Als die Sonne die Erde umkreiste: »Leben des Galilei« an der Reutlinger Tonne
von Thomas Morawitzky
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 21.10.2025
Theater – Von der Verantwortung der Wissenschaft: Premiere von Bertolt Brechts »Leben des Galilei« an der Tonne.
REUTLINGEN. Die Erde ist ein silberner Gymnastikball und rollt über die Bühne des Tonne-Theaters. Manchmal setzt sich einer der Schauspieler auf sie. Am Boden, inmitten einer weitflächigen Projektion von Welt- und Himmelsbildern, sitzt Galileo Galilei, oft versunken, zeichnet Linien auf den Boden oder schreibt.
Tonne-Intendant Enrico Urbanek hat als erste Premiere der neuen Spielzeit Bertolt Brechts Stück »Leben des Galilei« inszeniert. Das Theater hat dafür den Saal geteilt, Sibylle Schulze, die auch die Kostüme schuf, gestaltete die Bühne. Die Zuschauer sitzen zur Rechten und Linken eines breiten Streifens, der sich durch den Saal zieht.
Schwach vor der Folter
Der Streifen ist Spiel- und Projektionsfläche, endet zu beiden Seiten in schwingende Türen, die Kreuze schmücken. Über den Türen befinden sich kleine Galerien – zur einen Seite hin sind dort metallische Klangkörper aufgehängt, angeschlagen erst spät; auf der anderen versammeln sich Musiker, um Hanns Eislers Kompositionen in der Bearbeitung von Michael Schneider zu spielen. Zwischen beiden forscht und debattiert Galileo, hofft, verhandelt, verzweifelt. Dort schwingt das Pendel physikalischer Experimente, leuchtet der Nachthimmel, die Mondlandschaft.
Brechts Zeichnung des Begründers der modernen Naturwissenschaften ist ambivalent. Da ist Galileo, der junge Forscher voller Enthusiasmus und Mut, der ein neues Zeitalter voraussieht. Und da ist der alte, mürrische, von sich selbst enttäuschte Galileo, der seine Thesen widerrufen hat. Der große Physiker wird gezeigt als einer, der gerne gut isst und trinkt und nachgibt, als die Inquisition ihm ihre »Instrumente« zeigt, mit Folter droht. Die Kirche fürchtete Galileo, der nicht nur behauptete, dass die Erde sich um die Sonne drehe, sondern es aufgrund sorgfältiger Beobachtung des Himmels auch beweisen konnte.
Bei Brecht wird Galilei zum Beispiel für die Korrumpierbarkeit der Wissenschaften und zur Parabel eines Sündenfalls, der im 20. Jahrhundert entsetzliche Konsequenzen haben sollte. Andrea Sarti, Schüler des Galilei, besucht ihn zuletzt, enttäuscht, da er glaubt, der Lehrer habe seinen Thesen abgeschworen. Galilei präsentiert ihm die vollendeten »Discorsi« – und der Jüngere ist begeistert: »Sie versteckten die Wahrheit vor ihrem Feind. Auch auf dem Feld der Ethik waren Sie uns um Jahrhunderte voraus!«
Bogen durch die Zeit
Galileo sieht das anders. Er habe es versäumt, Beispiel zu geben, sagt er, für die Wissenschaftler der Zukunft, die nicht nur Wissen anhäufen, sondern zum Wohle der Menschheit handeln sollten. »Wie es nun steht, ist das Höchste, das man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können.« David Liske ist es, der schauspielerisch den großen Bogen schlägt vom jungen, zuversichtlichen, aber eitlen Galileo hin zu jenem alten, von sich selbst enttäuschten Mann, der der Nachwelt seine Forschungen übergibt: eine frappierend gespielte Wandlung. Santiago Österle spielt den Andrea Sarti, Galileos Gegenüber in vielen Szenen, mit großer Einfühlung und viel Emotion. Dass Österle im Rollstuhl auftritt, gerät dabei in Vergessenheit.
Seit mehr als zehn Jahren gibt es an der Tonne ein inklusives Ensemble, stehen Menschen mit Behinderung gemeinsam mit ausgebildeten Schauspielern auf der Bühne. »Das Leben des Galilei« wurde auch dank einer Projektförderung des Landes eingeprobt mit einem Ensemble, in dem diese Trennung nicht mehr existiert. Darsteller mit und ohne Behinderung geben den Figuren um Galileo Gesicht und Ausdruck, agieren gemeinsam vorzüglich in einem ernsten, komplexen Stück.
Aaron Smith, Magdalena Flade, Magnus Pflüger und Rupert Hausner haben starke Auftritte in mehreren Rollen – aber auch Antje Rapp, Michael Schneider, Matthias Renner, Anne-Kathrin Killguss, Eugen Blum, Daniel Irschik, Elias Rauscher, Roswitha John, Bahattin Güngör, Alfhild Karle und Sophie Richter sind Mathematiker, Kardinäle, Inquisitoren, Sänger, Mönche, Ratsherren, Astronomen. Sie bilden einen schillernden Figurenkosmos, der hier tatsächlich um Galileo Galilei kreist, aus dem Szenen und Lieder hervortreten, die eine Zeit und ihr Weltbild erwecken und ihr Publikum nachdenklich zurücklassen. (GEA)
Der Himmel wird abgeschafft
von Matthias Reichert
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 21.10.2025
Premiere – Mit darstellerischer Verve und viel Liebe zum Detail inszeniert die Reutlinger Tonne Brechts Klassiker »Leben des Galilei«.
