Beten gegen die Behinderung

von Miriam Steinrücken

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 04.02.2020

 

Monospektakel − »Fix me if you can« mit der Wiener Performerin Elisabeth Löffler in Zusammenarbeit mit Kultur vom Rande

 

Das größte Problem von Kindern sind ihre Eltern. Vor allem, wenn sie es gut meinen. So wie das Ehepaar Löffler, das seiner Tochter Elisabeth eine bessere Zukunft bieten will. Nämlich eine auf zwei Beinen. Operieren, beten, auf ein Wunder hoffen, nichts lässt die Familie  unversucht, um das Mädchen aus dem Rollstuhl zu befreien − und schlägt dabei körperliche und seelische Wunden.

 

Aus dem Schmerz ihrer Kindheit hat die erwachsene Elisabeth Löffler Kunst gemacht. Rausgekommen ist ein tragisch-komischer Blick auf den behinderten Körper − auch den eigenen. Das Solostück »Fix me if you can« hat die Wiener Künstlerin am Sonntag im Reutlinger Theater Die Tonne präsentiert. Das gut einstündige Programm war ein Beitrag zum Solotheater-Wettbewerb Monospektakel und Teil des inklusiven Festivals Kultur vom Rande.

 

Mann gesucht

Eigentlich tritt sie nur auf, um einen Mann zu finden, behauptet Löffler. Mindestens 1,80 Meter groß soll er sein, stark und nicht behindert. Denn das ist sie ja bereits selbst: Löffler kann nicht laufen, deshalb muss ihr Liebster sie tragen können − beispielsweise von ihrem Platz im Publikum auf die Bühne. Dort sitzt sie dann, die gelähmten Beine für jedermann gut sichtbar in Minirock, Netzstrümpfen und Stiefeletten. »Ich habe Jahre gebraucht, meinen Körper so zu lieben, wie er ist«, sagt Löffler. Hier hat jemand einen harten Kampf ausgetragen und schließlich gesiegt, das merken die Zuschauer, darunter auch viele Rollstuhlfahrer.

 

Vom vergeblichen Glauben an die Schulmedizin und der irrationalen Hoffnung auf Wunderheilung berichtet Löffler in der Geschichte ihrer Kindheit. Dass sie darüber Witze reißen kann, macht ihre Stärke aus. Lacher erntet sie trotzdem nur wenige, zu stark scheint das Grauen durch den Humor hindurch.

 

Pilgerfahrten nach Lourdes

»Reparaturanleitung für eine Person mit Behinderung« lautet der Untertitel von Löfflers Stück. In den 70er-Jahren bedeutet das für das Mädchen »strecken, reißen, ziehen, dehnen« im Spital. Doch auch mit fünf Operationen »kann man aus Gulasch kein Steak machen«.

 

Löfflers Eltern sind »religiös und pragmatisch«: Statt Familienurlaub zu machen, pilgern sie 14 Jahre lang jeden Sommer zum französischen Wallfahrtsort Lourdes. Dort, im »katholischen Disneyland«, kehrt sich alles um: »Da stehen wir Behinderten im Mittelpunkt«, erklärt Löffler. Doch Gott hilft dem Mädchen: Die Heilung bleibt aus. Denn die kleine Elisabeth will gar nicht laufen können. Lieber hält sie es mit der Oma: »Selig sind die Armen und Kranken, denn ihnen gehört das Himmelreich.«

 

»Sitdown Comedy« nennt Löffler ihre Vorstellung in Anlehnung an die Stand-Up-Comedy. Ebenso wie beim Vorbild hat sie sich vorab Pointen ausgedacht und die Reihenfolge grob festgelegt. Gleichzeitig bleibt ihr Spielraum, vom Schema abzuweichen und spontan auf Zuschauerreaktionen einzugehen.

 

Löffler erzählt, singt und tanzt. In der Performance sind ihr keine Grenzen gesetzt. Genreübergreifend bedient sie sich sämtlicher Stilmittel, um ihre Botschaft rüberzubringen. Mit all den Therapien signalisierten Eltern ihrem Kind: »So wie du bist, bist du nicht in Ordnung.« Stattdessen sollten Erwachsene endlich aufhören, ihre Kinder reparieren zu wollen und Diversität akzeptieren. Löfflers Appell richtet sich an alle Eltern, nicht nur an solche von Kindern mit Behinderung.

