VORURTEILE SIND SCHROTT

von Kathrin Kipp
REUTLINGER NACHRICHTEN, 08.06.2013



»Stereo sollte deine Anlage sein, nicht dein Typ«, heißt es irgendwann. Das Tonne-Jugendforum steckt in seiner satirischen Szenencollage »Dont Panic« viele Vorurteile einfach in die unterste Schublade.

»Dont Panic« nennt sich das Benimmbuch für Anhalter durch die Galaxis, »Dont Panic« heißt auch das neue Stück der Tonne-Jungschauspieler, die sich zu dreizehnt durch das Universum der Stereotypen, Ausgrenzungen und kulturellen Identitäten zappen.

Weil Vorurteile Schrott sind, wenn sie das freie Denken und die vorbehaltlose Interaktion behindern, haben die Jugendlichen zwischen 15 und 23 Jahren für die Bühne einiges an Schrott gesammelt und aufgetürmt, darauf lässt sich ja auch wunderbar Lärm machen. Außerdem haben sie Tarnnetze aufgehängt, hinter denen man sich prima verstecken kann, so wie man sich ja auch hinter seiner äußeren Erscheinung prima verstecken kann.

Auf der Bühne steht zudem eine große Kommode mit vielen schönen Schubladen, in die wir unsere Mitmenschen immer wieder stecken, und die das Jugendforum mit viel Witz und Kreativität bespielt. Sandra Omlor und Anke Geßner haben mit den Nachwuchsschauspieler(inne)n ein Jahr lang Szenen zum Thema geschrieben, inszeniert und einstudiert. Herausgekommen ist ein bunter assoziativer Szenenreigen, mit dem hemmungslos in der gesellschaftlichen Gegenwart und Zukunft gewildert wird, mit viel Satire, Poesie und Betroffenheit.

Und so geht es mit Herbert und Christa, einem spießigen, nörgeligen und schwäbisch eingefahrenen Ehepaar ins derzeit ja mit vielen Stammtischphrasen beschimpfte Griechenland.

Herbert ordert dort bei der Restaurant-Bedienung (die ebenfalls in einer Schublade steckt) sein geliebtes SchniPoSa samt Kartoffelsalat und Pils, was komischerweise gar nicht auf der Karte steht - Anlass für eine wilde Lästerorgie: »Die Griechen hey, undankbares Volk.« Schwaben im Ausland: voll peinlich. Und so werden in vielen weiteren Szenen Klischees und Stereotypen auf die Spitze getrieben. Vorurteile kommen vor allem dann zum Tragen, wenn verschiedene kulturelle Identitäten und Codes aufeinanderprallen.

Sprachverwirrung und Angst vor dem Fremden ist die Folge. Das Jugendforum fasst das in einen wunderschönen allegorischen Text über Bäume und andere ver- und entwurzelte Lebewesen: »Sie können nicht lesen, nicht schreiben, sind beschnitten und verteilen ihren Samen überall.« Sie werden ausgegrenzt, deshalb fällt es ihnen schwer, »in der Gesellschaft Wurzeln zu schlagen«, formieren sich manchmal zu »radikalen Baumgruppen«, die man bald »zerstückelt in einem Sägewerk« wiederfindet.

Der Feigenbaum wiederum hat »nie eine Schule besucht«, und doch genießen die Menschen die »Früchte seiner Arbeit«. Andere wiederum jammern nur: »Ich har(t)ze und har(t)ze und dabei habe ich nur Pech.« Die jungen Mimen stehen im Dunkeln, senden mit ihren Stirnlampen nur ganz kleine Lichtlein in die Welt und sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht, die sie sich vors Gesicht halten.

Zeit für eine großangelegte Protestaktion: »Stereo sollte deine Anlage sein, nicht dein Typ« steht auf dem Demo-Plakat, während das multikulturelle Vorurteilsstückwerk sehr zackig über die Bühne geht und die Schauspieler auf sehr natürliche und spontane Weise ihre Szenen unters Volk bringen.

Klischees und Typisierungen orientieren sich ja auch gerne mal an (teilweise bewusst gesteuerten) Äußerlichkeiten, und so zeigt sich in einer anderen Szene eine Pennerin voller Mitleid für ein vermeintlich armes Mädel in verratzter Streetwear, die somit ihre teuer erkaufte street credibility-Funktion bestens erfüllt. Und weil man gerade beim Thema Körpergestaltung ist, dozieren zwei Wissenschaftler der Zukunft über die Vor- und Nachteile, wenn alle einen Einheitskörper besitzen würden. Schließlich könnte man damit auch die ganzen determinierende Faktoren wie Geschlecht, Herkunft oder Alter eliminieren.

