Das Stück zum Traum vom Glück
von Matthias Reichert
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 29.11.2025
Premiere – Das Reutlinger Tonne-Theater belebt die Erfolgsgeschichte der Comedian Harmonists ein weiteres Mal neu. Die Hauptrolle spielt deren Musik.
Ein Bühnenstück über die vor bald hundert Jahren weltberühmten Comedian Harmonists – das muss doch mengenweise Publikum ziehen. Die Reutlinger Premiere am Donnerstag jedenfalls war ausverkauft. Die Tonne hatte das Stück bereits 2013 erfolgreich als Sommertheater aufgeführt. Diesmal führt Irfan Kars Regie, der beim Reutlinger Naturtheater schon viel Erfahrung mit Musicals gesammelt hat. Seine Neuinszenierung legt großen Wert auf hochwertige Gesangseinlagen. Und die musikalische Leiterin Ulrike Haerter hat diese tipptopp einstudiert. So spielen eigentlich die Evergreens der Harmonists die Hauptrolle: Der kleine grüne Kaktus, das Lied vom Lenz. Ein weiterer gibt dem Abend den Titel: »Ein Freund, ein guter Freund«. Brillant gesungen, exquisit artikuliert, das klingt praktisch wie das Original.
Das Bühnenbild von Catrin Brendel besteht aus einem runden hölzernen Podest mit gewundener Treppe. Auf der oberen Ebene hängt hinter einem Geländer und einem Podest eine Leinwand. Darauf eingeblendete Zwischentitel. Zeitungsausschnitte und gesprochene Kommentare wie aus der Wochenschau fungieren als erzählerischer roter Faden.
Ein altes Tagebuch
Am Anfang steht die Auflösung einer Wohnung, bei der sich zahlreiche alte Platten und ein Grammophon finden. Die künftige Mieterin (Jessica Schultheis) stöbert ein altes Tagebuch auf, das die Geschichte der Musiker neu belebt. Als Möbelpacker in Blaumännern stimmen die Ensemble-Mitglieder den ersten Gassenhauer an.
Danach erzählt der Abend chronologisch die Geschichte der Truppe. Zunächst, wie die Comedian Harmonists Ende 1927 entstanden und wie sie ihren Namen fanden. Gründer Harry Frommermann (David Krahl) sucht per Zeitungsannonce Mitsänger. Die Interessenten stehen Schlange, doch die Suche gestalte sich schwierig. Eine neue Band auf den Spuren der amerikanischen »Revelers« soll es werden. Als das Quintett endlich komplett ist, proben die Musiker enthusiastisch über Monate; nach den ersten Konzerten verhandeln sie mit Haken und Ösen mit den Veranstaltern. Ihr internationaler Erfolg wird anhand eines Interviews auf der Schifffahrt zur US-Tournee und mit internationalen Zeitungsausschnitten beleuchtet, die im Hintergrund eingeblendet sind und aus dem »Off« verlesen werden.
Ein Schallplattenladen
Geschrieben hat dieses Stück die langjährige frühere Tonne-Dramaturgin Karen Schultze. Eine Stärke ihrer Version ist, dass sie auch die Biografien der Harmonists thematisiert. Diese Darstellungen verleihen den historischen Stars zumindest etwas eigenes Leben. In einer längeren Szene erzählen sie der neugierigen Nachbarin Greta (Schultheis) von ihren Geschichten. Samuel Meister erinnert sich als Charmeur Ari Leschnikoff an seine Mutter in Bulgarien. David Liske als Roman Cycowski berichtet von der Talmud-Schule seiner Kindheit. Magnus Pflüger als Erich Collin blickt darauf zurück, wie ihn als Kind der Gesangsunterricht von der Feldarbeit bewahrte. Die Eltern von Pianist Erwin Bootz (Franz Meinhof) hatten einst einen Schallplattenladen. Auch Gründer Frommermann kommt aus einer Musikerfamilie. Und der Vater von Bass Robert Biberti alias Jonas Breitstadt war Opernsänger, die Mutter Korrepetitorin.
