Das Märchenland der Worte

von Sophie Holzäpfel

SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 16.2.2023

 

Premiere – Kathrin Becker und Hans Rudolph Spühler begeisterten im Reutlinger Tonne-Theater in ihren Rollen als Melissa und Andy in »Love Letters«, einem Stück in Briefen.

 

Als er Melissa (Kathrin Becker) das erste Mal sieht, erinnert sie ihn an »die verlorene Prinzessin von Oz«. Nur wenige Tage nach ihrer ersten Begegnung in einem trostlosen Klassenzimmer erhält Andrew Makepeace Ladd III. (Hans Rudolph Spühler), genannt Andy, eine Einladung zu Melissas Kindergeburtstag. Der schüchterne Junge kann sein Glück kaum fassen. Die beiden Zweitklässler ahnen zu diesem Zeitpunkt, im Jahr 1937, noch nicht, dass die Geburtstagseinladung den Beginn einer lebenslangen Freundschaft in Briefen einleitet.

 

Im warmen Bühnenlicht sitzt Andy an seinem Schreibtisch. Er hat ein Paket erhalten: In der roten Truhe befinden sich unzählige Briefe und Karten, die er an Melissa schrieb. Mit ihr teilte er Geheimnisse, Gedankenfragmente und Ängste. Schon zu Beginn des Stücks erfährt der Zuschauer, dass Melissa nicht mehr am Leben ist. Und doch tritt sie auf, wird vor den Augen des Publikums zur lebendigen Erinnerung. Am liebsten habe er immer ihr geschrieben, sagt Andy. Sie haben einander am besten gekannt.

 

Sklave deiner Eltern

 

Dabei könnten die beiden unterschiedlicher nicht sein: Melissa, Tochter aus reichem Hause, ist wild und leidenschaftlich, wirft sich dem Leben ohne Verlustängste in die Arme und leidet zugleich unter der Scheidung ihrer Eltern. Sie vermisst ihren Vater und wird von dem neuen Mann ihrer Mutter, die zunehmend dem Alkoholismus verfällt, sexuell missbraucht. »Hilfe, ich will hier raus«, schreibt sie Andy in einem ihrer Briefe. Dieser ist stets bestrebt, die Erwartungen anderer, insbesondere die seiner Eltern, zu erfüllen. Melissa betitelt ihn als »Sklaven deiner Eltern« und ist doch fasziniert von dem nachdenklichen Jungen, hält ihn jedoch bewusst auf Abstand. Nach den ersten Küssen am Weihnachtsball teilt sie ihm mit: »Ich gehe mit niemandem, das ist gegen meine Religion«. Ein Spiel aus Nähe und Distanz entspinnt sich, das Leben führt Melissa nach Paris, Florenz und Ägypten, sie widmet sich der Malerei und verliert sich im Sog der Alkoholsucht, während Andrew seinen Karriereweg als Jurist beschreitet und schließlich Senator wird. Sie verlieren einander zeitweise aus den Augen, enttäuschen sich gegenseitig, beginnen eine leidenschaftliche Affäre.

 

Kathrin Becker und Hans Rudolph Spühler entführen die Zuschauer in ihr eigenes »Märchenland«, wie Andy es einmal nennt. Becker, im Tonfall mal zärtlich, mal leidenschaftlich und fordernd, dann ironisch, fast bitter-zynisch, gelingt es, die Fragilität ihrer Figur sicht- und spürbar zu machen. Spühler brilliert indes in der Rolle des moralischen Mannes, der Zeit seines Lebens ein Getriebener ist.

 

Briefe wie Mosaiksteine

 

Die beiden Schauspieler füllen die Briefe mit Leben. Ihre Beziehung lebt in den Worten, die sie einander schreiben. Ihre persönlichen Begegnungen entpuppen sich oft als Enttäuschung, immer wieder verpassen sich die beiden. Mit den Sätzen, die sie sich schreiben, manchmal aufgelöst, mal wütend, dann wieder voller Liebe und Hingabe, erschaffen sie eine Welt jenseits der gesellschaftlichen Erwartungen, Enttäuschungen und Widrigkeiten des Lebens. Die einzelnen Briefe gleichen dabei Mosaiksteinen, die sich im Laufe des Stücks zu einem Bild zusammen fügen – bestehend aus den Lebensgeschichten zweier Menschen, die stets miteinander verbunden sind. Das Stück kommt dabei ohne wechselndes Bühnenbild, ohne theatralische Ausbrüche oder aufwändige Kostümierung aus – viel mehr lebt es von den leisen zwischenmenschlichen Tönen, die durch die sanften Pianoklänge von Maciej Szyrner unterstrichen werden.

 

 

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