eine Hauptrolle zu. Und einem aufklärerischen Helden samt jungem Helfer im Stil des britischen Detektivs Sherlock Holmes.

 

Sean Connery hat diesem William von Baskerville mit seiner virilen Präsenz filmische Gestalt für die Ewigkeit gegeben. Auch an ihm musste sich Hauptdarsteller David Liske orientieren und tat das großartig. An seiner Seite: Constantin Gerhards als frisch-frecher Adlatus Adson von Melk. Karin Epplers makellos schlichte und präzise Inszenierung besetzte den Abt mit Chrysi Toussanis, den düsteren Bibliothekar Jorge mit Rupert Hausner und den Klosterapotheker Severinus mit Santiago Österle im Rollstuhl.

 

Neben einer Reihe von weiteren inklusiven Schauspielern traten Andreas Laufer und Magnus Pflüger in wichtigen wechselnden Nebenrollen hervor. Sibylle Schulze hatte ein Bühnenbild bauen lassen, das sich wunderbar vor die gotische Spitalfassade schmiegt. Bis auf den prunkvollen Kardinal (Roswitha John) in Gold und Purpur gab es nur Kutten und Hemden: schwarz für die eher bösen Benediktiner, Braun für die eher guten Franziskaner, unschuldiges Weiß für die Armut des namenlosen Bauernmädchens und seiner Gefährten

 

Klar, da geht viel verloren auf dem langen Weg von einem Wälzer mit mindestens 600 Seiten zu einer Bühnenfassung von zwei Stunden, zumal Eco, Professor der Semiotik, der Zeichenlehre, nicht nur einen Thriller, sondern ein von Anspielungen und bildungsreichen Exkursen strotzendes Epochenporträt geschrieben hat, das als postmoderne Collage nach dem Erscheinen im Jahr 1980 weltweit für Furore und Leserbegeisterung sorgte. Aber Claus J. Frankl als Bearbeiter für die Bühne und dem Tonne-Dramaturgen Michel op den Platz ist ein Destillat gelungen, das nicht nur die spannende Story, sondern auch mittelalterliche Klosteratmosphäre sehr dicht herüberbringt.

 

Dass zudem der 1986 in die Kinos gekommene Film die Literatur (ähnlich wie bei der »Blechtrommel«) und die optische Vorstellung des Publikums überlagert, kommt hinzu. Sean Connery war schon die passende Verkörperung dieses seltsam gezeichneten Zwitters aus scharfsinnnigem Detektiv und mönchischer Lichtgestalt mit Zügen eines Missionars der Aufklärung. David Liske macht aus der Not eine Tugend und gibt diesen mittelalterlichen Gentleman in Noblesse und gewählter Sprachdiktion mit dieser etwas belehrend kanonischen Autorität.

 

Auch der Abt von Chrysi Toussanis hat eine authentische Würde. Der Figur des finsteren Bibliothekars Jorge de Burgos (im Roman auf den blinden Dichter Jorge Louis Borges anspielend) verleiht Rupert Hausner die düster-gespenstische Aura des Fanatikers, eines apokalyptischen Reiters im Hintergrund. Die schaurige Handlung treiben nicht nur Magnus Pflüger und Andreas Laufer mit dramatischen Auftritten auf spannende Spitzen. Constantin Gerhards`frischer Adson bringt sogar jenen Humor hinein, von dem das fiktive Komödienbuch des Aristoteles handelt.

 

Die Verführungsszene ist gegenüber Buch und Film ausgesprochen züchtig geraten. Die finale Feuersbrunst entfaltet auch mit den sparsamen Mitteln dieser Inszenierung ihre dramatische Wucht und Wirkung in ausreichender Weise. Nichts spricht dagegen, dass der komplex konstruierte Plot sich in seiner gerafften Form auch Zuschauern ohne Vorkenntnisse erschließt. Das Premieren-Publikum – ein paar wenige Plätze in den hinteren Reihen waren leer geblieben – steigerte seinen kräftigen Applaus bei vier, fünf Vorhängen in johlenden Jubel und entbot der famosen Truppe schließlich stehende Ovationen.

 

 

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