PLÖTZLICH FLASCHENGEIST

von Bernhard Haage

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 01.03.2014

 

 

REUTLINGEN. Was ist real - und wer behauptet das eigentlich? Diese Frage konnten sich die Zuschauer der Premiere von Roland Schimmelpfennigs »Die arabische Nacht« am Donnerstagabend im Reutlinger Theater Tonne eigentlich durchgehend stellen. Unter Regie von Oleg Myrzak erstand ein befremdliches aber bei genauer Betrachtung doch nicht so fremdes Sittengemälde - Schauplatz: Die anonymen Wohnblöcke in einer Großstadt.

 

AUF DER SUCHE NACH DEM LEITUNGSWASSER

Fünf Menschen verbringen eigensinnig ihre Tage: Fatima, klasse gespielt von Chrysi Taoussanis, die mit der medizinisch-technischen Assistentin Franziska (Cornelia Werner) in einer Wohngemeinschaft lebt, der Hausmeister Hans Lomeier, eine Paraderolle für Henning Bormann, unermüdlich auf der Suche nach irgendwo im siebten Stock verschwundenem Leitungswasser, Kalil (Romeo Meyer) der heimliche Liebhaber von Fatima und nicht zu vergessen der verschrobene Spanner Folke Paulsen (Peter Karpati), eigentlich die Karikatur eines verkorksten Kleinbürgers.

 

REALITÄTSMEMBRAN DES URBANEN BIOTOPS

Eine Schlüsselrolle kommt Franziska zu. Immer wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, legt sie sich halbnackt auf einen Teppich, trinkt eine Flasche Cognac und duscht dann bei offenem Fenster, was zumindest den Spanner im Block gegenüber glücklich macht. Dabei vergisst sie komplett, wer sie ist und was sie den ganzen Tag über gemacht hat. Tja, und später kommen die Träume. Davon dass sie im Harem eines Scheichs aus 1001 Nacht lebte und schließlich von dessen Frau verflucht wurde. Cornelia Werner spielt die aberwitzige Rolle zwischen eruptiven Traumsequenzen und totalem Verdrängen des Alltags Furcht erregend gut.

 

Mitbewohnerin Fatima macht sich trotzdem keine Sorgen um sie. Sie wartet bis Franziska weggedämmert ist, um endlich Liebhaber Kalil in der Wohnung zu empfangen. Aber in dieser Nacht bleibt Kalil im Aufzug stecken, Fatima schließt sich auf der Suche nach ihm aus dem Haus aus, und Spanner Paulsen will endlich die Frau kennenlernen, die er immer beobachtet hat. Plötzlich bekommt die hauchdünne Realitätsmembran des urbanen Biotops gewaltige Risse. Nicht nur Paulsen sondern auch der Hausmeister (immer noch auf der Suche nach dem Wasser) küssen die schlafende Franziska - was beiden nicht besonders gut bekommt: Der Spanner wird nach Blitz und Donner zum piepsstimmigen Flaschengeist in Franziskas Cognacflasche, und Hausmeister Lomann stolpert unvermittelt hinaus in die Wüste, wo er endlich das Wasser wiederfindet. 

 

TEPPICH UND TREPPENHAUS

Regisseur Myrzak, der auch für die Ausstattung verantwortlich ist, arbeitet mit zwei Bildschirmen links und rechts des Bühnenbildes, auf dem ansonsten nur ein gewaltiges Duschbecken und Franziskas Teppich zu sehen sind. Szenen im Treppenhaus, in anderen Wohnungen, in der Cognacflasche oder im Aufzug werden von den Schauspielern zum Teil hinter der Bühne gespielt und über die Bildschirme übertragen. Oft laufen so drei Handlungen parallel.

 

IN EINEM STRUDEL EROTISCHER FANTASIEN Kalil befreit sich aus dem Aufzug und wird in einen Strudel erotischer Fantasien und Abenteuer von lüsternen Frauen in fremde Wohnungen gelockt, die wie die Wölfe heulen. Peter Karpati zeigt in einer überraschenden Arie dass er ein veritabler Operntenor ist, und Fatima rückt ihrem marodierenden Kalil den Kopf mit einem Fleischerbeil zurecht. Das Stück endet in einer traumartigen Zeitlupensequenz unter einer großen Diskokugel, in der plötzlich alle tanzen, bevor sie gemeinsam in den Pool hüpfen. Das Publikum bedankte sich für die groteske aber sehr stimmige atmosphärische Darbietung in Idealbesetzung mit tosendem Aplaus.

 

UNTERM STRICH

Die gelungene Inszenierung lässt die Deutungsherrschaft über Realitäten ins Wanken geraten. Die Darsteller sind in ihrer jeweiligen Rolle ein Volltreffer, und die bühnentechnische Umsetzung schafft trotz traumwandlerischer Handlung Momente von großer Intensität.

