INTERNATIONALES TANZTHEATER XV: DAS HARTE LEBEN AUF DER PLATTE

von Christoph B. Ströhle

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 10.02.2014

 

Bühne - Der Abend »Internationales Tanztheater XV« bietet in der Planie 22 Packendes, Anmutiges und Verstörendes

 

REUTLINGEN. Fünf Stücke, fünf unterschiedliche choreografische Handschriften hatte das »Internationale Tanztheater« der Tonne am Wochenende zu bieten. Dabei erwiesen sich gerade die kürzeren Darbietungen als besonders eindrucksvoll. Die von Nozomi Matsuoka getanzte Arbeit des Pforzheimer Ballettdirektors James Sutherland »Lamb of God« (»Lamm Gottes«) zum gleichnamigen Song von Marilyn Manson war mit ihrer kraftvoll-geschmeidigen, sich in stetem Fluss befindlichen, klaren Körpersprache absolut packend.

 

Nur von einer – von Sutherland geführten – mit durch den Raum tanzenden Taschenlampe beleuchtet, spielte sich diese Vitalitäts- und Anmutsentladung im ansonsten völlig dunklen Raum ab. Ein ganz Vom-Licht-abhängig- und doch Bei-sich-selbst-Sein. Faszinierend.

 

LICHT UND SCHATTEN DES WISSENS

Licht als Bezugspunkt im Raum spielte auch in dem von Clément Bugnon und Matthias Kass von der Company Idem choreografierten und getanzten 20-Minuten-Stück »1.618« eine Rolle. Den Goldenen Schnitt, eben jene 1.618, hatten die Akteure, darunter Lichtdesigner Besim Morina, wie einen Code zugrunde gelegt, der bewegungsmäßig und räumlich die Proportionen bestimmte, auch, was die Höhe und Strahlkraft der Lampen anging. Als thematische Linie ließ sich der Wille zur Aufklärung, das Streben nach Perfektion und Erkenntnis, im englischen Sprachraum als »Enlightenment« bezeichnet, herauslesen.

 

Inspiriert, spielerisch eigneten sich die Tänzer den Raum durchmessend das Licht an. Für das Streben nach dem Idealen stand Johann Sebastian Bachs »Kunst der Fuge« als Kernpunkt der unterlegten Musikcollage. Bombengeräusche markieren die Kehrseite, das Zerstörerische, das allem Wissen innewohnt. Und so wie sich die Tänzer um die goldene Mitte im Glanz des Lichts stritten, konnte man sich vorstellen, dass der Goldene Schnitt auch in die Konstruktion der perfekten Waffe oder in die Kunst, eine Stadt zu bombardieren, einfließt. Ein bildstarkes Stück voller Denkanstöße.

 

Sich ganz zurücklehnen und genießen konnte man bei »Exploration«, einem Improvisations-Solo von und mit Anthony Kirk. In fließenden Bewegungen offenbarte sich hier wunderbar unverkopft die pure Freude am Spiel, am Sichausprobieren fern aller Regeln und Konventionen. Ein lebendig-schöpferischer Akt auf der Bühne, eine Tanzleidenschaft mit erheblicher Ausstrahlung. Kurz und knackig.

 

»Verstrickung« hieß ein weiteres kürzeres Stück. Dabei war der Titel dieser fesselnden Darbietung Programm. Choreograf Matthias Kass schickte Alice Baccile, Matthew Branham und Clément Bugnon mit Schnüren verbunden auf die Bühne. Anfangs in einem Dreieck stehend verstrickten sie sich mit jeder Bewegung weiter miteinander, wurden mit Temperament und Eigenwillen, in Vereinzelung und Zweisamkeit zu Strippenziehern der Gruppe und ihrer selbst. Befreiungsversuche waren ab einem bestimmten Punkt müßig. Heillos zu einem Knäuel geworden, fiel den Tänzern die Schlussverbeugung und der Abgang von der Bühne schwer.

 

BILDER VON ARMUT UND DEPRESSION

Mit Maura Morales’ Langstück »Don Nadie« (»Herr Niemand«), zu der von Michio komponierten und auf der Bühne live performten Musik, hatte der Abend begonnen. Morales und ihre Mittänzer Matthew Branham, Matthias Kass und Anthony Kirk erzählten in verstörenden Bildern vom zermürbenden Alltag von Menschen in Obdachlosigkeit, von Alkoholsucht und kaltem Entzug, von Armut und Depression.

 

Was streckenweise etwas kühl und schablonenhaft wirkte, erwachte in einer Ménage-à-trois »auf der Platte« zwischen gegenseitiger Abstoßung und Liebkosung zu echtem Leben. Die Tänzer gaben in der knapp eine Stunde währenden Aufführung ihr Äußerstes, überzeugten einzeln und im Ensemble. Am Ende fühlte man sich als Zuschauer wie durch die Hölle gegangen. Sämtliche Akteure ernteten frenetischen Applaus.

 

 

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