REVUE DURCH EINE WELTKARRIERE

von Monique Cantré
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 06.07.2013



Theater - Ein Glücksfall von Sommertheater: Comedian-Harmonists-Bilderbogen mit fabelhafter Musik

REUTLINGEN. Eine »Messi-Wohnung«, wie ein Möbelpacker lästert, wird ausgeräumt. Trichter-Grammofon, Schreibmaschine und altmodisches Mobiliar kommen zusammen mit diversen Reisekoffern auf die Straße zum Abtransport. Eine neugierige Passantin traut sich, ein wenig zu stöbern und zieht neben einer Nerzstola und schicken Spangenschuhen aus einem Koffer ein Schriftstück, adressiert an einen Herrn Robert Biberti.

Die Haushaltsauflösung von Robert »Bob« Biberti, der 1985 gestorben ist, dient beim Tonne-Sommertheater als Einstieg in die Geschichte der Comedian Harmonists. Bob, der Bass mit der markanten Tiefe, hatte alles gesammelt, was über die legendäre Gruppe erschienen ist – und nach dem Krieg auch stillschweigend die Tantiemen für die weiterhin populären Lieder kassiert. Unter dem Titel »Ein Freund, ein guter...« führt das von Karen Schultze verfasste Stück revuehaft durch die Weltkarriere der Comedian Harmonists. Es behandelt auch ihr Ende unter dem Druck der Nazis, wobei sich gerade Bob als ganz mieser Charakter entpuppte.

NUR REGEN IN DER PAUSE
Die Premiere am Donnerstagabend auf der Freilichtbühne im Spitalhof umschiffte geradezu planmäßig einen Regenguss in der dadurch verlängerten Pause, um danach die Comedian Harmonists auf einem Ozeandampfer in die USA reisen zu sehen. Sonst ging die Inszenierung von Enrico Urbanek zwischen Showtreppe, Probenraum und Konzertgarderobe in Ilona Lenks historischer 20er/30er-Jahre-Ausstattung trocken vonstatten und versetzte das Publikum mehr und mehr in Begeisterung.

Mit den größten Anteil am Gelingen hatte die musikalische Leiterin Ulrike Härter, die den Darstellern, von denen nur zwei »notenfest« sind, die höchst anspruchsvollen Original-Arrangements der Comedian Harmonists beibrachte. So wird die Produktion gewissermaßen auf den Flügeln der Musik getragen und hält als Attraktion die prächtigen Comedian-Harmonists-Stücke mit ihrem Sprachwitz und ihren Klangfinessen bereit. Darunter sind das vokal umgesetzte Menuett von Boccherini, »Wochenend und Sonnenschein«, »Der kleine grüne Kaktus«, »Veronika, der Lenz ist da«, »Das ist die Liebe der Matrosen«, »In der Bar zum Krokodil« oder als Schlusslied »Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines Stückchen Glück«. Ansehnlich sind auch stets die zugehörigen Choreografien.

Ins innige Volkslied »In einem kühlen Grunde« brüllt schließlich von außen das Horst-Wessel-Lied. Die Nazis verbieten den drei Juden im Ensemble, weiter aufzutreten, und auch die Kompositionen Harry Frommermanns werden verboten. Dem Gedanken auszuwandern widersetzt sich Bob. In einer erschütternden Auseinandersetzung verlangt er sogar Schadenersatz von den jüdischen Kollegen Erich, Roman und Harry, weil ihm durch sie Einnahmen entgingen. 1935 findet das letzte Konzert statt.

Als dramaturgisches Scharnier dient die Figur der Greta Grünberg, dargestellt von Chrysi Taoussanis, die auch ein paar feine Gesangstitel präsentiert. Über ihre Fragen erfährt der Zuschauer die Lebensgeschichten der Comedian Harmonists. Das wirkt im ersten Teil mitunter etwas steif, gibt sich dann aber, ebenso wie die kleinen Wackler bei den Herren im Gesang. Der zweite Teil der Aufführung ist dann wesentlich dichter und musikalisch einfach mitreißend. Chrysi Taoussanis glänzt darin auch als amerikanische Radioreporterin.

Der wichtige Mann am Klavier ist Vasily Ilisavsky. Romeo Meyer spielt den bulgarischen Frauenhelden Ari Leschnikoff mit ulkigem Akzent, freilich ohne dessen hohe Kopfstimme. Gunnar Kolb ist der nur von außen gemütlich wirkende Bob Biberti und Tonne-Debütant Olaf Becker der unverdrossen auf Qualität setzende Harry Frommermann, dem die Comedian Harmonists ihre Existenz verdanken. Erstmals in Reutlingen spielen auch die beiden versierten Sänger Joscha Bernath als Erich Abraham-Collin und Martin Planz als Roman Cycowski.

 

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