Der endlose Wettlauf um Anerkennung

von Jürgen Spiess

REUTLINGER NACHRICHTEN, 09.03.2015

 

Zum 16. Mal präsentierte die Tonne an zwei Abenden Internationales Tanztheater in der Planie 22: Vier Choreografien gab es zu sehen. Im Zentrum standen Beziehungen aller Art und das Ringen um Freiheit.

 

Vier Beiträge, vier unterschiedliche Ansätze: Wo die 15 vorherigen Tanztheaterfestivals der Tonne aufgehört haben, da macht die jüngste Ausgabe weiter. Schnell, experimentell, spannend, verstörend, entlarvend, dramatisch, cool sind die Choreografien, die sich zu höchst abwechslungsreichen zwei Stunden zusammenfügen.

 

Beziehungen aller Art und das Ringen um Freiheit spielen bei allen vier Stücken des Abends eine Rolle. Die Uraufführung »Astrodicticum Simplex« der Schweizer Company Idem führt uns zunächst in die Tiefen des Universums, zeigt den planetaren Kampf zwischen Bewegung und Stillstand. Ein Mann (Islam El Shafey) dreht sich um die eigene Achse, mit den Beinen fixiert auf einer Apparatur, die jedes Ausbrechen verhindert. Der Tänzer symbolisiert einen Fixstern, der sich dreht und kreist, ohne Fragen zu stellen, der in seiner Gewohnheit und Routine gefangen scheint. Schließlich befreit er sich doch aus der rotierenden Bewegung und gleichzeitig aus seiner Bestimmung. Doch was soll er anfangen mit der ungewohnten Freiheit? Ist er überhaupt schon bereit für sie und kann er mit ihr umgehen? Die Versuche des Planeten, sich ein kleines Stück Freiheit zu erobern, scheitern letztendlich.

 

Die griechisch-deutsche Compagnie Porson's Khashoggi führt uns ein Duell zweier politischer Selbstdarsteller vor, die sich »Zeno & Nero« nennen, die aber auch gut und gerne für Angela Merkel und Alexis Tsipras stehen könnten. Oder sind die beiden doch ein und dieselbe Persönlichkeit? Ständig versuchen die Tänzer Xenia Alexandrou und Andrea Rama, sich gegenseitig zu manipulieren oder den Bewegungsspielraum des anderen einzuengen. Man schneidet sich gegenseitig den Weg ab, provoziert, bedroht, beäugt, jagt den anderen in die Ecke oder entblößt ihn. Die Blicke und Bewegungen der Tänzer (oder auch mal die Merkel-Raute) scheinen das dahinter liegende Vakuum zu spiegeln, das Politik oft ausmacht. Die Selbstdarstellung erfolgt hier über die Bewegung. Ein Dialog oder eine Annäherung kommt nicht zustande.

 

Beim folgenden Solostück der Spanierin Sonia Rodríguez ist das Dunkel der Ausgangspunkt aller Dinge. »Caos« schildert die durchaus schmerzhafte Auseinandersetzung mit der Fülle an Möglichkeiten, die uns die moderne und globalisierte Welt scheinbar bietet. Sonia Rodríguez' furioser Tanz gleicht einer traumartigen Suche nach dem eigenen Ich, verdichtet durch die Gegensätze von Licht und Dunkel, Natur und Technik. Ihre halsbrecherischen Bewegungen werden begleitet von ätzenden Pfeiftönen und verrauschten Noiseattacken, die sich unbarmherzig in die Gehörgänge der Zuhörer meißeln.

 

Beim abschließenden Stück »Use Your Name« der drei Choreografen Vito Alfarano (Italien), Na Hoon Park (Südkorea) und Yaron Shamir (Israel) geht es um interkulturellen Austausch, um verlorene Identitäten und um den Versuch, sich aus der Gleichmacherei der Globalisierung zu befreien. Die Angst vor Isolation sowie Identitätsverlust und der endlose Wettlauf um Anerkennung sind jederzeit spürbar. Die drei Tänzer - alle in weißen Anzügen und mit einer Art Knebel ausgestattet, der an den Kultkannibalen Hannibal Lecter erinnert - heben die Gesetze des konventionellen Tanzverständnisses teilweise auf, schaffen dadurch aber eine ganz eigene Spannung und Ästhetik.

