Warten auf den Priester

von Kathrin Kipp

REUTLINGER NACHRICHTEN, 23.04.2016

 

Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin geht's? Das inklusive Tonne-Ensemble führen mit den »Blinden« von Maurice Maeterlink eine Gesellschaft vor, die dem unbekannten Schicksal völlig ausgeliefert ist.

 

Schon bevor's los geht, ist das Licht weg. Die Zuschauer werden in den dunklen Theaterraum geführt, kleine Taschenlampen helfen bei der Orientierung. Die Protagonisten des Stücks sitzen derweil verstreut im Raum, sehen nichts, beten und singen. Ihnen ist »der Priester« abhanden gekommen, und sie wissen es nicht einmal. Er hatte sie aus ihrem sicheren Heim nach draußen geführt, damit sie Natur und Licht spüren, aber jetzt ist er verschwunden.

 

Unruhe und Unsicherheit machen sich breit, hilflos sind sie der fremden und feindlichen Umgebung ausgesetzt. Starr vor Angst müssen sie reden reden reden, um sich zu vergewissern, dass sie überhaupt existieren. Ohne ihren Führer und Betreuer sind sie ihren Defiziten völlig ausgeliefert. Es wird kalt, sie bekommen Hunger, können aber in ihrer absoluten Unselbständigkeit nicht für sich selbst sorgen.

 

Sie sehen keine Lösung, verfallen ins Jammern und beschreiben ausgiebig ihren hoffnungslosen Zustand. Sie wissen nicht, wo sie sind, wer sie sind und was die Zukunft bringt. Das symbolistische Drama »Die Blinden« (Uraufführung 1891) des belgischen Nobelpreisträgers Maurice Maeterlink (1862 bis 1949) ist ein abstraktes, statisches und pessimistisches Stück über die generelle menschliche Hoffnungslosigkeit. Nur eines ist im Leben sicher: der Tod. Eine bloße Zustandsbeschreibung ohne Handlung, die man auf mehreren Ebenen lesen und verstehen oder eben auch nicht verstehen kann.

 

Es ist zweifellos mutig von der inklusiven Tonne-Truppe, sich solch ein textlastiges, steriles, absurdes und bewegungsloses »Warten auf Godot«-Projekt vorzunehmen. Ob das nicht gerade ansehnliche Stück behindertengerecht ist oder nicht, darüber lässt sich streiten, zumal nicht alle Schauspieler(innen) aktiv am Textgeschehen teilhaben können. Andererseits: Warum auch nicht mal etwas ganz Abstraktes? Regisseur Enrico Urbanek wiederum lässt die Schauspieler einfach mal alle nur da sein. So, wie der Mensch eben ist. Ansonsten setzt er das düstere, manchmal kaum auszuhaltende Kunst-Stück ziemlich konsequent in Szene. Es passiert rein gar nichts, außer stilisierter Text und Geräusch. Ein Hörspiel quasi.

 

Und dabei kommen die Nöte der Protagonisten recht authentisch zur Geltung. Mal ist es komplett dunkel, mal herrscht Halblicht, und man sieht, dass die skurril kostümierten und absurd bebrillten Leute sich nicht regen, aus Angst, dadurch könnte etwas passieren.

 

Handelt es sich um eine orientierungslose Gesellschaft, deren - ganz nietzscheanisch - Gott abhanden gekommen ist? Dieser Gesellschaft scheint letztlich alles abhanden gekommen sein: Die Hoffnung, das Aktivsein, die Bewegung, die Sicht, die freie Entscheidung, die Selbstverantwortung.

 

Die Geräuschkulisse von Michael Schneider und Bernd Wegener unterstreicht die aussichtslose Atmosphäre: Blechfassgetrommel, Saitenspiel, experimentelles Gesumme, Getöne und Geklopfe von allen Seiten nehmen den Blinden jegliche räumliche, zeitliche und harmonische Orientierung. Immer wieder hören die Blinden Schritte.

 

Ist es die ersehnte Hilfe? Oder ist es schon der Tod? Quer durch den Raum sind Saiten gespannt, sie führen in Richtung Propeller, der hin und wieder etwas Wind macht. Die eindrucksvolle Optik kontrastiert das betont ausdruckslose Spiel. Die Schauspieler sitzen weit voneinander weg einfach da (einer fährt Fahrrad) und sind rein auf Textsprechen reduziert. Da ist nichts Körperliches, keine Interaktion, kein Charakter. Nur Text, abwechselnd gesprochen. Sehr gut gesprochen im Übrigen, während sonst nichts passiert. Sterile Starre.

 

Die Blinden schmecken, hören, riechen, fühlen. Ziehen aus Kleinigkeiten ein wenig Hoffnung, um anschließend umso mehr enttäuscht zu werden. Sie sind nicht in der Lage, sich selbst zu helfen. Ein ominöses Kind kann zwar sehen, aber nicht sprechen. Die Figuren sind so auf ihre Defizite fokussiert, dass keiner seiner Rolle entkommt. Beten hilft nicht. Erinnern hilft nicht. Sie warten auf Rettung, aber das Einzige, was näher kommt, ist das Meer. Und der Winter. Als sie kapieren, dass der Priester tot ist, gibt es Schuldzuweisungen. Aber auch das bringt nichts. Bis sie sich zusammentun, sich aufmachen und in Richtung Licht krabbeln. Was immer das bedeuten mag.

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