Suche im Blindflug

von Christoph B. Ströhle

REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER, 11.05.2019

 

Theater − »Liebe dann den nächsten« am Theater Die Tonne erzählt von Adam und Eva und vom Lieben und Entlieben heute

 

REUTLINGEN. Mit Platons Mythos von den Kugelmenschen und einem augenzwinkernden Text Mark Twains über Adam und Eva startet das inklusive Ensemble des Theaters Die Tonne weltliterarisch in die neue Produktion »Liebe dann den nächsten«. Der Theaterabend entwickelt sich bodenständig: Augenzwinkernde Analyse und bildhafte Poesie halten sich die Waage. Am Ende treten die Darsteller mit Handicap in einen Dialog mit ihrem Publikum. Mit ausgewählten Zuschauern tanzen sie fröhlich. Sie haben sie zum spontanen Date auf die Bühne gebeten, die in diesem Moment in hoffnungsvollem Grün erstrahlt.

 

Ja, ja, der Wonnemonat Mai! In keiner anderen Jahreszeit sind die Lust und die Neugier auf einen Menschen wohl so groß, den man lieben und der einen vervollständigen kann. Platon zufolge, der in seinem fiktiven, literarisch gestalteten Dialog »Symposion« den Kugelmenschen-Mythos vom berühmten Komödiendichter Aristophanes erzählen lässt, um die Macht des Liebesgottes Eros zu erklären, wurde den mythischen Wesen der Antike die Hälfe ihrer runden Gestalt und Persönlichkeit genommen. Zeus teilte sie, weil sie ihm zu übermütig waren, in zwei Hälften. Seitdem hat nach dieser Fabel jeder Mensch das sehnsüchtige Verlangen, seine andere Hälfte zu finden und wieder eins mit ihr zu werden.

 

Erotische Fantasien

Im am Donnerstagabend im großen Saal der Tonne uraufgeführten Theaterstück tönt der Platon-Text, als Prolog aus dem Off, begleitet von mystisch anmutenden Projektionen und einem Schattenspiel. Als Suchende erscheinen die Ensemblemitglieder auf der Bühne. Sie tragen Augenbinden und tun sich schwer mit der Orientierung im Raum. Vom Erkennen des Gegenübers und seiner Eigenschaften ganz zu schweigen.

 

Den biblischen Mythos, den Mark Twain in seinen »Tagebüchern von Adam und Eva« persifliert, tragen, als alle anderen verschwunden sind, Seyyah Inal und Alfhild Karle vor. Von Liebe auf den ersten Blick kann hier nicht die Rede sein:  Adam fühlt sich durch die geschwätzige Gefährtin in seiner Ruhe gestört. Dass sie das ihm unbekannte Wort »wir« verwendet, scheint ihn aber doch nicht kalt zu lassen. Eva wiederum verstört Adams mangelndes Einfühlungsvermögen, die nüchterne Sachlichkeit, mit der er die Dinge betrachtet. »Ich befürchte das Schlimmste. Werde auswandern«, hält Adam im Tagebuch fest, als Eva sich mit der Schlange anfreundet. Am Ende aber steht eine Liebeserklärung: Adam preist den Apfel, der sie zusammengeführt hat.

 

Zwar lesen Seyyah Inal und Alfhild Karle diesen Text ab. Doch die Pointen sitzen, die gewitzt-liebevolle Art, mit der Twain allerhand Klischees und Vorurteile auffährt, um das Ganze in ein Plädoyer für die Liebe münden zu lassen, bringen sie gut rüber. Auf der Schattenspiel-Ebene sieht man einen Menschen mit Kescher. Da ist es wieder, das Motiv der Suche, der Jagd nach dem Glück.

 

Das Ensemble spielt das selbst gewählte Thema in der Regie von Tonne-Intendant Enrico Urbanek den Abend über in starken Bildern und assoziationsreichen Szenen immer wieder neu durch. So wie eben auch der Mai immer wieder »alles neu« macht.

 

Daniel Irschik gibt einen Macker, der seine Freundin am Telefon anschnauzt, weil sie versehentlich seinen Porsche beschädigt hat. »Meinen Lieblingsporsche«, wie er − Gelächter im Saal − betont. Bald darauf ist er zerknirscht, weil sie mit ihm Schluss gemacht hat.

 

In einem als »Café Liebe« ausgewiesenen Raum tragen die Bindungswilligen und sehnsuchtsvoll Suchenden nun zwar keine Augenbinde mehr, doch orientierter wirken sie deshalb nicht. Bahattin Güngör gibt erotische Fantasien bauchtänzerisch Ausdruck, Stephan Wiedwald schickt singend Melismen zu einem Song aus dem Discman in den Raum. Sie tun das mit einer solchen Hingabe, dass man als Zuschauer unweigerlich Teil des Geschehens wird.

 

Das gilt auch für den Mann am Klavier, Haydar Baydur, der mit traumwandlerischer Sicherheit improvisiert, ohne vom Fach zu sein, und damit kleine Spielszenen atmosphärisch grundiert. Und Cornelius Hoffmann-Kuhnt, der in Seemannskluft »Bring Back My Bonnie To Me« anstimmt. Oder Seyyah Inal, der mit den Liedzeilen »Mein Liebchen ist verschwunden / das dort gewohnet hat« direkt ins Herz trifft.

 

Zur starken Ensembleleistung tragen in wechselnden Rollen auch Anne-Kathrin Killguss, Santiago Österle und Antje Rapp bei. Santiago Österle einmal mehr mit selbst getexteten Liedern. Michael Schneider ist als musikalischer Leiter eine sichere Bank und findet auch für die Schattenspiele die stets passende Begleitmusik.

 

Großartig ist nicht zuletzt die Szene, in der er das ganze Ensemble zum Orchester macht, um die unvermeidlichen Liebeswirren komödiantisch in Klang zu verwandeln. Und auch die Szene ohne Worte, in der das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel in ein Urlaubsparadies mit Palme verlagert wird und jeder den Platz an der Sonne sucht, auch der menschlichen, überwiegend vom anderen Geschlecht. Wobei der oder die Andere längst nicht immer einverstanden mit so viel Nähe ist.

 

 

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