Der Mensch muss – ja, was eigentlich?
von Peter Ertle
SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 2.5.2026
Theater – Müssen wir möglicherweise anderes, als man uns einreden will? Mit »Leonce und Lena« in Reutlingen wird Büchner nochmal jung und auffallend heutig.
Dass die Bühne eine Art Sandkasten und der Stückzugriff eher thematisch collagierend denn storyerzählend ist, passt gut: Dieses Stück ist Spiel und Tändelei, eine Stoff- und Zitatfundgrube, zumindest an der Oberfläche. Einmal umgestülpt lässt sich freilich alles als ernste Diagnose falscher Lebensverhältnisse lesen.
Was es auch ist: Eine Fingerübung, ein meisterlicher Leistungsnachweis, der allen Anforderungen an Leistungsnachweisen die Zunge rausstreckt: Georg Büchner schrieb »Leonce und Lena« für einen Dramatikerwettbewerb. (Er gewann ihn nicht. Er überschritt den Einsendetermin, das Stück wurde ihm ungeöffnet wieder zurückgeschickt).
Vier junge Hunde
Auf der Bühne: Vier junge Hunde, die mit ihrem jeweiligen Knochen spielen. Für einen ist das ein Mikrofonkabel, für für die andere sind’s die eigenen Haare, für die nächste ein Stuhl. Ein Vierter kippt einfach auf den Boden. Langeweile? Ennui? Chillen? Abhängen? Abdancen? In Büchners Text, der irgendwann auszugsweise anhebt, mischt sich kurz eine Kanzler-Forderung nach mehr Arbeitsmoral, um den Wohlstand aufrechtzuerhalten.
Aber den Wohlstand, fett und dekadent, haben hier andere, in Form von König Peter und seinem Hofstaat. Schranzen, die man eigentlich nicht ernst nehmen kann, leider regieren sie die Welt. Sorgen unter anderem dafür, dass die von Büchner in seinem adoleszentmelancholischen Naturkosmos erwähnten Bienenarten sterben. Und sich am Ende zwei Leute verheiraten lassen, die sich nicht lieben, teils auch am Lebenslangmodell der Liebe zweifeln. Und in dieser Inszenierung, das wird deutlich, wohl nicht mal ein heterosexuelles Begehren haben, da hier Leonce und Valerio wie auch Lena und die Gouvernante deutlich zu Pärchen getrieben werden. Dass trotzdem so viele Menschen Lebensformen unterstützen, die ihnen eigentlich widersprechen: Wieder so ein kurz texteingepflanztes, aktuelles Kopfschütteln, das Tolle daran ist: Die Regisseurin macht es so deutlich wie unaufdringlich, ganz nebenbei.
Körper und Wortspiele
Oft braucht es auch keine Aktualisierung, weil der Autor selbst deutlich genug ist. Bisweilen muss dafür in anderen Büchnertexten gekramt werden, in »Dantons Tod« zum Beispiel. Oder dem Hessischen Landboten, wo sein »Friede den Hütten, Krieg den Palästen« ausgeliehen wird. Oder im »Lenz«, wo es jene Verstörung in Reinform gibt, die die Protagonisten in »Leonce und Lena« auch schon heimsucht, wenn auch noch in konventionellerer Form – wo Resignation und Schwermut noch im Bouquet einer grundlegend ironischen Heiterkeit präsentiert werden, ja einer Coolness, für die die Literaturwissenschaft heute das Wort selbstreferentiell bereit hält. Auch da folgt die Inszenierung und legt noch eins drauf, indem sie den guten Leonce (aber ist er in diesem Moment überhaupt Leonce?) den Namen Büchner, also den Namen seines Schöpfers, selbst ins Spiel bringen lässt. Oder sich am Ende über eine falsche Würdigung des Dramatikers als Vertreter eines bildungsbürgerlichen Klassikerkanons mokiert.
