Lieder gegen Unterdrückung

von Jürgen Spieß

REUTLINGER NACHRICHTEN, 26.09.2020

 

Reutlingen − Heiner Kondschaks musikalisch-szenische Revoluzzer-Revue »Keine Macht für niemand« feierte am Donnerstag am Theater Tonne Premiere.

 

Die annähernd 500 Jahre zwischen dem Deutschen Bauernkrieg und Greta Thunberg in einer Musikrevue mit zehn Darstellern, davon drei Musiker und drei Chorsänger in Coronazeiten auf die Bühne bringen. Geht das überhaupt? Es geht − und in der mit viel Emotionen, Aufbegehren, szenischen Einlagen und ironischen Anspielungen gespickten Collage von Heiner Kondschak ganz hervorragend.

 

Dabei ist»Keine Macht für niemand« − Rio Reisers Song von 1972 gab der Aufführung den Titel − keineswegs nur ein bloßes Konzert mit 22 Protest- und Freiheitslieder, sondern liefert auch die historischen Informationen zu den Songs. Das geschieht locker und unterhaltsam, indem die gelernten Schauspieler Chrysi Taoussanis, Thomas B. Hoffmann und David Liske sowie die Rottenburger Opernsängerin Regina Greis historische Persönlichkeiten auferstehen lassen.

 

Von Rosa Parks bis Georg Elser

Da wird etwa die US-Bürgerrechtlerin Rosa Parks, die sich am 1. Dezember 1955 weigerte, ihren Sitzplatz für einen Weißen zu räumen, vorgestellt und in einer anderen Szene Georg Elser nach seinem gescheiterten Bombenattentat auf Hitler von den Nazis verhört. Seine präzisen Ausführungen über die Vorbereitung des Attentats bekommen durch Konstantin Weckers begleitenden Protestsong »Sage nein!« eine ganz besondere Aussagekraft. Oder Nelsoon Mandela, dessen Haftentlassung nach 27 Jahren Gefängnis von Tracy Chapmans berührendem »Talkin´ about a Revolution« begleitet wird, das ihr 1988 den ersten musikalischen Welterfolg bescherte.

 

Von Martin Luther und Thomas Müntzer führen die Themen zur 300 Jahre späteren Badischen Revolution um Friedrich Hecker und Gustav Struve. Dann der historische Sprung zu den irischen Freiheitskämpfen, zum Widerstand gegen Hitler zu den Bewegungen gegen den US-Rassismus sowie gegen den Kalten Krieg und zum faschistischen Putsch in Chile, dem neben vielen anderen der Sänger Victor Jara brutal zum Opfer fiel. Zu den berührendsten Momenten gehört Pete Seegers frühes Lied gegen den Vietnamkrieg, »Bring´em home«, Stings Kalte-Krieg-Anklage »Russians« und »Zombie« von den Cranberries aus dem Jahr 1994 über den Nordirlandkonflikt mit einer fabelhaft singenden Regina Greis.

 

Der Charme der Revoluzzer

Heiner Kondschak und sein musikalisches Ensemble wollen mit ihren Protest- und Freiheitsliedern aufrütteln und sie lassen in ihrem Spiel und Gesang keinen Zweifel daran, dass diese Lieder eine besondere Bedeutung haben. Die Songs oszillieren zwischen Aufbegehren und Revolte, zwischen Liedermacher-Wut und rockenden Protesthits, zwischen ausdrucksstarkem Chorgesang und anspruchsvollem Musizieren. Kondschak profiliert sich wie gewohnt als Allroundmusiker und Moderator, seine Kapelle mit Michael Nessmann (Gitarre) und Christian Dähn (Schlagzeug) präsentiert den Mix aus Folk, Rock und Revoluzzer-Lieder effekt- und stimmungsvoll. In erster Linie ist für die emotionale Wirkung aber der tolle Gruppengesang verantwortlich, der von den Chorsängern Sophie Hebenstreit, Yildiz Inci und Jonathan Niklas unterstützt wird und dem Gesamtsound abwechslungsreiche Spannungsmomente verleiht.

 

Der fast zweistündige Mix aus Musik und Textcollagen funktioniert von der ersten bis zur letzten Minute, vor allem auch deshalb, weil sich Text- und Liederauswahl wunderbar ergänzen. Dazu zeigt eine Leinwand originale Bilddokumente und das von Iskra Jovanović Glavaš gestaltete Bühnenbild gleicht einer beweglichen Zeituhr. So erleben die begeisterten 80 Zuschauer mit Kondschaks musikalisch-szenischem Liederabend eine unangepasste und obendrein stimmungsvolle Aufführung mit viel subversivem Revoluzzer-Charme.

 

 

Wann, wenn nicht jetzt?

von Matthias Reichert

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 26.09.2020

 

Premiere − Mit der Revue »Keine Macht für niemand« liefert Heiner Kondschak an der Reutlinger Tonne den Soundtrack zur globalen Krisenzeit

 

Ein Parforceritt von den Bauernkriegen bis zu Greta Thunberg − Heiner Kondschak hat für das Reutlinger Tonne-Theater eine Revue mit politischen Liedern geschrieben und inszeniert. Am Donnerstagabend war die gefeierte Premiere.