Drei Ensemble-Mitglieder haben jüdische Wurzeln; daran zerbricht die Band schließlich 1934 unter der NS-Diktatur. Symbolisch werden blutrote Fahnen ausgerollt. Schultheiß als Sprecherin am Mikro erzählt von Provokationen des Publikums und ruft zum Boykott auf. Erst bewahrt der Erfolg die Harmonists vor Repressalien; mit einer launigen Hitler-Persiflage machen sie sich noch über die Nazis lustig. Doch dann sagen immer mehr Veranstalter die Konzerte ab. Die Reichs-Musikkammer verlangt, dass sie sich »arische« Mitsänger suchen.
Schwarzweiß-Fotos
Das bedeutet das Ende der Erfolgsformation. Bass Bob will wegen seiner alten Mutter in Deutschland bleiben. Die Musiker zerstreiten sich. Bob, Ari und Erich gründen im Land die neue Formation »Meister-Sextett«. Roman, Harry und Erwin wandern aus und werden in Übersee zunächst zu den »Comedy Harmonists«. In Wechselrede werben sie von den Seiten der Bühne für ihre neuen Formationen – den vormaligen Erfolg können beide nicht mehr wiederholen. Zuletzt werden die weiteren Biografien der Bandmitglieder skizziert, dazu sind Schwarzweiß-Fotos und die Lebensdaten eingeblendet. Hierzu passt wunderbar das melancholische Lied »Irgendwo auf der Welt …« – das Stück zum Traum vom Glück.
Im Unterschied zum Erfolgsfilm über die Comedian Harmonists mit Ulrich Noethen und Ben Becker von 1997 gibt es hier keine tragische Liebesgeschichte. Für sie steht die Musik im Vordergrund, sagen diese Musiker immer wieder. Und das tut sie auch in dieser so erfrischenden wie routinierten Inszenierung. Langer Applaus, verdiente Ovationen und eine Zugabe. Wegen des absehbaren Erfolgs hat die Tonne schon mal mehr als 20 Vorstellungen bis ins neue Jahr hinein angesetzt.
Tonne – »Irgendwo auf der Welt«
von Martin Bernklau
CUL-TU-RE.DE, 28.11.2025
In der Reutlinger Tonne feierte am Donnerstagabend »Ein Freund, ein guter …« über die Comedian Harmonists seine umjubelte Premiere
REUTLINGEN. Sie können das. Die Frage, ob sich die Comedian Harmonists covern lassen, ob diese Gesangskunst kopierbar ist, hat das ganze Team der Tonne bei der Premiere am Donnerstagabend glanzvoll beantwortet. Vor allem die hauseigenen Musiker, das Sängerquintett und sein Pianist, machten das hinreißend. Stehende Ovationen für die musikalische Tragikomödie »Ein Freund, ein guter …« um das unsterbliche Vokalensemble der goldenen Zwanziger und düsteren Dreißiger im fast ausverkauften Saal. Sowas gibt’s sonst nicht auf dem Theater: »Mein kleiner grüner Kaktus« als Zugabe.
Der hochspannenden, kometenhaft kurzen und am Ende tieftraurigen Geschichte dieser Truppe hat sich Hausautorin Karen Schultze schon 2013 für ein Sommertheater gewidmet und rund um viele Gesangsnummern, Gassenhauer bis heute, mit historischer Akkuratesse und höchstem dramaturgischen Gespür einen »musikalischen Bilderbogen« gemalt, der Aufstieg und – von den Nazis – erzwungenen Verfall des legendären Ensembles zu einem stimmig harmonischen Bild zusammenfasst. Die Regie hatte Irfan Kars übernommen. Catrin Brendel besorgte eine zweckmäßig schlichte Ausstattung von hoher Bildkraft. Die musikalische Schulung der Stimmen oblag Ulrike Kristina Haerter – mit meisterhaftem Ergebnis. Tolle Klamotten (Schneiderei: Kathrin Röhm), die fliegenden Wechsel gewährleisten mussten.