Ansonsten gibt die Regie viel Raum für körperbetontes Theater, um diesem kraftmeierisch und selbstbezüglich um einen ernsten Kern herumästhetisierenden Wortspieltheater ein Gegengewicht zu geben. Annette Müller wählt genau die Textstellen aus, die sie mag, die ihr signifikant erscheinen, die andocken können an heutige Fragestellungen, vor allem Lebenswelten der Gen Z. Passt altersmäßig: Büchner war Anfang 20, als er das Stück schrieb, als er alle seine Stücke schrieb – einer der unfassbarsten Umstände deutscher Literaturgeschichte. 190 Jahre später werden auf der Bühne der Reutlinger Tonne neue Verbindungen hergestellt, etwa zwischen der Skepsis einer lebenslangen Liebe zu überlebenslang bleibenden Rückständen unserer Konsumgesellschaft.
Wer sagt was?
Bei Auswahl und Aufteilung der Textpassagen auf die Spielenden schaut die Regisseurin genau, wer für welchen Text prädestiniert sein könnte. Dass der aus der Ukraine stammenden Kristina Moiseieva die Stelle über Staaten und Grenzen zugedacht wird: kein Zufall.
Und dann wird in dieser Inszenierung dem Affen auch noch Zucker gegeben: Constantin Gerhards darf König Peter in drallem Rheinländisch zur Klamotte machen, dass es eine wahre Freude ist. Manchmal glaubt man zu spüren, wie die Regie die Spielerinnen und Spieler aufforderte, für bestimmte Szenen Bewegungsmuster zu finden, die Stückentwicklung hat sich sozusagen sichtbar ins fertige Stück eingeschrieben, auf eine gute Weise: Die Einzelteile finden einen starken Rhythmus, den Ted Gaiers mal treibende, mal atmosphärische Musik immer wieder unterstützt.
Für Constantin Gerhards (meist Leonce), Trigal Sandberger Cañas (meist Lena), Kevin Citozi (meist Valerio) und Kristina Moiseieva (meist Gouvernante) gab es viel Beifall. Könnte gut sein, dass diese 75 Minuten eines extrem jungen Ensembles gerade bei Altersgenossen im Publikum gut ankommen. Das wäre sie dann, beispielsweise, die Theaterzukunft – auf der Basis eines fast zweihundertjährigen Theatertexts.
Tonne – Büchner in Trümmern
von Martin Bernklau
CUL-TU-RE.DE, 1.5.2026
Bühne – An der Reutlinger Tonne hatte am Donnerstagabend »Leonce und Lena« Premiere, Annette Müllers Bühnenexperiment mit Bruchstücken für vier Stimmen der Gen Z
REUTLINGEN. Viel blieb nicht übrig von Georg Büchners so geistreicher und revolutionärer Komödie »Leonce und Lena« bei Annette Müllers Versuch, den Stoff als »Ein Büchnertrümmer für 4 Stimmen unter 30« zu aktualisieren. Die höfische Gesellschaft seiner Zeit ist nun mal arg weit weg von der Gen Z und ihren Befindlichkeiten. So rabiat da mit der Vorlage umgesprungen wurde, das Ergebnis war weit mehr als das Stimmungsbild einer verlorenen Generation auf der verzweifelten Suche nach Identität, nach Identitäten. Im zu zwei Dritteln besetzten Saal feierte man das Stück.
Das ist eine Art großer Sandkasten, in dem das Quartett aus Constantin Gerhards, Trigal Sandberger Cañas, Kevin Citozi und Kristina Moiseieva zunächst einmal eine gute Viertelstunde lang beharrlich schweigt. Ein paar pantomimische, später auch sportliche Spielereien um die Mikros und das Mobiliar aus vier Campingstühlen reizen die Sprachlosigkeit aus bis fast zum Kippunkt. Das Setting von Georg Büchners satirisch aufgeladenem Lustspiel am Hof des Kleinst-Reichs Popo bleibt bis zum Schluss allenfalls angedeutet: die vom Vater König Peter verordnete Heirat des Thronfolgers Leonce mit Lena, die das Ende seiner Mätressen-Affäre mit der Tänzerin Rosetta bedeutet. Die Themen sind verdichtet: Langeweile und Liebe.
Es ist ganz angenehm, dass Annette Müller das gegenwärtig unumgängliche Themenfeld Trans und Gender und Queer nicht penetrant in den Vordergrund rückt, sondern sich auf die dezente »Suche nach homoerotischen Subtexten« beschränkt, was schwer genug ist in Büchners Welt, die im Prinzip stockhetero ist. Wohl geht es auch um Körperlichkeit und um Sex, aber doch eher am Rande. Viel wichtiger sind Dinge, die sich zeitlos auf die gegenwärtige Gesellschaft übertragen lassen. Jener Müßiggang, die Langeweile, worunter Leonce leidet, wurzelt auch in einem System, damals wie heute, das in verknöcherten Konventionen erstarrt und – für Büchner – nur noch lächerlich ist.
