Harmonie, Ekstase und dann sagte Einer leise Servus

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 05.11.2018

 

Die Premiere des Internationalen Tanztheaterfestivals im Tonne-Neubau am Wochenende war rundum gelungen. Nicht nur das Publikum, auch die Tänzerinnen und Tänzer waren von dem Ambiente beeindruckt. Die Strado Compagnia Danza aus Ulm setzte mit ihrer Tanzperformance »Tom Waits - Tom wartet« das Warten selbst in Szene. Und in allen alltäglichen, bisweilen skurrilen Situationen, welche die vier Tänzerinnen und zwei Tänzer manchmal nur sanft andeuten, bisweilen aber auch brutal ausspielen, schimmert die Kunstfigur Tom Waits durch. Rauchig, verrucht. Domenico Strazzeri hat eine Biografie über Waits gelesen und ein Stück entwickelt, das er für das Festival in Reutlingen extra gekürzt hat. Besonders stark die ekstatische Schlussszene in der sich die Tänzer als Zombies bis zur Erschöpfung verausgaben. Starker Beifall. Und stark ging es nach der Pause weiter. Choreograf Yotam Peled bringt in seiner Choreografie »Home.Alone«, in der er mit Myriel Welling selbst tanzt, das Scheitern einer Beziehung auf die Bühne. Auf zarte Annäherung, den Anflug von Harmonie folgt wieder Leere und Einsamkeit. Beklemmung. Beklemmung löst auch die Choreografie von Yaron Shamir aus, der seinen eigenen Abschied von der Bühne inszeniert: »Farvel − Die Kraft des Abschieds«. An Drähten mit einem eigens konstruierten Bauchgurt an acht Gewichte gefesselt, erscheint der Tänzer als Marionette. Kurz befreit er sich von seiner schweren Last, um sie dann doch wieder aufzunehmen. Letztlich nimmt er sein Schicksal an. Dann sagt der israelische Tänzer, der schon mehrfach bei dem Festival in Reutlingen aufgetreten ist, mit einem zaghaften Winken Richtung Publikum leise Servus. Als Choreograf wird er dem Tanztheater mit Sicherheit erhalten bleiben. »Farvel! Ich schließe eine Tür, aber eine andere ist gerade dabei, sich zu öffnen«. So hat Shamir selbst seine berührende Abschlussarbeit beschrieben. Kräftiger Applaus.

 

 

Abschied und gestundete Zeit

von Martin Bernklau
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 05.11.2018

 

Internationales Tanztheater − Gäste aus Berlin und Ulm bei der 21. Ausgabe des Minifestivals im Theater Die Tonne

 

REUTLINGEN. Zum ersten Mal gastierte das »Internationale Tanztheater« im neuen Domizil der Tonne. Es war die 21. Ausgabe des kleinen Festivals, das den Tanz herholt und (auch über die Workshops) Verbindungen festigt. Und sie war ganz gut besucht für einen Ferienfreitag.

 

Mit ihrer einstündigen Tanzperformance »Tom Waits - Tom wartet« begann Domenico Strazzeris Strado Compagnia Danza den Abend, die in Richard Meiers weißem Ulmer Stadthaus ihren Stützpunkt hat.

 

Das minimalistisch variable Bühnenbild aus 18 weißen Würfeln, drei für jeden Tänzer, bot zwar genug Bausteinvarianten und genug Fläche für eine schöne Lichtregie, es fehlte der Collage von Texten − bei Frauen wie bei Männern ganz auf Hall und mächtig in die Tiefe gedimmt − samt Songs von Tom Waits (und Joao Hoyler Correira) ein wenig die aus sich selbst heraus bildhaft bewegte Geschichte.

 

Erzählerische Poesie

Stattdessen szenisch bewegte Musik: Den getanzten Songst merkte man auch jenen starken Einfluss auf den Modern Dance an, der nicht aus dem Tanz, geschweige denn dem Ballett kam und kommt, sondern aus der choreografierten Musik − mit all den (militärhaft gleichgerichteten) Cheerleader- oder Boygroup-Formationen oder den spastisch zuckenden Bewegungen, die dort den Stil geprägt haben. Aber schöne Bilder und starke, tief hallende Sätze: »Ich warte darauf, dass etwas Großes passiert.« Und mal wieder eine Bühnenzigarette (in E), etwas Gestundete-Zeit-Rhetorik, bevor die Rote Riesin mit dem Megafon und die Schwarze Zwergin alle Sechse zum Finale rufen.

 

Beziehungsgeflechte in der Nähe und Trennen, im Kampf und Spiel, in Trauer und Ekstase mit mehr erzählerischer Poesie des Ausdruckstanzes zelebrierten der israelische Choregraf Yotam Peled und seine Partnerin Myriel Welling von der Berliner bOa-Dancecompany ihren Beitrag »Home.Alone«.

 

Das hatte mehr Erinnerung an den Pas de deux, mehr Momente klassischer Figuren, auch klassischer Körperbeherrschung. Die unglaubliche Kraftleistung von Yotam Peled bei der andauernden Hebeszene gegen Ende muss erwähnt werden, auch wenn sie mehr zum Sport als zur Kunst des Tanzes gehört.

 

Mit einer rätselhaften, geheimnisvollen Geschichte, aber eben mit einer Geschichte unter dem Titel »Farvel − Die Kraft des Abschieds« wartete zum Schluss der israelische Tänzer Yaron Shamir auf: Sieben Gewichte am Ledergurt im Schlepptau, kroch er aus einem Tor des Lichts heraus, während zwei Gewichte an Schnüren sich eine foucaulthaft pendelnde und eine ruhende Begegnung lieferten, bei der man stets einen finalen Zusammenstoß fürchtete − bis der Tänzer die Bewegung gegen Ende gewaltsam stillstellte. Dem eindrücklich meditativen Act zollte das Publikum ähnlich langen, aber weniger lauten Beifall wie den beiden Nummern zuvor.

 

Der stolze Hausherr Enrico Urbanek verteilte unter anhaltendem Applaus Rosen an die neuen Tänzer und anderen Kreativen der drei Truppen.

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