IN ARBEITSKLEIDUNG

von Monique Cantré

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 22.10.2012

 

REUTLINGEN. Die Aufgabe für jeweils vier Choreografen und vier Komponisten lautete, zu einem vorgegebenen Thema unabhängig voneinander eine Choreografie mit zugeteilten Tänzern soiwe eine Komposition zu erarbeiten. An vier Tagen jeweils ein anderes Thema. »Risk To Fail« nannte die Tonne vorsorglich das ambitionierte Projekt: Risiko zu scheitern.

 

Die zusammengeführten Ergebnisse wurden in der ausverkauften Planie 22 am Samstag (Wiederholung gestern) vorgestellt, kamen indes übers Experimentelle nicht hinaus, was nicht bedeutet, dass der Abend verschenkt gewesen wäre. Allein schon die sechs Tänzerinnen und vier Tänzer aus aller Herren Länder in Aktion zu sehen, vermittelte ein hohes Maß an Ästhetik und Vitalität. Und ein paar tänzerische Glanzlichter funkelten durchaus.

 

Als Moderatoren gaben Projektleiter James Sutherland und Intendant Enrico Urbanek Verständnishilfen für die 16 jeweils etwa fünfminütigen Tanzstücke zu denen noch eine Choreografie des behinderten Reutlinger Tanztalents Bahattin Güngör kam, die sich verspielt und schematisch den Raum aneignete.

 

ELEKTRONISCHE KLÄNGE
Die Tanzfläche war ohne Dekoration und die Akteure tanzten laut Urbanek in »Arbeitskleidung«, nämlich in ihren bequemen Trainingsklamotten. Die Musiken der vier Komponisten kamen bis auf eine Ausnahme (Flügel und Stimme) vom Band und bedienten sich fast ausschließlich elektronischer Klänge samt vielfältiger, mitunter recht lärmender Geräusche aus Industrie, Verkehr und Natur. Sie schienen für vieles passend. Erstaunlicherweise steckte in den Kompositionen wenig Rhythmus, ganz entgegen der landläufigen Meinung, Tanzschritte folgten dem Takt der Musik.

 

Die Tanzstücke, autonom entstanden und sicherlich auch von der Persönlichkeit der Tänzer abhängig, folgten ihrem eigenen Rhythmus und wirkten beim ersten Thema »Visitenkarten« noch etwas unentschieden. Aufmerken ließ dabei die Arbeit von Minka-Marie Heiß mit Maya Böcherer und Rutsuki Kanazawa, die sich in mutiges Selbstbewusstsein bis zur Entäußerung vorarbeiteten.

 

Am formal ergiebigsten war die Aufgabe »Kanon und Kontrapunkt«, die die Kontraste der Tanzsprache auf vielfältige Art versinnlichte. Schön dabei die traumwandlerische Aneignung der Synchronität in Raffaele Iraces Stück oder der Witz bei Heiß´ Stühle-Choreografie. Eingängige theatrale Formen gewann auch die Aufgabe »Grenzen und Freiheit«, wobei erneut Minka-Marie Heiß mit ihrem Pas de deux über die Kraft und Balance der Zweisamkeit mit Ole Driever und Silke Woschnjak hervorstach. Auch das Stück von Teresa Isabella Mayer, das Volkstanz-Elemente und folkloristische Chormusik von Belma Bešlić-Gál kombinierte, kam gut an.

 

Das letzte Thema hieß »Beschleunigung und Rondo«, das zu Kathrin Denners Livemusik mit direkt bearbeiteten Klaviersaiten und Hanna Kerstens Vokalisen ein von Tu Hoang kreiertes kleines, fieses Drama mit Maya Böcherer, Silke Woschnjak und Gino Abet auf die Bühne brachte. Am Ende gab es für das ganze Team herzlichen Beifall.

 

 

ZURÜCK ZU DEN WURZELN

von Kathrin Kipp
REUTLINGER NACHRICHTEN, 22.10.2012

 

REUTLINGEN. Bei der Präsentation der Ergebnisse des Internationalen Forums für Choreografie und Komposition in der Tonne-Spielstätte am Samstagabend in der Planie 22 gab es vor allem eines zu bestaunen: Vielfalt.

 

Modernes, experimentierfreudiges und internationales Tanztheater hat ja mittlerweile schon Tradition an der Tonne. Für dieses Mal haben sich Enrico Urbanek und James Sutherland vom Ballett Pforzheim aber etwas ganz Besonderes ausgedacht: Vier Choreografen sollten mit jeweils vier Komponisten eine Woche lang zusammenarbeiten und gemeinsam mit zehn Tänzern relativ spontane Short-Acts erarbeiten.