Büchners Genie – er starb schon mit 23 an Typhus und hinterließ mit mit »Dantons Tod«, der Erzählung »Lenz«, mit »Leonce und Lena« sowie dem wirkmächtigen Torso »Woyzeck« wahrhaftige Weltliteratur – lässt die Inszenierung nur in eingestreuten Fragmenten aus allen diesen Stücken und mit Zitaten aus dem »Hessischen Landboten« aufblitzen, darunter das ikonische »Friede den Hütten, Krieg den Palästen!«. Die Komödie übrigens fand erst sechzig Jahre nach Büchners Tod ihre Uraufführung.
Auch Büchners Ruf nach Revolution, nach dem Umsturz des Bestehenden findet Widerhall in dieser Adaption, die nicht einmal Paraphrase von Stoff und Sujet sein will, sondern nur die Stimmung zweier Zeiten und Zustände parallel setzt – was nicht nur künstlerisch legitim ist, sondern auch zu Erkenntnissen führt. Die Generation der Millennials, die sich in ihren prägenden Jugendjahren wegen Corona einsperren lassen, von der Polizei aus Parks verjagen lassen musste und zeitweise ihre Lebensräume Schule oder Uni ebenso verlor wie die Halfpipe, den Sportplatz, den Probenraum, ihre Parties, die Kneipen oder Cafés, sie hat allen Grund aufzubegehren, zu klagen, anzuklagen, vielleicht auch ein wenig zu jammern. Aufbegehrt allerdings hat sie nicht, muss man einräumen.
Was Annette Müller da rund um eine Art Kondensationskern Büchner geschaffen hat (Dramaturgie: Michel op den Platz) ist das Dokument einer Generation, die verzweifelt nach Identität sucht statt nur nach Instagram-Image, nach Sinn und Aufgaben (ob Klima oder Gender) und vielleicht sogar nach »echtem Leben«, nach Freiheit und Kreativität, stattdessen aber mit Konsum, Dating Apps und fake-geschwängerter Virtual Reality abgespeist wird – und jetzt auch noch freiwillig in künftige Kriege geschickt werden soll, wozu sie ihre technische Intelligenz in Rüstungsfirmen einbringen darf. Das ist eher ein Hilfeschrei als ein Manifest.
Der Minimalismus der Inszenierung gibt dem Quartett zwar wenig Raum für schauspielerische Glanzlichter, aber er schafft dieser Performance – das Headbanging von Kristina Moiseieva – durchaus Intensität, in Verbindung mit einem Rhythmus, mit dem kargen Groove von Ted Gaiers Sound-Design. Alle fluiden Figuren dürfen sich in Monologen reflektierend bespiegeln und ergründen, was die öde Gegenwart mit dem Überdruss in Büchners höfischer Welt verbindet. Das komödiantische Element darf sich auch mal herauswagen, etwa in den hohlen Reden des Königs, die Constantin Gerhards auf Kölsch darbietet.
Vielleicht ist das Etikett »Leonce und Lena« ein bisschen irreführend. Aber das Stück ist ein relevanter theatralischer Beitrag zur Gegenwart und zum vielleicht einstweilen erst vorgefühlten Bewusstsein dieser Gen Z.
Leonce und Lena für die Gen Z
von Lara Merella
KUPFERBLAU – DAS CAMPUSMAGAZIN, 20.6.2026
Wie aktuell kann ein fast 200 Jahre altes Theaterstück sein? Annette Müllers Inszenierung von Leonce und Lena zeigt, dass Georg Büchners Fragen nach Freiheit, Sinn und gesellschaftlichen Zwängen auch die junge Generation von heute beschäftigen.
