EXPEDITIONEN INS FREMDSEIN

von Armin Knauer

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 31.10.2011

 

REUTLINGEN. Hoch, runter, links, rechts. Schneller und schneller hetzen die Tänzer durch immer dieselben Bewegungsfolgen, bis einer nach dem anderen zu Boden sinkt. Da liegen sie nun, niedergedrückt, als lasteten Tonnen von Gewicht auf ihnen.

 

Ums Fremdsein ging es im zwölften Tanztheaterabend der Reutlinger Tonne am Freitag- und Samstagabend in der Planie-Spielstätte: ums Fremdeln mit der Gesellschaft, mit seinem Körper, der Welt an sich. Die Kompanie »urbanReflects« aus Freiburg verdichtet das in einem Thema, das derzeit in aller Munde ist: Burn-out. Jeder zappelt in seinem Job, bis er zusammenbricht. Choreografin Doro Eitel hat dafür Bilder entwickelt, die zwischen aufgedrehtem Aktionismus und äußerster Lähmung pendeln. Die vier Tänzer Christian Dittmann, Verena Hehl, Flurin Kappenberger und Marie Kolinsky setzen sie in grellweißer Umgebung zu maschinenartigen Geräuschen mit großer Dynamik um.

 

SPRÜNGE UND HEBEFIGUREN

Energiegeladen und sportiv wirkt das, mit Überschlägen, Kung-Fu-Sprüngen und Hebefiguren. Anfangs ist noch Geschlechterkrieg dabei samt Siegerposen wie bei der Großwildjagd; und am Ende wuseln die vier in Reinraum-Overalls durch eine Parodie auf den Arbeitsalltag im Halbleiterwerk. Beides wirkt etwas zu lustig für das zentrale Thema Burn-out. Denn dieser Strang endet makaber: Wenn sich die kollabierten Tänzer in Zeitlupe vom Boden erheben, haben sie sich in Zombies verwandelt - wie seelenlose Roboter hinken sie davon.

 

Für solchen Horror ist fast zu harmonisch, was nach der Pause folgt: Zwei kurze Stücke vom Ballett Pforzheim inszenieren anmutige Paarbegegnungen. Einmal zum (viel zu laut ausgesteuerten) Song »All Is Full Of Love« von Björk (Choreografie: Cornelius Mickel), dann zu einer geistlichen Arie von Vivaldi (Choreografie: James Sutherland). Im ersten Fall steht Frau Frau gegenüber wie ein Spiegelbild. Getanzt von Alexandra Andreeva und Julia Suschka geht es darum, sich im andern selbst zu erkennen, was in diesem Fall eine zart-sensible Angelegenheit ist. Im zweiten Fall trifft Frau (Risa Yamamoto) auf Mann (Yari Stilo) in Gestalt einer scheuen Annäherung.

 

Beide Pas de Deux sind geschmeidig getanzt, mit runden, harmonischen Bewegungen und nah am klassischen Ballett. Eine Augenweide! Nur fragt man sich, warum aus dem abendfüllenden Pforzheimer Programm »Man Machine«, das ja genau die Entfremdung in einer technisierten Welt thematisiert, gerade diese beiden idyllischen Stückchen ausgewählt wurden. Zwischen den düster-pessimistischen Brocken vor- und nachher wirkt das eher harmlos.

 

Denn mit »Red Eye Flight« (ungefähr: »Nachtflug«) des Israelis Yaron Shamir taucht man anschließend ein in eine gespenstische Zwischenwelt wie aus einem Stück von Samuel Beckett. Shamir und seine Bühnenpartnerin Anca Huma warten hier vielleicht nicht auf Godot, aber sie wälzen sich in ihren knöchellangen Roben auf dem puderbedeckten Bühnenboden; sie kriechen, robben, schleichen gebückt; und wenn sie sich aufrichten und herumwirbeln, dann in einer Art von panischer Verlorenheit.

 

VERSTÖRENDE KOMIK

In einer konzentrierten Bewegungssprache mit jähen Gesten und lauernden Haltungen drängt sich das Gefühl des Fremdseins zusammen. Das gipfelt in einer merkwürdigen Szene: Am Boden kauernd stoßen die beiden mit einem Mal ihre Füße senkrecht nach oben, und plötzlich blecken zwei Beinpaare und Hintern entblößt im Gegenlicht, als wären es Eindringlinge aus einer fernen Galaxis. So unerwartet dieses Bild auftaucht, ist es auch wieder verschwunden - ein Einfall von verstörender Komik, wie er von Beckett sein könnte.