Die Koffer, die da – als Intro – anno 1985 aus einer Berliner Wohnung entrümpelt werden sollen, tauchen am Ende des Stücks wieder auf: das Reisegepäck einer weltberühmten deutsch-jüdischen Vokalcombo, deren Sänger in alle Welt verstreut wurden. Die Nazis, obwohl selber bis in ihre höchsten SS-Kreise hinein Fans dieses unvergleichlichen Schlager-Sounds, hatten das allmähliche Ende dieser Legende erzwungen, ein ruhmloses Zerbröseln.
Dürftig und bescheiden hatte es auch begonnen. Mitten im Elend der Massenarbeitslosigkeit, am 18. Dezember 1927, sucht der talentierte junge Sänger Harry Frommermann (David Krahl) per Anzeige (»schönklingende Stimmen«) Mitstreiter für seine Idee, in Berlin ein Männerensemble nach dem Vorbild der amerikanischen Revelers aufzubauen. Casting für die erste europäische Boyband der Geschichte. Das Defilée der Bewerber – lauter Verarmte, viele Verrückte, alles Verlierer – ist im Stück so erschütternd wie ernüchternd. Einer von ein paar kleinen, dazuerfundenen Gags: Einem feinen Pinkel, dem arroganten Schnösel namens Jopie Heesters, ist die ganze Chose viel zu popelig.
Irfan Kars inszeniert das im Wortsinn tragikomisch. Sogar eine Prise Slapstick darf dabeisein. Erst der Letzte aus der trostlosen Reihe macht mehr her, auch äußerlich. Im Stück ist es der Bass Robert Biberti (Jonas Breitstadt), der noch ein richtiges Engagement an der Oper hat. In Wirklichkeit war wohl der Pianist Theodor Steiner der erste Kompagnon in der Mansardenwohnung in Berlin-Friedenau. Schließlich wird es ein Sextett: drei hochvirtuose Tenöre, neben Frommermann auch Erich A. Collin (Magnus Pflüger) unter der hellen Stimmführung des bulgarisch-stämmigen Countertenors Ari Leschnikoff (Samuel Meister); der Bariton und jüdische Kantorensohn aus dem polnischen Schtedtl Roman Cycowski (David Liske) und Bibertis tiefer Bass als Basis. Dazu Erwin Bootz (Franz Meinhof), der Mann am Klavier.
Sehr schön im Stück ist die Erfindung einer durchgängigen Frauengestalt. Jessica Schultheis – sie hatte sich schon als Passantin für den auf der Straße abgestellten Nachlass interessiert – spielt Greta Grünwald, die neue Nachbarin, unfreiwillige Ohrenzeugin nervtötend akribischer Proben und erster Fan der entstehenden Boygroup. Später schlüpft sie in die Rolle einer Journalistin oder eines Groupies. Gelungen ist auch der sorgsam zusammengestellte dokumentarische Hintergrund, der in Form von Kapiteln, Daten und Presseartikeln, auch als Originalfotos der gealterten Harmonists von der Leinwand (hinter der multifunktionalen Brücke) flimmert oder mal als Stimme, mal als Grammophon-Gekratze aus dem Off kommt. Unter der geschwungenen Showtreppe steht zunächst, dramaturgisch sinnvoll, ein kleines schwarzes Klavier im Rund, nah an den Sängern. Nach der Pause kommt auch der Flügel am Rande zum Einsatz.