 

Privat hat die Wienerin die Emanzipation inzwischen geschafft: Sie ist selbst Mutter eines kleinen Mädchens und hilft anderen Menschen als Lebens- und Sexualberaterin dabei, ihren Weg zu finden.

 

 

Ins Disneyland der Katholiken

von Sissi Klapp

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 04.02.2020

 

Monospektakel – Stand-up im Tonne-Keller: Mit Elisabeth Löffler geht´s auf Wallfahrt nach Lourdes.

 

Eigentlich sucht sie ja nach einem Mann. Stark muss er sein, damit er sie durch die Gegend tragen kann, mindestens 1,80 Meter groß und vor allem: Nicht behindert. »Denn behindert bin ich selber«, erklärt Elisabeth Löffler, die zum Abschluss des zehnten Tonne-Monospektakels zu Gast war mit ihrem »Sitdown-Comedy«-Programm »Fix Me If You Can«: (fast) eine Reparaturanleitung für eine Person mit Behinderung.

 

Makabres Roadmovie

Die Wiener Performerin, Lebens- und Sexualberaterin ist von Geburt an gehbehindert. Früher tat ihre Herkunftsfamilie alles, um diese Behinderung wegzuzaubern. Als aber alle qualvollen Operationen und Gebete nichts bringen, bleiben nur noch die alljährlichen Wallfahrten nach Lourdes, ins »Disneyland der Katholiken«.

 

Elisabeth Löffler erzählt die Fahrt nach Frankreich als lustig makabres Roadmovie, mit viel trockenem Humor und noch mehr Ironie. Und relativ tabulos, was ihre Behinderung anbelangt. Ihre Familie hofft auf das große Heilwunder. Sie wiederum hofft, dass sie auch nach dem heiligen Bad nicht laufen kann. Und sei es nur, damit sie weiterhin vorne sitzen darf, beim Babba, den sie genauso verehrt wie Udo Jürgens, ihren größten Beschützer, ihr »Painkiler, Cortison und Schlafmittel«. Auch in der ausverkauften Tonne singt und räumt sich die Wallfahrerin noch einmal in Udos Musik hinein und lässt dabei immer wieder die Grenzen zwischen Biographie, Phantasie und schrägem Kommentar verschwinden.

 

Die »Sitdown-Comedy« ist auch Teil des »Kultur vom Rande«-Festivals, das dieses Jahr in mehreren Etappen gefeiert wird. Auch Löffler geht es darum, offensiv mit Behinderung umzugehen. Mit ihren sarkastischen Witzen macht sie sich darüber lustig, wie man in ihrer Kindheit verzweifelt versucht habe, sie zu »reparieren«. Aber: »Aus Gulasch kannst du kein Steak machen«. Und so ist ihre Show eine Mischung aus schwarzhumorigem Erfahrungsbericht, Satire, Kontaktaufnahme mit dem Publikum, musikalisch unterlegtem Abdriften in (Alb-)Träume und ironischem Schauspiel. Das »Method Acting« habe sie schon früh gelernt: Wenn sie mit der ganzen Verwandschaft hinten im Auto sitzen musste, täuschte sie so lange eine Atemnot- und Spuck-Attacke vor, bis sie nach vorne durfte. In ihrem Wiener Akzent erzählt sie detailliert, welche olfaktorischen Kompositionen im Auto herrschen, wie die Mama sie im Angesicht der »Plastikmadonna« zum Heilbecken bringt, und wie sie alljährlich betet, dass sie nicht geheilt wird. Weil sonst geht die Familie ja nicht mehr auf große Fahrt. Und schließlich kommen ja nur die Armen und Kranken direkt ins Himmelreich, so hat es die Oma gesagt. Alle anderen müssen es sich erst erarbeiten. Und dafür sei sie schließlich da: Damit wir Gutes an ihr tun und auch in den Himmel kommen können.

 

Erst einmal ein Mann

Bevor sie aber in den Himmel kommt, will sie erst einmal einen Mann. »Einen, den ich angreifen kann.« Am liebsten einen, der mit ihr im Jaguar nach Italien fährt, begleitet von Jon Bon Jovi. »I Wanna Lay You Down In A Bed Of Roses«, schallt aus den Boxen, während sie sich wieder weit weg träumt.

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