EINE HOMMAGE ALS TOTENFEST

von Kathrin Kipp
REUTLINGER NACHRICHTEN, 06.05.2013



So bunt, so surrealistisch und so biografisch wie ihre Bilder: Die Theatergruppe Menschen mit Behinderung an der Tonne zeigt eine exzentrische »Kahlografie« über die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo.

REUTLINGEN. Wie übersetzt man Bildende Kunst fürs Theater? Dieser Herausforderung haben sich jetzt die Tonne-Schauspieler mit Handicap unter Regisseur Enrico Urbanek, Ausstatterin Ilona Lenk und Musiker Michael Schneider gestellt. Und aus dem Leben und Werk Frida Kahlos einen bunten, biografischen, traurigen, mexikanischen, poetischen und musikalischen Bilderbogen zusammengestellt.

Ein Riesen-Torso auf einem vertrackten Metallgestell weist auf Frida Kahlos viele Verletzungen, Schmerzen und Einschränkungen hin, die sie ja auch in ihren farbenprächtig provozierenden Bildern zum Ausdruck gebracht hat. Auf den Torso projiziert die »Casa Magica« kunstvolle Bilder, Muster und Farben, ohne je ein tatsächliches Bild von Frida Kahlo zu verwenden: Stacheldraht, verfremdete Wirbelsäulen, Kunstfassaden. So präzise wie abstrakt werden die körperlichen und seelischen Befindlichkeiten visualisiert, unter denen Kahlo gelitten haben muss.

Unter dem Torso tummeln sich Michael Schneider und Valerio Pizzorno, die mit traurigen mexikanischen Klängen den Totentanz vertonen, der den Bilderrahmen für die Kahlo-Hommage bildet. Bevor aber das mexikanische Totenfest gefeiert wird, nehmen die Schauspieler in ihren bunten Totenkopfkostümen Aufstellung für ein ganz persönliches Statement: Sie bewundern vor allem, dass sich Frida Kahlo nach ihrem Busunfall und trotz aller Behinderungen, Rückenkorsetts und Schmerzen nicht hat unterkriegen lassen. Dass sie trotzdem versucht hat, »das Beste daraus zu machen« und das Leben, die Liebe und die Kunst in allen Schattierungen auszukosten.

Was war sie alles, fragen sich die Kahlo-Darsteller auf der Bühne: »Malerin? Biografische Malerin? Surrealistin? Kommunistin? Trotzkistin? Geliebte? Liebende? Ein Mythos?« Verarbeitet hat Frida Kahlo ihr schmerzvolles Leben auch in sehr makabren Bildern.

Und als ein kleiner »danse macabre« kommt deshalb auch der Kahlo-Bilderbogen der Tonne daher: Jochen Rominger, Bahattin Güngör, Stephan Wiedwald und Walter Rebstock tanzen mit ihren Totenmasken (Jule Klink) den Lebenden entgegen, während sich die anderen mit ihren flackernden Grablichtern auf die Suche nach Diego und Frida begeben, und hinter dem klackernden Bambusvorhang die Irrlichter tanzen.

Seyyah Inal singt mit sehr viel Gefühl eine traurige mexikanische Volksweise. Die Toten werden mit Blumen und dem verführerischen Gesang von Elif Alici herbeigelockt. Beim mexikanischen Totenfest wird aber auch gefeiert, gegessen, getanzt, getrunken und gesungen. Leider werden die Schauspieler darin immer wieder etwas ausgebremst. Frida Kahlo selbst meldet sich auch zu Wort, mit Kindheitserinnerungen, Liebesbriefen und politischen Protestbriefen: Alfhild Karle, Dunja Fuchs, Gabriele Wermeling, Franziska Schiller und Katja Trumpold sprechen die Texte, während Karin Dürr und Cornelius Hoffmann-Kuhnt in der Percussion-Abteilung für Rhythmus sorgen.

Und kein Stück mit Michael Schneider ohne skurrile Soundexperimente: So wird die Kunst-Party auch mit Klappertoninstrumenten und mit einer kleinen Schreisinfonie gefeiert. Arriva! Schneider und Pizzorno geben dazu die leichenblassen Straßengaukler, verkörpern die Freiheit in der Kunst, die vom bösen Diktator eingeschränkt wird. Jochen Rominger zwingt den vielstimmigen und sehr bunten Chor (»Völker, hört die Signale«) in die Knie und bringt den Protest mit Waffengewalt zum Schweigen.

Eine große Rolle in Kahlos Leben spielte aber auch die spannungsvolle Beziehung zu Diego: »Vielfalt in der Einheit« heißt, die Streits werden auch mit viel Temperament ausgetragen, weshalb Franziska Schiller mit einem herzhaften »Du Drecksack, du Elender« über die Bühne tobt, bevor sich die Schauspieler mit weiteren Bildbeschreibungen, Tanztheater- und Pantomimeeinlagen und einer Körperbemalungs-Performance weiter durch das Leben und Werk der geheimnisvollen Künstlerin assoziieren, einiges auch in eher verschlüsselter Art und Weise. Wie in der Kunst eben.

 

Zurück