 

Fazit: Bei der 16. Ausgabe des Internationalen Tanztheaterfestivals erlebt das Publikum wandlungsfreudige Tänzer, die mit ihren Choreografien einen Blick auf den Zustand der Welt wagen. Die Reaktion des Publikums? Vor allem beim abschließenden Stück lange anhaltender Beifall.

 

 

Der Spielraum des Individuums

von Heiko Rehmann

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 09.03.2015

 

REUTLINGEN. Sphärische Musik schallt durch den Saal, der Tänzer dreht sich beständig um die eigene Achse. Vier verschiedene Choreografien setzten sich am Freitag- und Samstagabend beim »Internationalen Tanztheater XVI« des Theaters Die Tonne in der Planie 22 auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Platz des Individuums in seinem Leben auseinander und loteten dabei die verschiedenen Sprachen des modernen Tanzes aus. Zum 16. Mal lud die Tonne zum »Internationalen Tanztheater« in die Planie 22 ein. Das Bild zeigt die Tänzer und Choreografen Yaron Shamir, Vito Alfarano und Na Hoon Park im Tanzstück über Identität »Use your name«.

 

Islam El Shafey tanzt in der Choreografie von Matthias Kass und Clément Bugnon nur mit seinem Körper. Die Füße sind festgeschnallt auf einem Brett, das von kräftigen Federn gehalten 20 Zentimeter über dem Boden schwebt. Die ganze Zeit muss er balancieren, um nicht herunterzufallen, und kann doch nicht vom Fleck. Dafür kreist er um die eigene Achse wie ein Planet.

 

Geschmeidig bewegt er sich durch den engen Raum, der ihm gegeben ist. Wellenbewegungen entstehen aus der Körpermitte und strahlen bis in die Extremitäten aus. Man sieht es ihm an, dass er vor seiner Ausbildung in Contemporary Dance in der Hip-Hop- und Breakdance-Szene zu Hause war.

 

Am Ende gelingt es ihm, sich aus den Schuhen zu befreien, die ihn an das Brett fesseln. Er stürzt nieder und tanzt mit dem Boden weiter, als könnten seine Füße keinen Tanz tragen. So wird er zum Sinnbild des Menschen, der unermüdlich um seine Freiheit kämpft und diese nicht leben kann, sobald er sie endlich erlangt.

 

Ausgefeilte Körpersprache

Das Tanzpaar Matina Kokolaki und Andrea Rama zelebriert in der von Rama und Xenia Alexandrou geschaffenen Choreografie Tanz als Nicht-Beziehung und stellt damit die übliche Funktion dieser Kunst auf den Kopf. Sie präsentieren sich als die zwei Seiten einer Person, die nicht recht zueinanderfinden wollen.

 

Sie reagieren aufeinander, ohne miteinander in Beziehung zu treten. Er geht nach rechts, sie nach links. Sie duckt sich, er lässt seine Arme über ihrem Kopf kreisen. Sie schütteln sich die Hände und schauen dabei in entgegengesetzte Richtungen. Zwei Bilderrahmen baumeln verloren von der Decke, durch die sie gelegentlich ins Publikum schauen. Mit den Mitteln des Contemporary Dance und mit ihrer ausgefeilten Körpersprache führen sie uns vor, wie der Mensch auf seinem Ego-Trip weder mit sich noch mit anderen eine Verbindung herstellen kann.

 

Drei Neonröhren, die abwechselnd blinken, Musik, die sich anhört wie die Signale eines Störsenders. Eine Bewegung, die aus der Dunkelheit entsteht und in der Dunkelheit endet. In ihrer Choreografie »Caos« beschreibt die Spanierin Sonia Rodríguez das Leben als einen Tanz, der sich spiralförmig durch das Chaos bewegt, ohne Anfang und ohne Ende. Sie tanzt enorm dynamisch und virtuos.

 

Bewegung in Zeitlupe

Die Körperspannung verrät ihre klassische Ausbildung, die sie um sämtliche Ausdrucksformen des modernen Tanzes erweitert. Sie dreht sich präzise um die eigene Achse, sie tanzt mit dem Boden wie mit einem Partner, sie bewegt sich geschmeidig und mit höchstem Körperbewusstsein. Eine Schüssel mit Kieselsteinen symbolisiert das Chaos des Lebens, denn diese fallen auf die Bühne nicht, wie sie sollen, sondern so, wie sie wollen.