So geht es immer wieder zurück in die Zukunft, vielleicht auch einmal hin zu einer (in diesem Fall natürlich französischen) Gesellschaft, die »voll schwul« ist: Eine Mutter beschwert sich beim Sohn, der sich gerade geoutet hat. »Was? Du bist Hetero? Wer soll dann die ganzen Waisenkinder adoptieren?«, fragt sie entsetzt. Und findet es total pervers, dass er eine normale Frau heiraten will: »Ach, das ist sischerlisch nur so eine Phase.«

So hat das Stück noch weitere Überraschungen parat, wenn beispielsweise ein richtiger Assi-Rapper mit Prolo-Nikes, Gangstajacke, Hundekette und viel Bling Bling im Zug einer älteren Dame seinen Sitz anbietet. Und das auch noch im feinsten Hochdeutsch!

 

 

SCHUBLADE AUF UND ZU

von Matthias Reichert
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 08.06.2013



Reutlinger Tonne-Jugendforum inszeniert das Thema Vorurteile

REUTLINGEN. Keine Ordnung im Kopf ohne Schubladen, in die Personen und Ereignisse einsortiert werden. Aber auch: kein Vorurteil ohne Schubladen, mit denen vorgefertigte Meinungen und Schablonen auf neue Situationen und Menschen gepresst werden, ohne individuellen Gegebenheiten gerecht zu werden. Aus diesem Dilemma macht das Tonne-Jugendforum ein abendfüllendes Stück: »Don’t panic – Vielen Dank Stereotypen!« Donnerstag war die Uraufführung im Spitalhofkeller.

Die Regisseurinnen – Theaterpädagogin Anke Geßner und Tonne-Dramaturgin Sandra Omlor – stellen solche Schubladen mit einer Holzkonstruktion auf die Bühne. Obendrauf fläzt eingangs eine Nachwuchsakteurin und liest in Douglas Adams kultigem Science-Fiction-Epos »Per Anhalter durch die Galaxis«.

Menschen, heißt es darin, sind nichts als Affen, die sich um bunte Scheine streiten. Was die Mimen postwendend grunzend und hopsend in Szene setzen. Es geht dann um ein schwäbisches Spießer-Ehepaar, er will partout in Griechenland Schnitzel mit Kartoffelsalat essen. Es geht in der Folge auch um bevorzugte Schimpfwörter hier und auf dem Balkan. Bäume bekommen ein Eigenleben, an ihrem Beispiel deklinieren die Akteure in einer abgedrehten Szene alltägliche Diskriminierungen durch.

Die 13 Nachwuchs-Theaterleute zwischen 15 und 23 Jahren haben 20 Szenen zum Thema geschrieben: eine bunte Collage über Diskriminierungen. Am eindrücklichsten da, wo die Darsteller/innen, manche mit Migrationshintergrund, eigene Erfahrungen mit Vorurteilen thematisieren: Den Spagat zwischen Erwartungen der eritreischen Familie und gesellschaftlichen Anforderungen. Den Schul-Alltag mit türkischem Namen, der allein schon ausreicht, trotz bester Deutschkenntnisse eine schlechte Aufsatznote zu kriegen.

Oft genug verhindern die Schubladen, in die man neue Personen einsortiert, sich tatsächlich mit diesen auseinanderzusetzen. Verdeutlicht an einer Begegnung in der U-Bahn, in der ein vermeintlicher Gangster-Rapper ausgesucht höflich für eine alte Dame aufsteht.

Es gibt auch komödiantische Highlights: Etwa der unerbetene Beziehungs-Rat einer abgedrehten Esoterikerin, derer sich die Akteurin mit bissigen Kommentaren kaum erwehren kann. Lautstark wird gegen das Schubladendenken demonstriert. Als Running Gag werden die Themen in die Zukunft verlagert. Da ist etwa Schwulsein die Norm. Und eine entsetzte Mutter erfährt, dass ihr Sohn heterosexuell ist.

Zukunfts-Erzählungen künden von Paralleluniversen, in denen unterschiedliche Geschlechter abgeschafft werden. Eine Politikerin hält Volksreden für die Welterneuerungspartei. In einer andern Szene wird ein Mensch nach Wunsch neu gebaut – ein Theaterabend mit viel Phantasie.

 

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