Den wissenschaftlichen Aufbruch Anfang des 17. Jahrhunderts bringt Bertolt Brechts im Zweiten Weltkrieg entstandenes Stück »Leben des Galilei« auf die Bühne. Der berühmte Astronom baut nach holländischem Vorbild ein Fernrohr und entdeckt damit am Nachthimmel Beweise dafür, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Zwei Jahrtausende lang glaubte man bis dahin das Gegenteil. Schon Kopernikus hatte das sogenannte Ptolemäische Weltbild samt dessen aristotelischer Sphärenmusik rechnerisch widerlegt, aber die praktischen Beweise lieferte erst Galilei. Dieser bekommt es im Stück wegen seiner bahnbrechenden Erkenntnisse prompt mit der Inquisition der katholischen Kirche zu tun.
Die Tonne inszeniert Brechts modernen Klassiker, der 1943 in Zürich uraufgeführt wurde, mit viel Liebe zum Detail, historisierenden Kostümen und reichlich Musik. Schauspieler und Musiker Michael Schneider hat den damaligen Soundtrack von Hanns Eisler neu bearbeitet. Nun mischen sich mehrstimmige Renaissance-Klänge a cappella mit Bänkelsang und fast schon atonalen Einsprengseln.
Galileo muss widerrufen
Die Bühne verläuft als länglicher Streifen, das Publikum sitzt an dessen Längsseiten. Bühnenbildnerin Sibylle Schulze hat an den Stirnseiten zwei Türe mit Kreuzaufdrucken eingebaut. Von der einen Stirnseite betreten Galilei und sein Volk die Bühne, gegenüber kommen Promis wie der Großherzog und der Papst ins Spiel. Die Darsteller machen zugleich Musik, von einem Podest über dem rechten Bühneneingang herab. Auf den Bühnenboden projizieren die Lichtkünstler von Casa Magica Sternenkarten, alte Buchdrucke, Skizzen von Bewegungen der Himmelskörper sowie den Nachthimmel.
Hauptdarsteller David Liske arbeitet gut den Zwiespalt Galileis zwischen Lebensgenuss und wissenschaftlicher Berufung heraus. Zunächst schafft er mit seinen Beobachtungen förmlich den Himmel mit Gott und seinen Engeln ab – seine Freunde ziehen Parallelen zu Giordano Bruno, der zehn Jahre zuvor wegen solcher Erkenntnisse als Ketzer verbrannt worden ist. Jahrelang legt Galilei zunächst seine Forschungen auf Druck der Kirche ad acta. Dann wird ein Wissenschaftler neuer Papst – und der Astronom startet einen weiteren Anlauf, das kopernikanische Weltbild zu beweisen.
Der Hofastronom Clavius bestätigt Galileis Forschungen. »Stimmt!«, raunzt Bahattin Güngör als Clavius. Doch die Inquisition sitzt am längeren Hebel. Galilei muss widerrufen, sehr zur Enttäuschung seiner Anhänger. Die letzten Lebensjahre verbringt er auf einem Landgut unter steter Kontrolle der Kirche; zwischen ausgedehnten Mahlzeiten klimpert er auf einem Spinett. Dennoch gelingt es ihm schließlich, seinem Schüler Andrea Sarti die fertig geschriebenen »Discorsi«, sein Hauptwerk, mit auf den Weg in die Welt zu geben.
Schmetternder Bänkelsang
Trotz starker Kürzungen baut Tonne-Intendant und Regisseur Enrico Urbanek viele Hauptstränge des Stücks ein: Seine Inszenierung beschreibt mit drohendem Getrommel und Kunstnebel die Pest in Florenz, ein Höhepunkt ist der balladeske Karneval mit schmetterndem Bänkelsang. Doch die eigentliche Stärke dieses Abends ist eine geschlossene Ensembleleistung. Rollifahrer Santiago Österle glänzt als Galileis getreuer Schüler Andrea. Magdalena Flade spielt einfühlsam dessen Mutter, die Haushälterin des Astronomen, und bläst nebenbei virtuos Blockflöte. Rupert Hausner ist ein so eloquenter wie teuflischer Inquisitor, Magnus Pflüger gibt neben einem knitzen Hochschul-Kurator ausdrucksstark einen kleinen Mönch, der um den Glauben seiner armen Eltern bangt, wenn sich Galileis Erkenntnisse durchsetzen. Und Roswitha John verkörpert mit bemerkenswerter Sprachkraft unter anderem den neuen Papst Urban VIII.
Antje Rapp stellt Galileis treusorgende Tochter Virginia dar, Aaron Smith spielt unter anderem deren Verehrer Ludovico, der angesichts der Forschungen des Brautvaters von der geplanten Hochzeit wieder abspringt. Schneider gibt mit pfiffigen Dialektsprachen etwa einen alten Kardinal und einen Zeremonienmeister. Wie er übernehmen die meisten Darstellenden mehrere Rollen, was stellenweise die Aufnahmefähigkeit des Publikums ziemlich in Anspruch nimmt.
Grenzen der Wissenschaft
Brechts Stück ist freilich mehr als ein Hohelied auf die Fähigkeiten der Wissenschaft und die gesellschaftliche Relevanz des Zweifels. Angesichts der damaligen Atombomben-Abwürfe der USA auf Hiroshima und Nagasaki in Japan baute Brecht in spätere Bearbeitungen seines Stücks eine eindrückliche Reflexion über die Verantwortung von Wissenschaftlern ein. Mit dieser galligen und selbstkritischen Analyse Galileis endet die Inszenierung nun. Während sich unter seinem Fußboden die Sterne ausbreiten und langsam verblassen, schreitet der Protagonist zum Abendessen. Brecht hatte noch ein optimistischeres Schlussbild geschrieben, in dem Andrea die Discorsi mit viel Glück über die Grenze schmuggelt – aber der gewählte Schluss passt nicht minder gut zum zuvor in gut zwei Stunden aufgebauten Diskurs über die Stärken und die Grenzen der Wissenschaft.