 

Von Anca Huma gesprochene dunkle Texte verstärken das Mystisch-Rätselhafte dieses Ausflugs in ein Zwischenreich von Beklemmung und Isolation. Zweifellos das dichteste und packendste Stück des Programms. Insgesamt ein Abend, der eine immense Spanne des Tanztheaters geboten hat: von akrobatischem Körpereinsatz über sinnlich getanzte Eleganz bis hin zum fesselnden Ausloten psychologischer Abgründe. Das Publikum war begeistert - großer Beifall für Tänzer und Choreografen.

 

 

MASCHINE MENSCH

von Kathrin Kipp

REUTLINGER NACHRICHTEN, 03.11.2011

 

Es ging um ein brisantes Thema: um den Menschen als Arbeits- und Sinnsuch-Maschine. In der Tanztheater-Reihe der Tonne standen drei Choreografien aus Freiburg, Pforzheim und Israel auf dem Programm.

 

REUTLINGEN. »Unrestricted Exploitation« - unbegrenzte Selbstausbeutung: So heißt die Choreografie der Freiburger »Company urbanReflects«. Diese Gruppe hat sich unter der Leitung von Doro Eitel gesellschaftskritische Themen auf den Programmzettel geschrieben und nimmt das derzeit ja äußerst beliebte Burnout-Thema ins Visier.

 

Es geht also ums Knattern und Knechten bis zur totalen Erschöpfung, getanzt als energiegeladene Performance von vier Tänzerinnen und Tänzern. Die bringen mit Anleihen aus Artistik und Kampfkunst alle erdenklichen Erscheinungen der Arbeitswelt in recht konkrete Bewegungsbilder auf den Tanzboden - und zwar zu elektronisch durchgetakteter Musik, die sich immer mehr ins Hektische, Nervige und Dramatische steigert, bis irgendwann gar nichts mehr geht.

 

Tag und Nacht geht es um Konkurrenz, Druck, Krampf, Anlehnung, Ablehnung, Team- und Einzelkampf, Dominanz und Unterwerfung. Beweglichkeit und Flexibilität. Was halt so alles verlangt wird heutzutage. Die Musik kreischt, schlägt, rattert, knirscht, bis einer aus dem System fällt. Die andern kämpfen noch, bäumen sich noch einmal auf, bis auch sie alle auf dem Boden liegen. Totale Erschöpfung. Irrlichter, Rascheln und Rauschen.

 

Nichts geht mehr. Aber die »Company urbanReflects« ertanzt sich durchaus auch verschiedene Wege der Rehabilitation. Einer versucht´s allein, verliert sich aber in Zuckungen, während die andern drei ihr Tempo herunterschrauben und eine Gruppentherapie machen. Am Ende verwandeln sie sich alle in fröhlich tanzenden Menschen in Einmal-Handwerker-Schutzanzügen: Was das wiederum bedeuten soll, bleibt offenbar jedem Zuschauer selbst überlassen.

 

Eher balletthaft geht es bei den Tänzerinnen und Tänzern aus Pforzheim zu. Das dortige Ballett-Ensemble unter der Leitung von James Sutherland präsentiert zwei Ausschnitte aus ihrer experimentellen »Podiums«-Produktion »Man Machine - künstliche Paradiese«, bei der sich verschiedene Choreografen zum selben Thema präsentieren. Auch hier geht es um menschliche Grenzerfahrungen, um das Ausprobieren von Menschsein und das Sich-Wiederentdecken als Mensch in einer durchtechnisierten Welt. Das allerdings in sehr viel abstrakterer Weise als zuvor: Die Tänzer(innen) bringen ihre Anpassungs- und Widerstandsversuche an die neuen Lebensbedingungen zur Musik von Björk und Vivaldi sehr geschmeidig, aber auch zackig zum Ausdruck. Am Ende gibt es sogar noch einen kurzen Moment der Leidenschaft. »Red Eye Flight« (was hier so viel heißt wie Nachtflug) des israelischen Choreografen Yaron Shamir beschreibt tänzerisch eine Art Jetlag, eine Situation »zwischen zwei Zuständen«, ein »Spannungsfeld des erzwungenen Neuentdeckens«.

