Hohelied der Filzgleiter

von Matthias Reichert

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 20.4.2026

 

Theater Reutlingen – Die Reutlinger Tonne glänzt mit der Fortsetzung des legendären »Tatortreinigers« von Mizzi Meyer: vier neue Episoden, in denen es robust menschelt.

 

Da sage noch jemand, Sequels kämen nicht ans Original heran. Das Reutlinger Tonne-Theater setzt den kultverdächtigen »Tatortreiniger« fort, mit vier neuen Episoden – und das Publikum ist begeistert. Am Donnerstag war die Reutlinger Premiere im nicht ganz vollbesetzen Tonnekeller. Das enge Gewölbe unterm Spitalhof bietet genau die Kammerspiel-Atmosphäre, die das Stück braucht.

 

Den Plot braucht man kaum mehr vorzustellen, bereits die Fernseh-Serie hatte 2011 bis 2018 sieben Staffeln erreicht. Titelfigur Heiko »Schotty« Schotte reinigt die blutigen Spuren diverser Gewalttaten, in Reutlingen wiederum verkörpert von David Liske als kerniger Mann fürs Grobe mit dem Herzen auf dem richtigen Fleck. Chrysi Taoussanis ist jeweils sein Gegenüber – und zieht ebenfalls alle Register.

 

Eingangs in der ersten Episode spielt sie eine reiche alte Frau, bei der ein Einbrecher zu Tode gekommen ist. Gekonnt kabbeln sich die Seniorin und der Saubermacher – der Anlass ist ein beschädigtes Sofa, auf dem schon historische Größen von Karajan bis Gründgens gehockt sind.

 

Lachtränen treibend

 

Autorin Mizzi Meyer versteht es, immer wieder binnen einer knappen halben Stunde einen dramatischen Konflikt zu knoten, der das Publikum fesselt. Wie kommt das Blut an den Golfschläger von Frau Hellenkamp? Und soll Schotty wirklich den Maserati nehmen, den sie ihm schenken will?

 

Das Duo harmoniert lachtränentreibend, Marion Scheider-Bast inszeniert das Stück mit vielen kleinen Glanzlichtern und Liebe zum Detail. Die mörderischen Spuren sind eher dezent angedeutet, etwa durch einen Teppich mit Blutfleck. Das Bühnenbild von Sibylle Schulze besteht aus wenigen Möbeln und einer durchsichtigen, illuminierten Schiebewand, die sich mit wenigen Handgriffen zu einer neuen Kulisse umfunktionieren lässt. Im Hintergrund werden Panorama-Bilder eingeblendet, die das Geschehen jeweils neu in Szene setzen. Kleine Requisiten verstärken gekonnt den Handlungsablauf, etwa eine skurrile Froschfigur und viele gerahmten Fotografien in Episode zwei.

 

Dieses Kapitel charakterisiert eine alte, vereinsamte Frau, die dem Tatortreiniger ihre traurige Lebensgeschichte erzählt. Ihre Putzfrau ist verunglückt, Schotty säubert die Wohnung. Taoussanis verkörpert diese Frau Mühlbein sehr liebevoll. Dieser sind sämtliche Männer und nahen Angehörigen weggestorben, eine fast schwarzhumorige Aufzählung. Die Putzfrau war der letzte Mensch, der noch ihren Johannisbeerkuchen essen mochte. Der Garten hängt voller solcher Trauben – Frau Mühlbein selbst mag sie gar nicht. Schotty weiß die Kur gegen die Einsamkeit der alten Frau. Hinaus ins Leben – doch als sie ihn zur kultigen »Watt-Olympiade« begleiten will, will er das mit allen Mitteln verhindern.

 

Blaumann und Stoffmütze

 

Blaumann und Stoffmütze, Handwerker-Ethos, norddeutsch-knarzige Sprechweise und lebenskluge Sprüche – Liskes Schotty gewinnt von Episode zu Episode neue Konturen. Nebenbei arbeitet er fast schon als Running Gag die Geschichte seiner verflossenen Liebe Merle auf, die ihn wegen eines Herzchirurgen verlassen hat. Diese Liebesgeschichte wird unter anderem zu einem förmlichen Hohelied der Filzgleiter, mit denen man verhindert, dass Stühle auf dem Boden kratzen. Aber dieses handlungsstiftende Detail muss man selbst im Theater anschauen.

 

Höhepunkt des Abends ist Szene drei. Die spielt in einer fiktiven Agentur »Astrum«, die jedem und jeder die passende Religion vermitteln will. Glaube wie im Handy-Shop? Und gibt es tatsächlich ein Leben nach dem Tod? Schotty ist skeptisch. Aber Taoussanis als Verkäuferin preist versiert die versammelten Glaubens-Artikel an. 2400 Euro kostet der Einzug ins Kloster, mit Luxuslimousine, versteht sich.

 

Echte Seelenfänger

 

Wie echte Seelenfänger legt die Verkäuferin den Finger auf Schottys eigene Wunde – den Verlust von Merle. Gekonnt entwirft die Verkäuferin eine eigene Kosmologie für einen hierzu passenden Phantasieglauben, bühnenwirksamer Schöpfungsmythos inklusive. Doch zuletzt bringt der Tatortreiniger die Verkäuferin auf ihre eigene Lebensspur zurück. Denn eigentlich wollte die Religionshändlerin das Senfgeschäft des Vaters fortführen, aus dem der nichtsnutzige Bruder die religiöse Agentur gemacht hat.

 

So keimt das Senfkorn Hoffnung weiter, auch in der finalen Szene »Schluss mit lustig«. Hier trifft Schotty in einer Kellerbar auf eine Immobilienfrau, die umgesattelt hat und als prolliger Clown von der traurigen Gestalt mit buntem Kostüm, blauer Perücke und roter Nase vor leeren Zuschauerrängen auftritt, wieder und wieder. Schotty übt zunächst vernichtende Kritik an ihrer Darbietung mit Wischmopp und Seifenblasen. Doch zuletzt stärkt er ihr Selbstwertgefühl und löst selbst das finale Eintritts-Ticket.

 

Das alles ist sehr philosophisch, stellenweise zum Brüllen komisch – und vor allem ungeheuer menschlich. Die eigentlichen Tatort-Reinigungen freilich treten von Szene zu Szene weiter in den Hintergrund. In der ersten Episode trägt der Blutfleck noch die Handlung, später sind die unappetitlichen Relikte nur noch schmückendes Beiwerk. Aber das stört nun wirklich niemanden.

 

 

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