Vor fast 200 Jahren verfasste Büchner mit Anfang Zwanzig das Lustspiel Leonce und Lena, das sich zwischen romantischer Komödie und politischer Satire bewegt. Neben dem Formulieren einer Origkeitskritik verarbeitete er darin nicht nur die Bestrebungen des Vormärz, sondern auch seinen gleichzeitigen Wunsch nach Narrentum und Selbstverlust auf der einen Seite sowie nach politischer Revolution auf der anderen. Während das Stück also im klaren Kontext der damaligen jungen Generation entstanden ist, zeigt die Fassung von Annette Müller, aufgeführt im Theater Die Tonne in Reutlingen, dass die Krisen und Belastungen aus Georg Büchners Zeit uns auch heute nicht fremd sind.
Ein Klassiker im Sandkasten der Gegenwart
Das Stück spielt in einem Kasten voller dunklem Sand. Das Bühnenbild ist eher karg, neben einem weißen Pult sind noch vier blaue Gartenstühle, ein Mülleimer und mehrere Mikrofonständer zu sehen. Zunächst wird nicht gesprochen. Das junge Ensemble verkörpert dabei gelungen die Orientierungslosigkeit der jungen Generation. Die Schauspieler*innen sitzen und stehen gelangweilt auf der Bühne, scharren teilweise im Sand oder spielen mit dem Mikrofonkabel. Der eine versinkt im Stuhl und gleitet langsam zu Boden.
So wird gleich zu Beginn der Ton des Stücks gesetzt. Die Figuren wirken ziellos, gelähmt von einer existenziellen Langeweile und der Suche nach Sinn. Der Cast stellt diesen Zustand überzeugend dar. Dabei übernehmen die vier Schauspieler*innen mehrere Rollen und lösen damit feste Figurenzuschreibungen auf. Meist ist Constantin Gerhards als Leonce zu sehen, der zugleich dessen satirisch überzeichneten Vater König Peter spielt. Trigal Sandberger Cañas übernimmt überwiegend die Rolle der Lena, Kevin Citozi die des Valerio und Kristina Moiseieva die der Gouvernante.
Die Umsetzung beweist, dass Büchners Werk nicht an Aktualität verloren hat. Der Müßiggang und die existenzielle Langeweile, unter denen Leonce bereits im Original leidet, werden hier in Verbindung mit den Zukunftsängsten und der Orientierungslosigkeit der heutigen jungen Generation gestellt. Dabei werden Büchners gesellschaftskritische Überlegungen nicht bloß nacherzählt, sondern durch Anspielungen aus der heutigen Zeit in die gegenwärtige Stimmungslage und Sorgenwelt übertragen.
So wird beispielsweise Friedrich Merz’ Kritik an der Work-Life-Balance zitiert, die das Thema des Müßiggangs in den Kontext ganz aktueller Debatten zur Arbeitsmoral junger Menschen setzt. Auch zahlreiche Verweise auf Themen wie Umweltverschmutzung, Erderwärmung oder den Ukraine-Krieg werden durch Ergänzungen aufgenommen. Büchners Fragen nach Sinn, Freiheit und gesellschaftlichem Zwang werden in die konkreten Krisen der Gegenwart übersetzt.
Ein Büchnertrümmer
Die Szenen sind frei zusammengesetzt, mit oft verschwimmenden Übergängen, die dem Stück etwas Collagenartiges verleihen. Wie das Programmheft deutlich macht, handelt es sich um ein »Büchnertrümmer«. Immer wieder werden Zitate aus anderen Werken Büchners eingearbeitet, wie etwa der wohlbekannte Ausruf »Friede den Hütten, Krieg den Palästen!« aus dem Hessischen Landboten, und Büchner selbst wird als Schöpfer der Figuren ins Spiel gebracht. Auch an anderen Stellen wird die Vierte Wand durchbrochen.
Besonders das Ende des Stücks lässt es so wirken, als würden die Figuren das Publikum selbst ansprechen. So entlässt Leonce am Schluss die imaginären Zuschauer*innen am Hof – und damit auch die tatsächlichen Zuschauer*innen – mit der Bitte, nach Hause zu gehen, dabei aber ihre Reden und Verse nicht zu vergessen, da man den Spaß am nächsten Tag in aller Ruhe von vorn beginnen werde. Als wäre der Lauf der Dinge so vorhersehbar, dass er sich eigentlich in der Sinnlosigkeit verliert.