 

Seine Mittänzerin ist Anca Huma, die auch ein wenig politisch-philosophischen Text spricht: »Die Beschäftigung mit dem Tod spendet Lebhaftigkeit. « Die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten jedenfalls spiegelt sich wider in einer leicht mystischen, archaischen Performance in Schwarz und Rot und langen Kleidern. Auf der Bühne herrscht eine Art pudergenerierter Sandsturm, der durchaus auch Kriegs- und Wüsten-Assoziationen hervorruft, andererseits die Figuren wie marmoriert oder gemalt erscheinen lässt.

 

Und so müssen sich die Menschen immer wieder an neue Bedingungen anpassen. »Veränderung ist erfrischend«, sagt Anca Huma. Und: »Ich habe mich mit dem temporären Frieden arrangiert«.

 

TANZTHEATERREIHE DER TONNE IN DER PLANIE 22

Das Tanztheater ist eine relativ junge Kunstform. Im Gegensatz zum klassischen Ballett steht hier das Theatralische des Tanzes im Zentrum. Pina Bausch, Reinhild Hoffmann und Sasha Waltz sind prägende Namen. Das Reutlinger Tonne-Theater präsentiert seit 2005 renommierte Tanztheater-Ensembles in der Planie 22.

 

 

AKROBATIK, MYSTIK, BEKLEMMUNG

von Moritz Siebert
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 02.11.2011

 

12. Internationales Tanztheater in Reutlingen mit fesselnden Choreografien

REUTLINGEN. Aus dem Dunkeln tritt eine Frau hervor, die nur an Konturen zu erkennen ist. Eine unnatürliche Geste deutet an: etwas entflieht ihrem Herzen, etwas geht verloren. Drei weitere Gestalten treten dazu und plötzlich durchfluten gleisendes Licht und laute Musik den Saal. Es kommt zum Streit, zum Kampf, zu Annäherungen - in einer wilden, akrobatischen Choreografie entwickelt sich allmählich ein Schauspiel.

 

Die vier Akteure ziehen sich an den Haaren, ohrfeigen sich selbst und erleiden Qualen, bis sie erschöpft und schweißgebadet zusammensinken. Begleitet von Industrielärm mutieren sie zu Robotern und eine zarte Frauenstimme singt aus dem Off: »I have to walk, I have to work«. Der gesellschaftskritische Bezug, den die Company urbanReflects in »Unrestricted Exploitation« (Choreografie von Doro Eitel) aufzeigt, wird deutlich: Die Wettbewerbsgesellschaft führt den Menschen zur Selbstausbeutung und bringt ihn zum Zusammenbruch.

 

Mit dem zweiten Act des Abends, Ausschnitte aus dem Tanztheater »Man Machine« des Pforzheimer Balletts, folgte ein eher klassischer Kontrast. In einem Konzept von Robert Eikmeyer und James Sutherland gingen zwei Tanzpaare der Frage nach, inwiefern der Mensch bei der zunehmenden Technologisierung der Welt tatsächlich noch Mensch sein kann. Mit stoischem Blick, extremer Körperspannung und zarten, kontrollierten Bewegungen begeisterten Alexandra Andreeva, Julia Suschka, Risa Yamamoto und Yari Stilo die Zuschauer in der an beiden Abenden ausverkauften Spielstätte der Planie 22.

 

Für den emotionalen Höhepunkt des Abends sorgte dann »Red Eye Flight« von Yaron Shamir mit einem Pas de deux. Elektrogeräusche scheinen die beiden Tänzer (Anca Huma und Yaron Shamir) zu bewegen und bei jedem Schritt stäubt der weiß präparierte Boden auf. Huma, in rotem Kleid, windet sich, verausgabt sich, scheint gegen Dämonen und den Tod zu kämpfen. Im Hintergrund wirkt Shamir, ganz in schwarz gekleidet, wie eine ständige Bedrohung. Dunkler Raum, Staubwolken und Musik erzeugen eine beklemmende wie unheimliche Atmosphäre. In der durchgehend fesselnden Choreografie von »Red Eye Flight« stellen Huma und Shamir Wahrnehmungsverlust und Verfremdung dar.

 

Mit Akrobatik, Aggression, Anmut und Mystik wies das Programm des zwölften Internationalen Tanztheaters enorme Vielfalt und Gegensätzlichkeit auf. Der thematische Leitfaden blieb dabei stets deutlich.

 

 

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