Starke Bilder für das Grauen

von Matthias Reichert

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 05.10.2020

 

Premiere − Das inklusive Ensemble des Reutlinger Tonne-Theaters bringt eindringlich die Geschichte der Nazimorde von Grafeneck auf die Marktplätze

 

An 25 süddeutschen Orten spielt das inklusive Ensemble des Reutlinger Tonne-Theaters, finanziert von der EU, Bundeskulturstiftung und Landkreis, unter dem Titel  »Hierbleiben« seine Spurensuche nach Grafeneck. Am Freitag war die Reutlinger Premiere auf dem Marktplatz, unterm Riesenrad ist es eng geworden.

 

Wie berichtet, musste Intendant und Regisseur Enrico Urbanek wegen Corona umplanen und das vorgesehene interaktive Straßentheater in Aufführungen mit Sitzplätzen abändern. Dennoch haben auch viele Leute hinter den Absperrbändern stehend zugeschaut. Die 14 Darsteller/innen stecken in roten Overalls. Eingangs erzählen drei Rollstuhlfahrer/innen, wie sie auf einer Fahrt ins Samariterstift die Erinnerung an die Nazimorde vor 80 Jahren erlebt haben.

 

»Der letzte Weg - da musste ich schon schlucken, das liegt mitten im Nirgendwo«, so Santiago Österle. »Wenn ich damals gelebt hätte, wäre ich wahrscheinlich auch umgebracht worden«, sagt Alfhild Karle. »Mich hätte es auch erwischt - wenn ich überlege, was ich im Monat koste«, so Seyyah Inal.

 

DIe übrigen Akteurinnen und Akteure läuten tanzend mit Glocken. Vom Band ertönen Geräusche von Lokomotiven. Der musikalische Leiter Michael Schneider spielt getragene Synthesizer-Klänge, später Geige und Gitarre. »Angst - Respekt - Kälte - Trauer«, skandiert Österle, die anderen stimmen ein.

 

Sie stellen sich in einer Reihe auf, rufen: »Name - Krankheit - Rasse« und nennen ihre eigenen Behinderungen. Eine gereimte Moritat erzählt von den Morden an 10.654 Menschen mit psychischen Krankheiten und geistigen Behinderungen: »Damit man niemals mehr vergisst, was damals hier geschehen ist«, so Österle. »In Bussen holte man sie weg und brachte sie nach Grafeneck«, so Karle.

 

Blaupause für die Morde der Nazis

Die Tötungsanstalt in den Gaskammern des Samariterstifts war zugleich die Blaupause für die millionenfachen Morde in den Vernichtungslagern der Nazis. Das wird im Stück ebenso thematisiert wie die Karriere des Mediziners Horst Schumann, der später in Auschwitz mit Menschen experimentierte. Auch eine Schreibkraft aus Grafeneck kommt zu Wort: »Ich hätte diesen Job nie angenommen, wenn ich gewusst hätte, was dort passiert«. »Euthanasie« - schöner Tod, nannten die Nazis zynisch ihre Morde. Schreibmaschinen tippen klappernd Todesnachrichten für die Angehörigen, in denen die Mörder scheinbar natürliche Ursachen amtlich machten. Dazu erklingt das Lied: »Kein schöner Land in dieser Zeit«. Ein Medizinvortrag thematisiert Kohlenmonoxid und den dadurch verursachten Erstickungstod.

 

Requisiten sind rollbare Gatter, leere Gasflaschen, auf denen sie martialisch mit Gabeln herumkratzen und mit Hämmern draufschlagen (Ausstattung: Sibylle Schulze). Eine Schulaufgabe aus dem Rechenbuch des Unmenschen: »ein Geisteskranker kostet täglich 4 Reichsmark, ein Krüppel 5,5«. Die Akteure legen ein Hakenkreuz aus Schnüren aus und demontieren es, versinnbildlichen mit Ketten und Bändern das Grauen durch Tänze (Choreografien: Yaron Shamir).

 

Ein wahrer Danse Macabre, mit Engelsflügeln am Rolli, Bildern der Opfer und gemalten Köpfen, unter denen sie »Miteinander« geschrieben haben. »Auch aus Reutlingen wurden Menschen nach Grafeneck deportiert«, berichtet Gabriele Wermeling. Die Akteure schwingen Fahnen und Schilder, auf denen in Frakturschrift »Volksschädling« steht. Eine Reise ins Ungewisse als Balanceakt auf einem Podest. »Hierbleiben«, rufen sie schließlich im Chor.

 

Die abschließende interaktive Kunstaktion mit Jochen Meyder wird wegen Corona auf Distanz gehalten. Auf Zuruf schaut das Ensemble in einem Buch mit den Namen der Opfer nach, ob auch Verwandte der Zuschauer in Grafeneck gestorben sind. Offenes Ende und warmer Applaus. Wie singt Österle an einer Stelle: »Grafeneck bleibt selbst im Dunkeln ein schwarzer Fleck«.

 

Unterm Strich

Eine berührende Inszenierung, die eindrückliche Worte, Klänge, Bilder und Tänze für das Grauen von Grafeneck findet. Zugleich eine beherzte Mahnung - gerade in Zeiten des wieder zunehmenden Rechtsextremismus.