Queere Lesart
Im Unterschied zum Originaltext sind die Liebespaare anders zusammengesetzt. So bilden sowohl Leonce und Valerio, als auch Lena und ihre Gouvernante ein Paar. Lena und Leonce dagegen verlieben sich nicht wie im Originaltext ineinander und heiraten somit nicht aus romantischer Zuneigung. Stattdessen scheinen sich die beiden entgegen ihrer eigentlichen Bedürfnisse dem Wunsch König Peters nach einer Heirat zu beugen und dadurch – wie abschließend betont wird – »das bestehende System zu akzeptieren und damit zu festigen«. Auch wenn sie diesem zum Schluss wortwörtlich den Mittelfinger zeigen.
Die (heterosexuelle) Ehe wird damit zum Sinnbild einer Ordnung, die die individuellen Wünsche der Figuren zugunsten sozialer Normen zurückdrängt. Damit hinterfragt die Inszenierung die Heteronormativität der Gesellschaft, deren Rollenkonstrukte die Figuren letztlich ohne Aussicht auf Selbstverwirklichung zum Opfer zu fallen scheinen. Dem Stück gelingt es damit, dem Schluss eine Ambivalenz zu verleihen. So erkennen die Figuren zwar die Zwänge des Systems, finden jedoch keinen Weg, sich diesen tatsächlich zu entziehen.
Theater für die Gen Z
Alles in einem schafft Annette Müller mit ihrem »Büchnertrümmer« eine überzeugende Aktualisierung des Klassikers. Trotz starker Abweichungen bleibt die Interpretation den zentralen Fragen Büchners treu – Worin kann der Mensch Sinn finden? Ist ein Loslösen von gesellschaftlichen Zwängen überhaupt möglich und wenn ja, wie? Und welche Freiheit bleibt ihm letztendlich? Durch die Verbindung von Büchners zeitlosen Themen und den aktuellen Krisenfragen der Gen Z entsteht ein Theaterabend, der zeigt, wie auf Basis eines Klassikers die gegenwärtige Lebenswirklichkeit aufgegriffen werden kann.
Etwas in Ihnen träumt noch
von Michel op den Platz
THEATER REUTLINGEN DIE TONNE, 22.4.2026
Annette Müller (Regie, Fassung, Ausstattung) und Ted Gaier (Musik & Sounddesign) im Gespräch mit Michel op den Platz (Dramaturgie).
Michel: Wir sitzen zu dritt im Tonne-Foyer und fragen uns: Was lesen und hören wir, wenn wir heute mit Georg Büchner in die Auseinandersetzung gehen?
Annette: Mich beeindruckt, dass er changiert zwischen einer hohen Künstlichkeit und einem hochpolitischen Anspruch. Auch in der Art und Weise, wie er sich teilweise an einem vermeintlichen Realismus oder an Formen abgearbeitet hat, die dann doch in seinem Werk – in seinem Kleinwerk, in seinem kurzen Leben – so radikal die Gestalt verändern. Diese Fähigkeit, so wahnsinnig geschickt Dinge zu adaptieren, halte ich für sehr zeitgeistig – und nicht zuletzt auch sehr radikal. Interessanterweise betrachte ich die meisten seiner Werke eher als Fragmente. Und da existiert bei Büchner eben eine deutliche Leerstelle, zumal ja gerade »Woyzeck« wahrhaftig ein Fragment ist. Die heutige Interpretation des Gedankens, dass jemand anderes dein Werk nach deinem Tod in deinem vermeintlichen Sinne oder in deiner vermeintlichen Ästhetik weiterschreibt oder vollendet, wäre die Idee von KI.
Ted: Und das ist definitiv modern. Aber Büchners Werk ist im Kern »Material«. Im Brecht’schen Sinne ist es ein Work in Progress: dass es ein Material ist, das man auch neu zusammensetzen kann.
Annette: Auch seine schon sehr analytische Sicht wirkt auf mich auf eine seltsame Art und Weise äußerst modern. Ich meine ja, in »Leonce und Lena« schon fast so etwas wie Psychoanalyse-Momente reinzulesen. Dieser Wunsch des Menschen, sich auf den Kopf zu gucken, erinnert mich sehr stark an die Lacan’sche Identitätsbildung im Spiegelstadium. Wie der Psychologe R. D. Laing, der die erkrankende menschliche Psyche immer als Folge von Gesellschaftsverletzungen begreift. Und in dieser Hinsicht finde ich fast visionär, wie Büchner die Menschen betrachtet. Das ist, glaube ich, zu seiner Zeit neu. Zusätzlich zu den gesellschaftlich revolutionären Ideen, die in der Vormärzzeit fruchten.
