Aneignung und Verlust

von Christoph B. Ströhle

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 23.04.2018

 

Internationales Tanztheater - Tonne-Minifestival mit anspruchsvollen zeitgenössischen Stücken und einer Uraufführung

 

Umzugsbedingt hat das Reutlinger Theater Die Tonne mit seiner Reihe »Internationales Tanztheater« länger pausiert. Für das Publikum hat sich das Warten gelohnt. Was die Künstler am Freitag und Samstag – erstmals in der neuen Spielstätte in der Jahnstraße – zeigten, berührte, begeisterte und ließ staunen.

 

Zum 20. Mal schon füllten Choreografen aus dem In- und Ausland das Vielseitigkeit in den Vordergrund stellende Format. Mit »Holy Cows, part 2 – Staying«, choreografiert von dem in Berlin lebenden Israeli Yaron Shamir, eröffnete gar eine Uraufführung die gut besuchten Abende. Tänzerin Nora Vladiguerov, die vom 27. April an wieder in der Tonne-Produktion »Through Roses« zu erleben ist, gab dem Solo über das Heimischwerden und Wurzelschlagen in einem fremden Land große Eindringlichkeit, Anmut und Würde.

 

Entlang einer roten Bodenmarkierung, die den vorgefundenen Raum absteckt, die Schritte wohlüberlegt setzend, orientiert sich die Tänzerin zugleich an einer im Raum platzierten rot-schwarzen Kuh, die für eigene oder überlieferte Prinzipien und alles steht, was einem Menschen wichtig ist. Gedanken in einer fremden Sprache werden eingespielt. Als dieser Sprache nicht mächtiger Zuschauer rückt man selbst ein Stück weit in die Position des Fremden, der verstehen will und stark auf das, was nicht nur mit Worten vermittelt wird, angewiesen ist.

 

Die Sprache des Tanzes scheint auch deutlich zu machen, dass Herz und Verstand beim Knüpfen von Bindungen nicht immer gleichziehen. Poesie und Kantigkeit (auch in der Musik von Giorgos Papadopoulos) schließen sich nicht aus, die Aneignung von Neuem und das Bewahren von Mitgebrachtem wollen untereinander ausgefochten sein – produktiv, doch längst nicht immer ohne Reibungsverluste. Für die Zuschauer ist Nora Vladiguerovs Tanz ein bestrickend intensives Erlebnis.

 

Erfrischend anders als vieles, was man kennt, kommt das zweite Stück des Abends, die von Guy Shomroni und Yaniv Abraham geschaffene Choreografie »Ambush« daher. Die vier Tänzerinnen und Tänzer der Resodancer Company aus Lyon brennen ein regelrechtes Bewegungsfeuerwerk ab.

 

Kaleidoskopartig bekommt man als Zuschauer stets neue zwischenmenschliche Konstellationen vorgesetzt, Situationen und Bilder, die mal das Miteinander evoziert und die mal den Erinnerungen und Bedürfnissen eines Einzelnen entsprungen scheinen. Intim, kühn, frech, romantisch (unter Verwendung eines Yves-Montand-Chansons), sprunghaft, ständig in Bewegung ist das Ganze.

 

»Ambush« bedeutet »Überfall aus dem Hinterhalt«. Atemlos, wie das Leben einen mitunter zurücklässt, stellt das Stück, das Laura Lamy, Claire-Marie Ricarte, Ludovic Collura und Tristan Robilliard überzeugend auf die Bühne bringen, sich dar. Auch Elemente des Jazz sind eingearbeitet.

 

Getanzte Sucht

Nach einer längeren Pause sieht sich das Publikum im großen Tonne-Saal vier »Queens of Diamonds« gegenüber. Yaron Shamir hat das gleichnamige Stück, eine Chroeografie aus dem Zyklus »Verlangen«, in Koproduktion mit der JuWieDance Company und dem Societaetstheater Dresden geschaffen. Jule Oeft, Vera Ilona Sterli, Nora Vladiguerov und Risa Kojima heißen die Tänzerinnen, die diese »Karo-Damen« (so die deutsche Übersetzung) absolut packend verkörpern. Barbusig zunächst, gefallen sie sich bald als Glücksspielerinnen im Kasino des Lebens in herrschaftlich weißen Kleidern. In Schwarz gewandet steigern sie sich in den Rausch, in die Sucht hinein.

 

Wie der Tanz zieht auch die eingespielte Musik von Stefan Menzel alias Sandrow M sämtliche Register von verträumt bis getrieben. Am Anfang und am Ende stehen auf Schwyzerdütsch vorgetragene Ermahnungen, was zu tun und was tunlichst zu lassen ist.

 

Nach reichlich Drama zeigen die Tänzerinnen dem Publikum ihre leeren Hände. Die Zuschauer nutzen die ihren, um allen am Abend Beteiligten lange und herzlich applaudierend Dank auszudrücken.

 

 

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