Keep on Rocking - ein musikalisches Experiment
von Sissi Klapp
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 17.12.2018
Premiere − »Ohne Proben ganz nach oben«: Heiner Kondschaks unterhaltsame One-Man-Show »Klangwelten« im Tonne-Theater-Keller
Reutlingen. Es ist ein Theater-Experiment, ein Musikpuzzle, eine Ton-Technik-Unterrichtseinheit und eine Sezierstunde in der Songpathologie an lebendigem Material: Mit seinen »Klangwelten« geht Heiner Kondschak im Tonne-Keller ins fiktive Tonstudio von Lukas Armbruster und produziert zwei Songs.
Die Story: Medienmanager Waiblinger will einen »Summer of Love 2019«-Sampler produzieren und Heiner Kondschaks Band soll zwei Hits beisteuern. Kondschak ist auch schon im Tonstudio, aber die anderen stecken noch im Stau, in der Bahn, im Bett. Aber Zeit ist Geld und der alte Geizkragen Waiblinger hat das Studio nur für zwei Stunden gebucht, also muss Kondschak sich sputen. Und er hat Glück: die Instrumente stehen zufällig alle schon da und so spielt er sie eben alle selbst ein. Denn der Clou bei den Musikaufnahmen ist ja, dass man sowieso alles getrennt voneinander aufnehmen muss, damit sich die einzelnen Tonspuren akustisch nicht ins Gehege kommen.
Das Tonstudio-Spielen ergibt vielleicht nicht einen so bedeutungsschweren Theaterabend, ist aber eine ganz originelle Idee. Knisternder wäre es sicherlich, wenn es hier unter ein paar Rockstars rock´n´roll-mäßig aus dem Ruder laufen würde. Aber Kondschak wagt das Unterfangen auch (fast) alleine und macht aus seinem Setting einfach eine kleine Ton-Technik-Lehrstunde, für ein Publikum, das gerade eine Führung durchs Gebäude macht. Und so steht er zwischen seinen Instrumenten, macht flotte Sprüche − »Ich tauge nicht als Führer« −, erklärt technische Details und spielt ein Instrument nach dem andern ein.
Das funktioniert vor allem deshalb, weil Heiner Kondschak Heiner Kondschak und an sich schon unterhaltsam ist und charmant, lustig, sorglos und lässig. Und weil er so genial wie schludrig ist und auf der Bühne sowieso fast alles bringen kann. Indem die Songs in ihre Einzelteile zerlegt und konserviert werden, erfahren wir aber auch noch ganz nebenbei etwas über das Wesen der Musik, über das Zusammenwirken von Sound und Komposition, Spieltechnik und Gefühl, Präzision und Lebendigkeit, Harmoniegewohnheiten und Originalität, Dynamik und Arrangement, Rhythmus und Zusammenspiel, auch wenn man alleine ist. Und über die Unbestechlichkeit des Metronoms. Selbst wer eine Botschaft sucht, kann eine finden: Wenn dich alle verlassen, auf die Technik ist Verlass. Manchmal.
Instrumenten-Multi Kondschak und Tonne-Allrounder Lukas Armbruster spielen sich selbst und das unverstellt und authentisch − auch eine Kunst. Der Tontechniker verliest jeweils die Mails mit den Absagen der Bandmitglieder: »Sorry, hab verschlafen, keep on rocking all over the world«. Kondschak spielt in einem Rutsch und mit höchster Konzentration Mandoline, Gitarre, Klavier und Rhythmusgruppe ein, setzt noch Saxophon, irische Flöte und dreistimmigen Gesang oben drauf. Und so werden die zwei Songs nach und nach immer fülliger, man lernt sie immer besser kennen und lieben. Der eine, ein lustiger Quatschsong: »Und jetzt lieg ich am Strand« und während andernorts der Urknall vonstatten geht, »werde ich braun, damit die Fraun nach mir schaun, Yippie-ay-Yeah-Hoooo«. Der zweite Sommerhit ist eher eine melancholische Singersongwriternummer: »Wo ich lebe, ist es still«. Aber so eine generelle Verlassenheit hat auch ihre Vorteile: Man kann die ganze Gage alleine einsacken.