 

 

Inklusives Theaterprojekt feiert Premiere

von Peter Lahr

RHEIN NECKAR ZEITUNG, 21.09.2020

 

In »Hierbleiben…Spuren nach Grafeneck« geht es um Deportationen unter den Nationalsozialisten

 

Mosbach. Verschiedenste Schicksalsfäden aus unterschiedlichen Zeiten woben die Parzen am Donnerstag auf dem Mosbacher Marktplatz schließlich doch noch glücklich zusammen und ermöglichten so rund 100 Zuschauern und »Zaungästen« ein inklusives Theatererlebnis mit Tiefgang, hoher Assoziationsdichte und überraschenden Wendungen. 80 Jahre, nachdem die Nationalsozialisten 10.654 Menschen in der ersten deutschen Vernichtungsanlage auf Schloss Grafeneck auf der Schwäbischen Alb ermordet hatten, präsentierte der Reutlinger Verein »Theater in der Tonne« mit einem 14-köpfigen, inklusiven Ensemble das selbstentwickelte Stück »Hierbleiben…Spuren nach Grafeneck«.

Die spartenübergreifende Produktion von Regisseur Enrico Urbanek ist ein Leader-Projekt und wurde durch die Corona-Pandemie heftig gebeutelt. Ursprünglich sollte die Premiere am 8. Mai auf dem Reutlinger Marktplatz stattfinden – als eher lose verbundener Bilderbogen, »mit Pausen und ohne Stühle«, wie Projektleiter Maximilian Tremmel im Gespräch mit der RNZ erklärte. Nach dem Lockdown kam nun Mosbach in den Genuss der Premiere. Auch dieser Termin war mit Bedacht gewählt: »Der 17. September war einer der drei Jahrestage der Deportationen«, so Tremmel. Bei spätsommerlichen Temperaturen und unter Einhaltung diverser Schutzmaßnahmen gelang ein modifiziertes »Gesamtkunstwerk«, welches Musik, Theater, Tanz und bildende Kunst raffiniert miteinander zu einem knapp zweistündigen Schauspiel verzahnte. In weiteren 23 Orten, aus denen Menschen mit Handicap mittels der berüchtigten »grauen Busse« abgeholt wurden, will die »Tonne« bis Mitte nächsten Jahres Station machen.

 

Ein leises »Zicke zacke, zicke zacke, hoi hoi hoi« erklingt gleich darauf hinter dem silbermetallicfarbigen Mercedes Sprinter, der das quadratische Bühnenbild zur Stiftskirche hin abriegelt. Das Ensemble betritt in roten Overalls die »Bühne« und schraubt lose verstreute Stangen zu fahrbaren »Transportkisten« zusammen. Sie gemahnen nicht von ungefähr an Käfige.

»Die Menschen waren damals nichts wert.« »Ich fand es total gruselig. Die Umgebung ist total schön, wenn man dann überlegt, was da passiert ist.« Einzelstimmen beschreiben die Eindrücke des Ensembles beim Besuch von Grafeneck. Das ehemalige Jagdschloss der württembergischen Könige unweit von Münsingen beherbergt heute eine Gedenkstätte. Aber die Akteure bleiben nicht im Gestern stehen, geben auch Persönliches preis: »Mein Rollstuhl kostet 23.000 Euro. Ich koste 5000 Euro im Monat den Staat. Mich hätte man damals auch ermordet.«

Die Schauspieler agieren in immer anderen Rollen, erzählen die Geschichte der Vernichtungsanlage und der verbrämenden Lügenpropaganda vielschichtig, bildgewaltig und mit Mut zu großen Emotionen. Schlagworte wie »Angst, Trauer, Kälte, Anketten, Scheuklappen, Sicherheit, Hand aufs Herz«, skandiert ein antikisch anmutender Chor, der sich unisono steigert zur Demonstration des Hauptanliegens: »Respekt! Respekt! Respekt!«

 

Mal gemahnt das Werk an ein Mysterienspiel, mal greift es zum Brecht‘schen Mittel der Moritat. Volkslieder bürstet das Ensemble gegen jegliche romantische Stimmlage. Enttarnt so rückwärtsgerichtete Heimattümelei – vielleicht einmal zu viel. Zwei Schreibmaschinen werden zum Symbol der tödlichen Bürokratie. Andere Symbole werden genüsslich zerlegt. So wird aus einem Hakenkreuz, das akkurat am Boden liegt, ein Hopfseil, ein Hochseil, ein Mikrofonkabel, ein Ballspiel, ein Tanzplatz.

 

Als Andockpunkte dienen immer wieder die fahrbaren Käfige, die zum Büro und Gefängnis mutieren, zum Bus, zum Tempel und zur Friedhofskapelle. Metallene Behälter ähneln gleichzeitig Gasflaschen und Bootsfendern. Sie halten Abstand und werden zu Urnen. Die Schauspieler ziehen darüber mit ihren Gabeln, was schrille Laute gebiert. Noch schriller ist das Schlussbild, eine groteske Alptraumfantasie, die daran gemahnt, dass einst Behinderte mit »Freaks« auf Jahrmarktschauen zu bestaunen waren. Die Spur der grauen Omnibusse führt unmissverständlich über den Laufsteg. Das Wort vom »Mondkalb« feiert eine üble Auferstehung.

 

 

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