Mit ihrer Mischung aus feinem Gesang, fast instrumental geführt, mit vokaler Percussion, den witzigen bis frivolen (»Veronika, der Lenz ist da«), manchmal aber auch halbironisch sehnsuchtsvollen Texten und dem eleganten rhythmischen Schwung hat die junge Truppe sehr schnell überwältigenden Erfolg: Berlin, Leipzig, Hamburg, Europa, die ganze Welt. Clevere Manager halfen ein bisschen nach und spielten die Veranstalter tricky gegeneinander aus. Die Comedian Harmonists verdienten mitten in der Weltwirtschaftskrise und all ihrem Elend wahrhaftige Unsummen, überquerten den Atlantik und wurden in New York gefeiert. Aber das Sextett hatte sich dabei strikte Gleichheit und Unabhängigkeit geschworen.
Mit der Machtergreifung Hitlers kam die Wende, erst schleichend, dann massiv. Drei Juden, drei Arier, das durfte in den Augen von Goebbels nicht gutgehen, auch wenn sich die Musiker für ebenso unpolitisch wie unangreifbar wähnten. Das Ultimatum kam: Die Mitgliedschaft in der Reichsmusikkammer war nun vorgeschrieben und der »Ariernachweis« Voraussetzung. Eine Weile durften sie noch mit Sondergenehmigungen konzertieren und sich sogar auf SS-Empfängen mit feiern lassen. Eklats bei Auftritten in Stuttgart und München mit Nazi-Störungen (und Verteidigung durch die Fans aller Klassen) läuteten im Frühjahr 1934 das Ende ein. Das stellt die Inszenierung sehr knapp, konzentriert aber bildhaft genau dar. Am 25. März war das letzte Konzert auf deutschem Boden in Hannover.
Dem Höhepunkt folgt im zweiten Teil der Niedergang. Es ist aber nicht nur die brutale Macht der neuen Nazi-Herrscher, die den musikalischen Männerbund zerstört. Was nun? Was tun? Man könnte gemeinsam emigrieren und die Karriere im Ausland fortsetzen. Geld genug wäre da. Die Tantiemen der lukrativen Plattenverträge laufen weiter. Der weltweit strahlende Ruhm reichte auch aus. Doch der Pianist der einst so verschworenen Gemeinschaft will nicht. Er verweigert vor allem seinen drei jüdischen Gefährten die Solidarität. Ein Verrat. So stellt es das Stück dar.
Sehr eindringlich, wie Irfan Kars die letzten Konzerte inszeniert. Da wird noch einer dieser Hits gesungen, und dann verstummen die Stimmen. Als würde der Ton abgeschaltet, sieht es nur noch nach Singen aus. Etwas zäh wird es in der Coda, wo die einzelnen Comedian Harmonists ihr weiteres Schicksal skizzieren. (Es haben übrigens alle überlebt.) Das sind ergreifende Berichte, die aber kaum theatralisch in Szene zu setzen sind.
Der Sehnsuchts-Schlager »Irgendwo auf der Welt« krönt diese Revue von Evergreens, die samt und sonders ein sängerisches Spitzenniveau durchhalten. Da muss unter der Leitung von Ulrike Kristina Haerter mit unglaublichem Fleiß und fantastischer Genauigkeit gearbeitet worden sein. Solch ein Niveau bei solch heikler Musik zu erreichen, würde schon eine Riege echter Profis extrem fordern. Großartig, meilenweit weg von jedem Anflug des Peinlichen!
Natürlich hatte es für jede dieser wohl an die zehn Nummern Szenenapplaus gegeben. Am Ende schwoll das aber noch einmal zu regelrechten Jubelstürmen an. Nach zahllosen Vorhängen, die hier Rundläufe waren, wiederholte dieses Dreamteam von Boygroup seinen »Kaktus«.
Die Tonne hat ja schon mit einer Reihe von Revuen große Erfolge gefeiert. Musik liegt inzwischen in der DNA des Theaters. »Ein Freund, ein guter …« könnte da ein besonderer werden. Zum Selbstläufer werden diese Reutlinger Comedian Harmonists ganz gewiss.