 

Der Italiener Vito Alfarano, der Südkoreaner Na Hoon Park und der Israeli Yaron Shamir setzen sich in ihrer selbst getanzten Choreografie mit dem Thema Identität in einer von Informationen überfluteten Welt auseinander. Zu einer Musik, die wie ein bedrohliches Grummeln klingt, tanzen sie teils in Zeitlupe, teils recht dynamisch und bauen immer wieder Elemente aus der Kontaktimprovisation in ihren modernen Tanzstil ein.

 

Am Ende steht Yaron Shamir nackt auf der Bühne, die Arme ausgebreitet und die Frage im Gesicht: »Wer bin ich?«

 

 

Macht und Manipulation

von Bernhard Haage

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 09.03.2015

 

Beim 16. Internationalen Tanztheater in Reutlingen wurde auch mit Steinen getanzt

 

REUTLINGEN. Ber der 16. Auflage des Reutlinger Tanztheaterfestivals, veranstaltet vom Reutlinger Theater Tonne, gaben am Wochenende Choreographinnen und Choreographen, Tänzerinnen und Tänzer aus vielen Ländern Einblicke in die zeitgenössische Tanztheaterszene.

 

Den Auftakt machte das Stück »Astrodicticum Simplex« der Schweizer Company idem mit einem interessanten Bühnenaufbau: Eine mit großen Stahlfedern gefederte Drehscheibe auf der in Skistiefeln angeschnallt, der Tänzer agiert. Diesmal war es nicht Matthias Kass oder Clément Bugnon, die beiden hielten sich als Choreographen im Hintergrund. Stattdessen haben sie mit Islam El Shafey einen hervorragenden Solisten gecastet, der sich bei der Uraufführung in Reutlingen um sein eigenes Universum drehte. Einer wie er braucht nicht unbedingt Beine zum Tanzen. Er macht das vorwiegend mit seinen Händen, dabei betastet er den Oberkörper, als müsse er sich der eigenen Existenz versichern, gerät schon mal ins Roboterhafte, schafft es schließlich sogar, sich von der Drehscheibe zu befreien - und dreht sich ohne Scheibe um sich selbst. Starke Eröffnung.

 

Es folgte »Zeno&Zeno« eine schon ältere, aber zeitlose Produktion der Compagnie Porson´s Khashoggi. Choreographin und Tänzerin Xenia Alexandrou tanzte mit Andrea Rama eine weibliche und eine männliche Person. Wechselseitig versuchen sie sich in den Schatten zu stellen, bei öffentlichen Auftritten zu übertrumpfen. Vielleicht sind sie Politiker, wofür Fernsehauftritte sprechen könnten, die sie hinter silbernen Rahmen zelebrieren. Jedenfalls geht es um Macht, Dominanz und gegenseitige Manipulation. Einige der Abläufe wiederholen sich - quälend oft. Wie im richtigen Leben.

 

Mit dem Leben beschäftigt sich auch »Caos« von Sonia Rodriguez. Die Spanierin spielt mit dem Licht und mit Klängen. Letztere gehen sägend und pulsierend an die Nerven, bis Rodriguez irgendwann Steine auf die Tanzfläche rieseln lässt, was nach der synthetischen Dröhnung als Genuss empfunden wird. Dazu tanzt sie kraftvoll und enorm expressiv das Ringen um Gleichgewicht inmitten der unendlichen Fülle an Möglichkeiten. Eigentlich uferlos, wäre das nicht das Licht, das erst angeht und am Schluss wieder aus.

 

Mit »Use Your Name«, dem längsten Stück, beschlossen Vito Alfarano, Na Hoon Park und Yaron Shamir den Abend. Italiener, Koreaner und Israeli haben das Stück, bei dem es um Identität geht, beim Seoul International Dance Festival gemeinsam erarbeitet. Mit Knebeln im Mund tanzen sie miteinander, nebeneinander und manchmal auch gegeneinander auf der Suche nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Interessant die Gestik von Na Hoon Park, der immer bedacht ist, sein Gesicht zu wahren. Dagegen relativ hemmungslos Alfarano und Shamir, letzterer gibt am Schluss sogar einen überflüssigen nackten Jesus. Aber die tänzerische Leistung war dennoch stark.

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