 

 

 

TRAUMWELT AUF MEHREREN EBENEN

von Judith Knappe

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 01.03.2014

 

 

REUTLINGEN. Eine heiße Nacht mitten im Juni, ein Hausmeister auf der Suche nach dem Wasser, eine verfluchte Prinzessin, die gleich drei vermeintliche Prinzen wachküssen wollen – fünf Leute auf der irren Suche nach ihrem persönlichen Ausweg. Real und surreal zugleich zieht »Die arabische Nacht« von Roland Schimmelpfennig in der Inszenierung der Tonne die Premierenbesucher in der Planie 22 in ihren magischen Bann.

 

FIEBERHAFTE SUCHE NACH WASSER

Alles dunkel. Rechts geht ein Bildschirm an: Hausmeister Hans Lomeier (Henning Bormann) auf der Suche nach dem Wasser, das irgendwo im siebten Stockwerk eines Hochhauses verschwindet. »Isch hör’ Wassä’«, sagt Lomeier in schönstem Hessisch. Auf seiner Suche fährt er in den siebten Stock, beobachtet aus dem Fahrstuhl Wohnung 7/32, wo sich Fatima Mansur (Chrysi Taoussanis) mit zwei Einkaufstüten abmüht. Links geht ebenfalls ein Bildschirm an. Fatima im Fokus, ihr fallen die Schlüssel herunter. Sie klingelt und in der Wohnung, auf der Bühne, erwacht ihre Mitbewohnerin Franziska Dehke (Cornelia Werner). Wach ist bei ihr allerdings ein seltener Zustand: Nach Sonnenuntergang schläft sie und kann sich am Morgen nicht mehr erinnern, was tags zuvor geschah.

 

»Vielleicht sollte sie jemand wachküssen«, überlegt Fatima – ohne zu wissen, dass es dafür gleich drei Anwärter gibt. Neben Lomeier auch Peter Karpati (Folke Paulsen), ein Spanner aus dem Haus gegenüber, und sogar ihr eigener heimlicher Freund Kalil (Romeo Meyer), der anfangs noch beteuert: »Ich liebe sie, ich könnte sie nie betrügen.«

 

Durch einen kaputten Fahrstuhl und offene und geschlossene Türen nehmen die Verwicklungen ihren Lauf. Die schlafende Franziska träumt von ihrer Entführung als Kind in der Türkei, ihrem Leben als Prinzessin eines Harems und dem Fluch der eifersüchtigen ersten Frau des Herrschers (»Unglück wirst du bringen jedem, der dich küsst«). So finden zwei ihrer Verehrer am Ende den Märchentod – nur einer kann sie erlösen. Und Fatima? Die stürzt sich ins Unglück.

 

Die Inszenierung von Oleg Myrzak mit Videos aus Überwachungskameras ermöglicht es, das komplexe Stück auf mehreren Ebenen zu spielen, was die Rasanz noch verstärkt. Genial ist auch das auf der Bühne eingelassene Becken – das Wasser ist ständig präsent, nicht nur in den Dialogen sondern auch tatsächlich. Als einzige Requisiten dienen eine Cognac-Flasche mit bläulichem Inhalt und ein Teppich, auf dem Franziska schläft.

 

GENAU UND EINZIGARTIG

Überhaupt ist sie der auffallendste Charakter: Wenn sie nicht gerade schläft, sondern träumt oder erwacht, ist sie ständig in Bewegung – meistens nackt. Werner lässt ihre Figur herrlich toben, wälzt sich hin und her, krümmt sich und krallt sich fest. Hervorragend mimt Paulsen den verklemmten, aber schmierigen Karpati, der noch in den undenkbarsten Situationen Fotos schießt. Seine Existenz ist so tragikomisch, dass sie für regelmäßiges Gelächter sorgt.

 

Kalil, den Macho im südländischen Stil, verkörpert Meyer zuweilen ideal – vor allem seine Mimik ist wahnsinnig treffend. Egal, ob er sich gerade stylt oder Moped fährt, man sieht auf dem Bildschirm nur sein Gesicht. Das reicht, um sich alles andere vorzustellen – sogar den Sex am Ende. Die Besetzung tut jedenfalls alles, um die Figuren dieser bizarren Geschichte so genau und einzigartig wie möglich zu zeichnen.

 

 

GANZ SCHÖN SPOOKY

von Kathrin Kipp

REUTLINGER NACHRICHTEN, 01.03.2014

 

Ungelebte Träume, verbotene Liebe, ungezügelte Leidenschaft, Gemetzel, Tod und Inzest: Alles dabei in der schwül psychedelischen »Arabischen Nacht«, die Oleg Myrzak jetzt für die Tonne inszeniert hat.