 

Zahnräder einer Uhr drehen sich im Hintergrund, Ausstatterin Iskra Jovanović-Glavaš steckt das Ensemble in rote Kittel mit jeweils zeittypischen Assecoires. Kurze Spielszenen beleuchten historische Hintergründe, was freilich gelegentlich arg nach Wikipedia klingt. Am Anfang und am Ende steht Rio Reiser − eingangs die titelgebende Ton-Steine-Scherben-Hymne »Keine Macht für niemand« und zuletzt »Der Traum ist aus« und »Wann, wenn nicht jetzt?«

 

Zum Aufstand des »Armen Konrad« von 1524 wettert David Liske als Luther hoch oben von der Kanzel wider die »räuberischen und mörderischen Horden der Bauern«. Diese mobilisieren mit Rockmusik gegen Pfaffen und Obrigkeit, bis der Aufstand blutig niedergeschlagen wird. »Danach gab es in Deutschland für drei Jahrhunderte keine größeren Aufstände mehr«, doziert Thomas B. Hoffmann. Das Publikum hört von der Badischen Revolution 1848. In einem Trinklied feiert das Ensemble den Wein mit Bierhumpen in der Hand. Das berühmte »Badische Wiegenlied« erklingt, zwischendurch läutet die Telekom durch und fragt nach dem weiteren Geschick des Revoluzzers Friedrich Hecker.

 

Thunberg und Garagenrock

Kondschak, Chrysi Taoussanis, Regina Greis, Liske und Hoffmann singen durchweg versiert und mit Seele. Seitlich wirbeln mit Kondschak der Gitarrist Michael Nessmann und der Schlagzeuger Christian Dähn; Schauspieler Hoffmann lässt immer mal wieder den E-Bass krachen. Vom vorgesehenen Projektchor (Leitung: Ulrike Härter) sind wegen Corona nur zwei Akteurinnen und ein Akteur geblieben, die aber mischen munter mit.

 

Zum irischen IRA-Terror von 1916 läuft »Zombie« vno den Cranberrys, das klingt freilich ein bisschen nach Garagenrock. Auf einer Leinwand werden Bilder von historischen Personen und Szenen eingeblendet, gegen Ende gibt es auch eine Rede von Greta Thunberg.

 

Anlässlich der 1,7 Millionen Toten im Ersten Weltkrieg singen sie anrührend Hannes Waders Lied vom Soldaten. Die NS-Zeit wird in einer Szene vom Verhör des Hitler-Attentäters Georg Elser thematisiert. 60 Millionen Tote gehen auf das Konto der Nazis − dazu gibt es Konstantin Weckers Widerstandsklassiker: »Sag nein!« Nun wird die schwarze US-Amerikanerin Rosa Parks verhört, die sich 1955 im Bus auf einen Platzt setzte, der für Weiße reserviert war − und einen landesweiten Boykott auslöste. »Sister Rosa« heißt der Song von den Neville Brothers dazu, hier gerappt mit Schmackes, und Kondschak bläst zur Abwechslung Saxophon.

 

Hoffmann zitiert Martin Luther Kings »I Have A Dream«-Rede, Liske schmettert die Devise von Malxolm X: »Stop singing and start swinging« − hört auf zu singen und schlagt zu. Doch ermordet werden sie beide. Die fein gerockte Version von Dylans »The Times They Are A-Changing« hat so einen bitteren Beigeschmack. Als es um den Vietnamkrieg geht, schmettern sie, als Hippies kostümiert, Pete Seegers »Bring Them Home«. Zum 11. September fällt Kondschak nicht der Terroranschlag von 2001 ein, sondern der Tod des chilenischen Staatschefs Salvador Allende am gleichen Datum 1973. Es gibt ein anrührendes Solo für den ermordeten chilenischen Widerstandskämpfer Victor Jara, »Brothers in Arms« von den Dire Straits mit fulminanten Gitarrenriffs zum Falklandkrieg und Stings »Russians« mit gefühlvollem Duett von Taoussanis und Greis anlässlich des Ost-West-Konflikts im Kalten Krieg.

 

Kondschak erzählt einen (schwachen) Putin-Witz, Tracy Chapmans »Talking Bout A Revolution« feiert den südafrikanischen Freiheitshelden Nelson Mandela. Mit Rio Reiser schließt sich der Kreis. Und als Zugabe gibt es ein Medley, beginnend mit: »Was keiner wagt...«, das Konstantin Wecker auch nicht besser hingekriegt hätte. Teils stehende Ovationen; so ein Abend tut gut in dieser verrückten globalen Krisenzeit.

 

Unterm Strich

Die historischen Szenen sind ein bisschen Wikipedia-lastig, manche Gags ein wenig platt. Aber die Songs und Lieder sind erste Sahne und sehr ansprechend dargeboten. Und darum geht es ja eigentlich.

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