Tierisches »Herzblatt«

von Christoph B. Ströhle

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 14.12.2019

 

Theater − Die Tonne wirft in Heiner Kondschaks Revue »Hundewetter und Katzenjammer« liebenswert-launige Blicke auf des Menschen liebste Vierbeiner

 

REUTLINGEN. Ein Kater, der einer ölverschmierten sterbenden Möwe verspricht, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern, und dem Küken, sobald es geschlüpft ist, das Fliegen beibringt − das gehört zu den märchenhaft-poetischen Szenen in »Hundewetter und Katzenjammer«, der neuen Produktion des Theaters Die Tonne. Allzu lieblich wird die Geschichte aber nicht, denn die Darsteller reichern den Ausflug in Luis Sepúlvedas Kinderbuch »Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte« mit lustigen Akzenten und Dialekten an.

 

Das wirkt − auch in anderen Szenen dieses von Heiner Kondschak kreierten Theaterabends, der am Donnerstag in der Spielstätte Tonne1 Premiere feierte. Etwa in der »Herzblatt«-Variante für Hunde und Katzen, »Tierisch viel Liebe«, die die Schauspieler trocken-launig auf die Bühne bringen, mit Chrysi Taoussanis als schnoddriger Katze Mia, die sich zwischen dem Rottweiler Deckhund Schorsch (David Liske), dem Uelzener Hütehund Bruno (Heiner Kondschak) und dem Berner Sennenhund (Daniel Tille), Gründer eines Start-ups für Trockenfutter, entscheiden kann.

 

Furcht vor peinlicher Stille

Mia, die in der Werbung tätig ist, trifft ihre Wahl − nicht ohne deutlich zu machen, dass sie auf Treue und getrennte Futternäpfe besteht. Im Hunsrück soll sich das frisch verkuppelte Paar auf Kosten der Fernsehshow beschnuppern.

 

Begleitet von einer Band (Christian Dähn, Heiner Kondschak und Christine Stiefelmayer) und auch selbst Instrumente spielend singen und spielen sich die Schauspieler durch den Abend, der gar nicht erst vorgibt, einen roten Faden zu haben. Für karnevaleske Gedichte und boulevardeske Szenen einer Ehe, in der der Hund das Liebesspiel zweier Menschen stört, ist ebenso Platz wie für wahre Geschichten wie die von Hachiko, dem »treuesten Hund der Welt«, der fast zehn Jahre auf sein verstorbenes Herrchen wartete. Oder von der Katze, die in einem Hospiz lebt und Menschen in ihren letzten Stunden wärmt. Eine der pointiertesten Szenen hat gar nicht viel mit den Vierbeinern zu tun: In einer Selbsthilfegruppe für Phobiker machen sich die Versammelten, die sich vor Entschuldigungen, Wiederholungen oder peinlicher Stille fürchten, gegenseitig irre.

 

Heiner Kondschak und die Ensemblemitglieder bringen eigene Lieder und Texte ein. Der munter dargebotene Stilmix reicht von Bluegrass und Blues über Couplet, Musical und Schlager bis Rock´n´Roll. Als Zuschauer lernt man, was den Wolf vom Hund unterscheidet. Claudia Carus singt, bezwingen lasse sie sich nicht: »Ich bin ein Wolf. Und wie der Wind und wie das Wasser bin ich frei.« Ein ausgelassener Tanz, der das unterstreicht, schließt sich an.

 

Die Launenhaftigkeit der Katzen bringt vor allem Chrysi Taoussanis großartig rüber. Im von Enrico Urbanek konzipierten Bühnenbild mit Hundehütte und Katzenbaum trifft man sie bevorzugt hoch oben auf letzterem an. Oft auch mit ausgefahrenen Krallen. Daniel Tille sieht man als Hund überschwänglich einem Ball nachjagen, noch bevor dieser überhaupt geworfen ist. Und wenn alle singen »Ja, mir san mim Rudel da« oder Dogdance im Aerobic-Stil betreiben, wird klar: Das Ganze ist ein einziger großer Spaß. Der vom Premierenpublikum mit begeistertem Applaus quittiert wurde.

 

 

Sie wollen nur spielen

von Kathrin Kipp

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 14.12.2019

 

Tonne-Theater − Hundewetter und Katzenjammer: In Reutlingen geht´s in die Fauna mit einer tierisch verspielten Nummernrevue rund ums liebe Hausvieh.