 

Am Ende geht es bei dieser magisch-surrealen Hochhaus-Nacht zu wie in einer Seifenoper, die was auf sich hält. Kalil (Romeo Meyer) wird von liebeshungrigen Damen vernascht. Die »Dienerin des Scheichs« (Chrysi Taoussanis) verfolgt ihn als blutrünstiges Rachemonster mit dem Küchenbeil. Der biedere Hausmeister Lomeier (Henning Bormann) knutscht seine Tochter Franziska wach, die er als Kind auf einem türkischen Bazar verloren hat.

 

Sie ist mittlerweile eine verwunschene orientalische Scheichsgattin im Körper einer vergesslichen Laborangestellten, die sich wilden Träumen hingibt und den Männern zum Verhängnis wird - auch dem bayrischen Spanner Peter, der auf dem Boden einer Flasche landet, die gerade aus dem siebten Stock fällt. Hört sich alles reichlich überhitzt an. Und doch geht es mal wieder um die zentralen Fragen der Menschheit: »Wie komm ich hierher?«, »Wo bin ich?« und »Wie kam ich in die Flasche?«

 

Oleg Myrzak geht seine stürmische Märchennacht anfangs allerdings reichlich gemütlich an. Erst nach der Pause entwickelt sie sich zur infernalisch surrealen Liebes- und Todesspirale und endet schließlich als nebulöse Pool-Party.

 

Bevor die Story aber in Fahrt kommt, dümpelt sie recht lange in der banalen Realität herum. Aber je geordneter die Verhältnisse, desto schriller die Phantasien, weiß man ja. Und so kanns auch in einem ganz normal öden Wohnblock mit kommunikativ beschränkten Großstadtbewohnern auch mal ganz schön spooky zugehen.

 

Roland Schimmelpfennigs Nachtgestalten sind fünf Ego-Tripper, die fast schon zwanghaft zum Monologisieren neigen und dabei ständig alles kommentieren, was sie gerade tun - langweiliger gehts kaum. Oleg Myrzak führt deshalb die fünf Parallelwelten in einer multiperspektivischen Video-Live-Schalte zusammen, so dass die Monologisten interagieren müssen, ob sie nun wollen oder nicht. Und vielleicht, weils im Stück übelst menschelt, rückt die Kamera den Schauspielern dermaßen auf die Pelle, dass sich ihre Gesichter fast schon unangenehm überdimensioniert aufs Auge des Betrachters drücken.

 

Außer Pool, nichtfliegendem Teppich und Aladins Wunderflasche befindet sich ein großes Nichts auf der Bühne - so bleibt viel Raum für die extravaganten Phantasien, die sich hier jeder von jedem macht und aus denen sich jeder seine Wirklichkeit zusammenbastelt. Und noch mehr Raum für die ungelösten Lebenskonflikte, von denen hier alle eingeholt werden. Sigmund Freud hätte seine wahre Freude an diesem orientalischen Psychomärchenverschnitt. Und so entwickelt die tagsüber ziemlich dröge Frauen-WG im siebten Stock ein ungezügeltes Nachtleben. Chrysi Taoussanis als stilles Wässerchen Fatima trifft sich abends heimlich mit ihrem Liebhaber Kalil. Cornelia Werner als verstrahlte Franziska katapultiert sich in ihren Träumen direkt in den Orient, trifft sich dort mit Scheichs, eifersüchtigen Nebenfrauen und anderen Flaschengeistern.

 

Bevor sie sich aber in die Wüste schickt, stellt sie sich in freizügiger Paradies-Tracht unter die Dusche, wo sie vom bayrischen Spanner von gegenüber begafft wird: Folke Paulsen spielt den verklemmten Lustmolch, der für sein unsittliches Verhalten bestraft wird und in einer Cognac-Flasche landet, wo es ihn mächtig durchschüttelt. Bevor er aber in Richtung Abgrund segelt, erkennt er noch seine wahre Bestimmung: die italienische Oper. Und so schmettert Folke Paulsen eine astreine Arie in den alkoholdunstigen Äther, bevor ihn eine weitere Erkenntnis trifft: »Ich bin tot.«

 

Das kann auch nicht jeder von sich sagen, und so verschiebt sich im Stück so manche Lebensperspektive. Auch Kalil wird Opfer seiner Leidenschaft: Romeo Meyer darf sich als selbstverliebter Goldkettchen-Gockel und Pornovideokönig austoben, bevor ihn das wütende Beil der blutrünstigen Rächerin trifft. Zwischen diesen ganzen vermeintlichen Selbstbefreiungsakten macht sich Henning Bormann als Hausmeister Lomeier mit seltsamem Dialekt auf die Suche nach dem Wasser, das irgendwo in den oberen Stockwerken abhanden gekommen ist. Überall blubbert und plätschert es, aus Wassermangel wird Wassermusik, aus einem Kuss eine waschechte Fata Morgana. Und aus der Fata Morgana dann doch wieder Realität. Irgendwie.

 

 

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