Ted: Und das Gucken von unten! »Woyzeck« ist meines Wissens das erste Stück, das mal in die Psychologie eines »Lower Class«-Typen geht. Davor gab es ja nur Königsdramen, mehr oder weniger: König und Königin.
Annette: Er hat ja anscheinend Schiller, Goethe und dieses ganze Klassikzeug komplett gelesen, auch das ist nicht zu übersehen. Er dreht es noch eine Stufe höher, aber er hat einen zeitgenössischen Griff darauf, weil er sehr genau weiß, wie er Sprache benutzt.
Ted: Er attackiert das Heilige.
Annette: Aber er attackiert es heimlich. Er attackiert es eher hintenrum. Ich muss immer wieder mitdenken, wie jung er war. Ich finde ihn für einen so jungen Menschen erstaunlich geschickt. Ich frage mich bis heute: Wann hat er das alles gelesen? Wann hat er das alles geschrieben? Büchner hat ja nebenher auch noch medizinisch geforscht! Da erkenne ich schon Züge eines Universalgenies. Der scheint sehr fit gewesen zu sein. Und im Denken eben radikal und visionär, nahezu auf allen Ebenen, sowohl formal als auch im Sinne von sozial interessiert: Was sind revolutionäre Elemente in der Gesellschaft? Und – wie gesagt – auch dieser analytische Blick auf die menschliche Psyche. Oft haben Menschen ja ein Inselinteresse. Ich bin manchmal eher schockiert, dass Menschen, die politisch sehr radikal denken, doch oft trennen: dass sie beispielsweise absolut vorwärtsgewandt sind, was Klasse betrifft – und dann aber, wenn es um Gender geht, total reaktionär bleiben. Sodass man sich manchmal fragt: Wie kommt denn das jetzt zustande? Aber Büchner ist auf vielen Arbeitsfeldern extrem progressiv.
Ted: Komisch, dass ausgerechnet er so hegemonisiert wurde. Man denke nur an den Georg-Büchner-Preis! Ich frage mich, wieso Büchner eigentlich in der Nachkriegszeit nicht in der DDR viel wichtiger war als im Westen? Ich weiß es nicht. Aber es kommt mir gerade in den Sinn, weil er ja von der linken Perspektive ganz leicht zu vereinnahmen ist, viel leichter als von der bürgerlichen. Wenn man genau liest, ist das ja ein totaler Angriff auf die Klassen- und Ständegesellschaft.
Annette: Ich glaube, das liegt an der Sprache. In unserer Arbeit haben wir ja jetzt quasi ein Extrakt. Büchners Texte scheinen mir immer noch zusätzlich stark aufgeladen mit bestimmten anderen Themen.
Michel: Annette, wie verbindest du Büchners Text in der Inszenierung mit dem Jetzt?
Annette: Ich schaue auf den Kern: was man im Heute vielleicht übersetzen oder auch ganz anders interpretieren kann. Ich behaupte das immer auf zweierlei Ebenen. Die eine Ebene ist: Was steckt wirklich in den Gedanken und in den Vorgängen des Stückes, die die schreibende Person sich überlegt hat? Was lässt sich da rauslesen und ins Heute übersetzen? Und auf der anderen Ebene: Was sagt rein die Sprache und wie kann ich sie heute verstehen? Zum Beispiel: »Ein Drittes gibt es nicht!« Diesen Satz von König Peter hat Büchner bestimmt nicht so gemeint, wie wir ihn hören: in Bezug auf den aktuellen Geschlechterdiskurs. Aber da steht plötzlich etwas für sich, was ich einfach eins zu eins transportiere ins Heute. Und dann meint der Satz etwas anderes, was sich aber trotzdem in der Essenz der Wirkkraft nicht verändert hat. Oder diese Sprachbilder mit den »Gespensterwelten«, die in »Leonce und Lena« immer wieder auftauchen: Das Erstarken von Nationalstaaten, drohende Umbrüche und Unruhen, damals wie heute, auch das kann man im Jetzt eins zu eins wieder rauslesen – dass der Wind heute wieder so weht. Das ist die eigentliche Schnittstelle, an der ich gerne arbeite. Wir sprachen gestern über einen Satz von Marx …
Ted: »Die Geschichte wiederholt sich immer als Farce.«
Annette: Da würde ich fast sagen: Sie wiederholt sich heute als Farce, aber Büchner hat sie damals schon als Farce geschrieben. Ich halte das für eine äußerst spannende Kreisfigur! Allein der Titel: »Leonce und Lena: Ein Lustspiel.« Ich finde dieses »Lustspiel« so irreführend, denn eigentlich ist es eine Farce. Es versteckt sich hinter diesem Lustspiel und es wiederholt sich als Farce – einer Farce! Das habe ich versucht zu bearbeiten.