 

Entweder geht man auf die Betriebsweihnachtsfeier und wird zum Tier. Oder man kommt auf dem Weihnachtsmarkt auf den Hund vor Glühwein. Oder man geht in die Tonne, denn dort gibt´s Katzenjammer mit der Hund- und Katzenrevue von Heiner Kondschak.

 

Der Theater-Allrounder ist auch ein Meister des nachhaltigen Kunstrecyclings, und so zitiert er in seiner animalischen Musik-Sause nicht nur sämtliche Katzen-Klischees und Welt-Hundeweisheiten, sondern hat auch Szenen und Songs aus seinem eigenen Oeuvre wiederaufbereitet: Aus dem legendären »Dogs«-Musical genauso wie aus dem Stück »Kater Zorbas, der der Möwe das Fliegen beibringt«. Und so assoziiert und musiziert sich die Tonne munter durchs Tierreich und schickt die Zuschauer fröhlich in die Wortspielhölle.

 

Christian Dähn am Schlagwerk, Christine Stiefelmayer an der Geige und Kondschak an der Mandoline liefern den melancholisch lieblichen Soundtrack zum Treiben der Hundkatzemausmenschen in allen Variationen. Enrico Urbanek hat dafür standesgemäße Behausungen auf die Bühne gestellt: In der Hundehütte beteiligt sich Klein Bello (Daniel Tille) an den dramatischen »Szenen einer Ehe aus der Kleinen Tierschau«, indem er dem Pärchen keine Zeit mehr lässt für romantische Stunden, weil er in absolut authentischer Hunde-Performance permanent bellt, hechelt, sabbert, wedelt, wackelt, nervt und Herrchen abschleckt: »Ball! Ball!«. Er will ja bloß spielen.

 

Auf der anderen Seite räkelt sich Chrysi Taoussanis als arrogante, anarchische und eigenwillige Katze auf ihrem Kratzbaum und ist für nix gut, außer fürs pure Dasein. Gut, ab und zu gibt Katzi kuschelige Wärme ab, verteilt dafür aber überall ihre Haare. So stellt sich die Show den ganz großen Fragen des Lebens: Katze oder Hund? Hot oder Dog? Beatles oder Stones?

 

Aufs Katzenklo und Katzenvideos wird leider verzichtet, dafür wird immer wieder Urbaneks »Bluna« per Video zugeschaltet, um mit ihrem Hundeblick die Weltlage zu kommentieren: »Ich sag nix«. Dafür schwatzen, singen und tanzen alle andern umso mehr: »Ja, mir san mim Rudel da«, bellen sie. Auf genau diesem Niveau geht der Schabernack weiter, in vielen Dialogfetzen über Nachbarschaftsstreit, Katzenerotik oder Hundeyoga, in denen das Ensemble alles gibt: Es will eben auch nur spielen.

 

Wir hören außerdem schlechte Lyrik. Am dollsten treibt es dabei Taoussanis, die mit Schlabberohren-Mütze schlimme Gedichte zum Besten gibt. Bei »Kater Zorbas« wiederum wird alles auf den Kopf gestellt: Davis Liske muss einer sterbenden Möwe versprechen, dass er ihr Ei ausbrütet und dem Nachwuchs das Fliegen beibringt, statt ihn zu fressen. Da treten natürlich ganz tiefe seelische Konflikte zutage. Schön auch die Herzblatt-Show für einsame Vierbeiner. Claudia Carus als quirlige Moderatorin und David Liske als schwäbischer Deckhund, der »sein Hobby zum Beruf gemacht hat«, dabei jeder Kundin »etwas Persönliches mitgibt«. Jetzt will er die Herzdame »nach Katzachstan entführen«. Eine absolute Augenweide ist auch der sexy »Dogdance« mit Daniel Tille als goldiger Fitness-Animateur-Hund.

Tiere werden ja oft dafür gebraucht, um etwas über die Menschen zu erzählen. So überlegt sich auch der Wolf von Carus, ob er nicht lieber als Haustier den Wohlstand genießen soll. »Aber den ganzen Tag an der Kette?« Dann doch lieber Freiheit!

 

Unterm Strich

Heiner Kondschaks Hunde- und Katzenshow hat so ihre Höhen und Tiefen, aber so ein Tierleben ist ja auch nicht immer nur lecker Milch- und Knochenschlecken.

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