Das Monster und sein Schöpfer

von Anja Weiß

REUTLINGER NACHRICHTEN, 17.07.2019

 

REUTLINGEN. Viktor Frankenstein träumt schon als junger Mensch davon, »tote Materie wiederzubeleben«. Er studiert Alchemie und Anatomie, und irgendwann gelingt es ihm: »Frankenstein hat sein Werk vollbracht, das Leben ist vom Tod erwacht.« Das von ihm geschaffene Leben entpuppt sich jedoch als hässliches Monster, das jeden, den es trifft (mit Ausnahme eines Blinden), fürchterlich erschreckt. Auch sein Schöpfer wendet sich enttäuscht und hartherzig von ihm ab. Zurück bleibt ein Geschöpf, das sich nach Liebe und Zuneigung sehnt. Eine Sehnsucht, die so groß wird, dass er seinen Herrn bittet, ihm eine Frau zu erschaffen, was dieser jedoch ablehnt. Was folgt ist die schreckliche Blutrache des Frankenstein’schen Monsters, der einen Feldzug gegen seinen Schöpfer und dessen komplette Familie führt.

 

Das Monster hinter dem Vorhang

Mary Shelleys Schauerroman »Frankenstein« hat Heiner Kondschak für das Sommertheater der Tonne neu inszeniert. Was bei Kondschak natürlich nicht fehlen darf, ist viel Musik. Dazu ist das Bühnenbild quasi dreigeteilt: Oben sind die Musiker (neben Kondschak Christian Dähn sowie Jakob Dinkelacker/Joachim Gröschel), die sich an den unterschiedlichsten Instrumenten austoben dürfen, die Schauspieler stellen den Chor und greifen ebenfalls zu Instrumenten. Unten wird die Geschichte gespielt und erzählt und das schaurige Geschehen um das Monster selbst findet als eine Art Schattentheater hinter den Vorhängen statt. So wird das Stück mehrschichtig, verstärkt wird das Ganze noch dadurch, dass Kondschak die Autorin selbst als Erzählerin auf die Bühne holt. Chrysi Taoussanis erklärt den Zuschauern als Mary Shelley die Intention ihres Stücks, das weit mehr als ein Schauermärchen ist, das vielmehr die Frage aufwirft, wer wirklich das Monster ist (Viktor Frankenstein oder seine Kreatur) und wie weit Wissenschaft gehen darf.

 

Aktueller denn je

Eine Frage, die aktueller ist denn je. Das Stück kommt mit nur fünf Mimen aus, denn jeder außer Thomas B. Hoffmann als Frankenstein, hat mehrere Rollen. So ist Taoussanis unter anderem noch Viktors Mutter und die Bedienstete Justine, Davis Liske gibt Diener, Bruder, Arzt und mehr, Daniel Tille ist Vater, Freund und Professor, Anne Leßmeister hat neben der Rolle von Frankensteins großer Liebe Elisabeth ebenfalls noch kleinere Parts. Schnell sind die Wechsel, die Akteure treten auf und ab, sie singen mal im Chor, dann wieder als Duett. Die Musik reicht von lieblichen Flötenklängen bei den romantischen Szenen bis zum schrägen Sägenklang in Frankensteins Labor.

 

Im Zentrum der Fassung steht nicht der Grusel, sondern es wird die Geschichte eines neugierigen, klugen Kindes erzählt, aus dem ein ehrgeiziger Wissenschaftler wird, der nichts Geringeres will als Leben zu schaffen und den Tod zu besiegen. Der keine Skrupel kennt und der ohne Reue seine Kreatur verstößt, als sie ihm missfällt. Dabei ist auch er kein wirkliches Monster, sondern vielmehr ein gedankenloser Mensch, durch dessen Tun Unglück über alle kommt. Die Kreatur wiederum ist nur bedauernswert, stets auf der Suche nach Gesellschaft und Liebe, wird sie nur gequält und verstoßen, bis sie beschließt: »Schöpfer, du wirst das Unrecht bedauern, das du mir angetan hast«.

 

Vom Monster zur Bestie

Er wird zu dem, was ohnehin alle in ihm sehen: zu einer grausamen Bestie. Auch das Schicksal der Familie Frankenstein ist tragisch, es gibt Todesfälle und Mordopfer, Viktor findet die Liebe und verliert sie an den Meuchelmörder. Alle suchen nach Glück, und dann ist es der Ehrgeiz, der alle ins Unglück treibt. »Frankenstein glaubte, ausersehen zu sein«, so erklärt es die Erzählerin, dabei hätte er sein Wesen niemals erschaffen dürfen.

 

Riesenapplaus gab’s vom Publikum für Kondschak, die Musiker und das Ensemble und als Zugabe noch ein Lied mit der Aufforderung, zu lieben. So unterhaltsam, nachdenklich und ironisch kann ein Sommertheater unter freiem Himmel sein.

 

 

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