Ted: Die aktuellsten Momente sind natürlich Zufall, wie »Ein Drittes gibt es nicht!« Oder die Sache mit den Bienen …
Annette: … bei Büchner eigentlich eine einfache Befragung, dass er immer mit Naturmotiven spielt.
Ted: Und natürlich: »Es ist so heiß!« Ich finde es lustig, dass einem das so zugespielt wird und dass nur das Aussprechen schon total triggert: Klimawandel! Eine Gegenwärtigkeit, aber eher aus Zufall. Trotzdem: bei Schiller hat man das, glaube ich, nicht so schnell. Oder bei Goethe.
Annette: Arbeit ist auch so ein Thema: Wir verbinden Arbeit heute immer erst mal mit Arbeiterklasse und Prekariat. Deshalb konnte ich ganz lange nicht greifen, was Büchner am Ende von »Leonce und Lena« wirklich meint mit der »Abschaffung der Arbeit«. Jetzt begreife ich das eher mit Hannah Arendt, dass die Arbeit auch sinnstiftend ist unter der Prämisse: Der Mensch werkelt gerne. Und dass Büchner die Abschaffung von Arbeit demnach auch schon als Dystopie meint, weil das ursächliche Problem von Leonce und Lena ist, dass sie nicht arbeiten müssen. Dass sie in ihrem Leben deswegen mit der Absurdität des Daseins ringen, weil sie sich selbst keine Aufgabe oder Tätigkeit verleihen können, die irgendwie sinnstiftend wäre. Darum geht es eigentlich. Und das wiederum kulminiert heute, weil wir dann natürlich sofort wieder in den KI-Diskurs stolpern. Was passiert denn mit uns, wenn wir die Arbeit abschaffen? Das ist die Gesellschaft, die Valerio am Ende als absolute Dystopie entwirft. Interessant finde ich den Punkt, dass die Menschen, die dann das Geld für sich arbeiten lassen, heute die eigentliche »Upper Class« sind. Die wirklich Superreichen arbeiten ja auch nicht – zumindest nicht im eigentlichen Sinne, sondern das Geld arbeitet für sie oder die Vermögensberatung usw. Sie selbst müssen ja gar nicht mehr arbeiten. Diese Dystopie telefoniert erstaunlicherweise das Jetzt vor.
Michel: Wenn wir die Bühne anschauen, wo befinden wir uns denn? Und wen sehen wir da?
Annette: Wir befinden uns an einem Unort. Es ist eigentlich ein Ort, der kein Ort ist. Vielleicht ein Ort, der mal ein Ort war. Es könnte auch eine Ruine sein.
Ted: Wo man gerne Hip-Hop-Videos dreht.
Michel: Für mich ist es eine Art Halde, es ist ein Schotterplatz, es ist auf jeden Fall irgendeine verwundete Erde, wo es keine sichtbare Natur mehr gibt und wo mal irgendetwas war. Aber dieser Ort atmet noch nach. Es gibt noch letzte Überreste von Zivilisation. Andererseits hat dieser Ort vielleicht auch wieder ein letztes utopisches Potenzial, denn auf Ruinen kann man immer wieder etwas Neues aufbauen. Insofern ist er wiederum nicht komplett tot. Etwas Leben herrscht dann noch in Form der vier Gestalten.
Ted: »Es gibt noch kalte Getränke!«
Annette: Bei mir gibt es immer noch ein Fragment von Hoffnung. Auf der Bühne stehen vier Menschen aus dem Jetzt …
Ted: Die Gen-Z.