 

Das Ergebnis: 17 kleine, aber feine Tanz- und Musik-Kreationen - jeweils nur »Skizzen« einer Choreografie, wie James Sutherland bei der Präsentation betont: Diese gäben aber immerhin »einen Einblick in den Hintergrund einer Produktion«. Vor allem die Tänzer, die ja in wenigen Tagen jede Menge Schrittfolgen einstudieren mussten, zeigen Höchstleistungen. Und halten bei der Präsentation trotzdem die Spannung. Sogar, wenn sie mit verbundenen Augen tanzen, wie in der choreografischen Blindstudie von Teresa Isabella Mayer voller Luftsprünge, einem Kuscheltier und babylonischem Sprachgewirr. Kein Wunder, nicht nur die Tanzregisseure und die Geräuschemacher, auch die Tänzer selbst kommen aus aller Welt. Aber die Sprache der Musik und des Tanzes ist ja schließlich überall verständlich - oder eben auch nicht, denn vieles kommt relativ abstrakt daher, und das Tanzalphabet lässt sich nicht so einfach dekodieren, sondern funktioniert ja eher auf geheimnisvolle Weise.

 

In der Tonne-Planie wiederum bekommen vor allem die Stücke Fortissimo-Beifall, bei denen das Publikum Wiedererkennbares entdecken konnte, Nachvollziehbares, oder einfach nur Schönes. Oder Originelles. Oder Stücke mit viel Interaktion. Wo Dynamik und Gefühl im Spiel sind. Und manche Stücke funktionieren deshalb, weil es eben doch etwas zu deuten gibt. Man wollte diesmal ausdrücklich ohne den üblichen Bühnenzauber wie Licht oder Kostümierung auskommen. Ganz nach der Maxime: zurück zu den Wurzeln.

 

Und auch die Musik, vielmehr die Geräuschkulisse, ist nicht unbedingt zum Dahinschwelgen, denn sie besteht aus betont synthetischen, linearen, stressigen, ungeschliffenen oder realistischen Sounds: maschinelle, kreischige, bedrohliche Industrie-Klänge, schmerzhafte Ohrwürmer, akustisches Geschiebe, Gezerre und Gekratze, aber auf jeden Fall urban. Auch wenn der ein oder andere naturale Höhlensound dazwischen tropft, und manchmal sogar ein wenig Rhythmus im konventionellen Sinne hinzukommt. Vor allem Komponist Michio Woirgardt bringt viel Abwechslung und Dynamik ins Spiel, klingt sowohl bombastisch als auch meditativ, schrill, schräg, harmonisch. Sein Markenzeichen: verzerrte Gitarren, die sich in harten Rhythmen gefallen und in verhackselten Klanggebäuden auflösen.

 

Optisch gestaltet dazu unter anderem Choreografin Minka-Marie Heiß das erste Highlight mit einer echt schönen Tanznummer (mit Maya Böcherer, Rutsuki Kanazawa). Von Minka-Marie Heiß stammt auch eine originelle Stuhl-Performance irgendwo zwischen »Reise nach Jerusalem«, Kanon des Schreckens und tänzerischem Platzkampf. Die Musik von Wen Liu setzt dazu den völlig unhektischen Kontrapunkt, mit fast hymnischer Orgel. Ansonsten zeigen die Choreografien viele Muster, die wiederholt, variiert oder gebrochen werden, Drehmomente am Boden und in der Luft. Alles von Breakdance über Ballett bis Psycho. Kontrolle, Kontrollverlust, Vertrauen und Sichgehenlassen. Symbiose und Vereinzelung. Gefühl und Kälte. Balance und Haltung. Aggression und Nähe. Verstand und Körper. Synchronizität und Gegensatz. Struktur und Beliebigkeit.

 

Die Themen lauten »Freiheit und Begrenzung«, »Kanon und Kontrapunkt«, »Beschleunigung und Rondo«: Bei solchen Themen hätte Bach fröhlich mitgetanzt. Auch Tonne-Tänzer Bahattin Güngör choreografiert als »special guest« ein Stück zwischen »Grenzen und Freiheit«: Balance halten, die Umwelt abzirkeln, Körper erfahren und Situationen ausloten. Die Musik dazu kommt von Kathrin Denner: Dampfventil mit Trompete.

 

Dann wieder befreit sich Tänzerin Maya Böcherer aus dem engen Bewegungskorsett des bulgarischen Volkstanzes. Andere können sich nur als Symbiose fortgewegen: Ole Driever und Silke Woschnjak bieten dabei schon fast konkrete Kunst. Und konkret wirds dann am Klavier, als Kathrin Denner live die Saiten behämmert und beklöppelt und Hanna Kersten dazu ganz zeitgenössisch singt, während Füße, Beine und andere Körperteile durch den Theater-Vorhang kriechen: Herrlich.

 

 

 

 

 

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