Annette: Ja, es ist die Gen-Z, die auch ein bisschen mit ihren eigenen Vorurteilen kokettiert. Müßiggang sagt man diesen jungen Menschen ja auch heute nach: dass sie nicht mehr so gerne arbeiten. Gleichzeitig sind sie selbst überfordert von all den aktuellen Polykrisen. Da kulminiert ganz viel. Junge Leute im Jetzt, in einer so seltsamen Zeit, in Handlungslosigkeit, in Handlungsstarre. Im Sinne von: Was für eine Zukunft habt ihr für uns vorgesehen? Auf was für eine Zukunft steuert unser Planet zu? Aber auch: Auf was für eine gesellschaftliche Zukunft? Solche ganz seltsamen Streumotive aus dem Jetzt wehen durch die Inszenierung. Es gibt eine Mini-Sequenz, in der sie die Zukunft der Arbeit diskutieren: Was werden wir denn überhaupt mit unserem Leben machen? Es gibt so wenig Angebote. Welcher Job ist zukunftsträchtig? Kriegen wir überhaupt noch Jobs? Kriegen wir überhaupt noch Rente? Dieses sehr sinnentleerte Moment findet statt. Auf der anderen Seite haben sie aber auch diesen weirden Humor, der bereits in Büchners Text durchscheint. Sie haben doch tief in sich noch Träume. Irgendwas in ihnen träumt noch.
Michel: Ted, du hast mit deiner Band »Die Goldenen Zitronen« von Fun-Punk bis hin zu New Wave, Free Jazz, Electro und Krautrock schon eine wahnsinnige musikalische Bandbreite bespielt …
Ted: Ja, diese Bandbreite klingt ein bisschen unglaubwürdig, wenn man das so liest. Wir hatten ja gerade 40-jähriges Jubiläum. Da haben wir das gesamte Werk als Compilation zusammengeführt. Das klingt dann so, dass man es besser nachvollziehen kann von 1984 bis heute. Da sind fließende Übergänge in der Musik und nicht totale Brüche. Eher dem Bewusstseinsstand folgend und dem sozialen Umfeld, aus dem heraus man sich bewegt. Das erscheint dann zwangsläufig oder logisch. Sonst natürlich überhaupt nicht. Wenn du ganz frühe Songs von uns hörst, kriegst du das nicht zusammen mit dem, was jetzt ist. Aber an Authentizität glaube ich ja sowieso nicht. Wenn ich rückwirkend in die Popmusikgeschichte gehe, finde ich beispielsweise The Who interessanter als Jimi Hendrix: Du zerschlägst die Gitarre mit einer beiläufigen Geste, anstatt dass du als Voodoo-Ritual zelebrierst, wie du sie auch noch anzündest.
Michel: Was genau aus diesem vielfältigen »Zitronen«-Repertoire, in dem du schon unterwegs warst, fließt denn in »Leonce und Lena« ein? Und warum docken gerade diese Sounds dann an diese Inszenierung an?
Ted: Ich bin ja eigentlich Gitarrist, aber in diesem Kontext interessiert mich Gitarre Spielen gar nicht so sehr. Als Film- und Theatermusiker habe ich seit Längerem eine Praxis, die – runtergebrochen – auf einer Form von Live-Elektronik basiert. Annette hat anfangs gesagt: »Das ist aber ganz schön anstrengende Musik!« Weil ich halt auch anstrengende Musik mache. Ich glaube, ich mache keine entspannte Musik.
Annette: Das ist stressig! Du bist einfach stressig! (lacht)
Ted: Ich mache jetzt seit 25 Jahren Theatermusik. Manchmal macht man Sounds wie Tapeten oder hilft den Schauspielenden sozusagen, eine Plastizität zu stärken. Aber das halte ich im Zweifelsfall nicht für die interessanteste Herausforderung. Sondern am spannendsten ist es natürlich, wenn man die Musik als Eigenleben behauptet und sie gegen die anderen Aspekte – Bühnenbild, Schauspielform, Kostüm usw. – stellt. Sodass das Gesamte nicht wie aus einem Guss wirkt, sondern die Musik noch etwas hinzufügt, was nicht unbedingt eine Doppelung ist. Vor allem das ist mein eigentlicher Anspruch.